. Porträt

Dr. Bärbel-Maria Kurth

Position

Ein Portrait über die Epidemiologin Dr. Barbel Maria-Kurth, erschienen in BERLIN MEDICAL Nr. 2/2005
Dr. Bärbel-Maria Kurth

Dr. Bärbel-Maria Kurth

"Eine Gesellschaft ohne Kinder ist eine Gesellschaft ohne Zukunft"

Sie wollte mal Germanistik studieren, doch dann entschied sie sich für die Mathematik. Es waren nicht die Zahlen, die sie faszinierten, sondern die Logik in den Gedankengängen, die Unterscheidbarkeit zwischen richtig und falsch, die Übertragbarkeit von Beweisen, die Möglichkeit, allein mit Papier und Bleistift ganze Gedankentürme in schwindelnder Höhe aufeinander aufbauen zu können. "Mathematik", sagt sie, "ist nicht manipulierbar, nicht subjektiv beeinflussbar, nicht abhängig vom jeweiligen politischen System, nur vom zugrunde gelegten Axiomensystem, aber sie ist universell einsetzbar."

Nachts die Dissertation geschrieben

Auf dem Gebiet der Theoretischen Statistik hat sie promoviert, das war 1980 und ihr Sohn noch ein Baby. "Warum soll man mit Baby nicht promovieren können?", fragt sie. "Wenn es tagsüber nicht geht, dann eben nachts." Ihr Ehrgeiz wurde mit "summa cum laude" gewürdigt. Sie vertiefte sich immer weiter in die theoretische Forschung, so dass es nur noch wenige Wissenschaftler gab, mit denen sie sich über das, was sie da trieb, unterhalten konnte. Sie tat es aus Leidenschaft, "das mit der Karriere war dann irgendwann eine angenehme Begleiterscheinung."

Die Karriere hat Dr. Bärbel-Maria Kurth an die Führungs-Spitze des Robert-Koch-Instituts (RKI) gebracht. 1998 wird sie zum Direktor und Professor ernannt, seitdem leitet sie die Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsberichtserstattung am RKI - neben dem Infektionsschutz ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt des Instituts. Zweifelsohne ist es Kurths Verdienst, dass dieser Bereich heute national und international ein hohes Ansehen geniesst. Doch Bärbel Kurth wäre nicht Bärbel Kurth, wenn sie beim Stichwort "Erfolg" nicht sofort auf ihre Mitarbeiter verwiese. "Nichts von alldem hätte ich je erreichen können, ich habe immer Mitarbeiter gehabt, die mitgezogen haben, die bereit waren für Veränderungen, die auch begeistert waren von neuen Zielen". Und stolz sagt sie: "Niemand stellt mehr unsere Kompetenz in Frage, im Gegenteil, wir werden sowohl bei der Entwicklung von Gesundheits- und Präventionszielen hinzugezogen als auch im Entwurf des Präventionsgesetztes für Präventionsberichterstattung vorgesehen, und: Wir werden per (Präventions)- Gesetz beauftragt, das zu tun, womit ich vor zehn Jahren beim Gesundheitsministerium "abgeblitzt" bin, nämlich regelmässig repräsentative Gesundheitssurveys durchzuführen, mit sicher gestellter Finanzierung."

Den ersten bundesweiten Gesundheitssurvey initiiert

Kurth und abgeblitzt? Das passt nicht. Zwei Jahre nachdem ihr Antrag abgelehnt wurde, startete 1998 der erste Bundesweite Gesundheitssurvey für die Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 80 Jahren. Die Daten sind noch heute nachgefragt. Für ihr bislang wichtigstes Projekt, den Kinder- und Jugendsurvey, hat sie sieben Jahre lang gekämpft. Drei Ministerien musste sie von ihrem Vorhaben überzeugen, dreifach wurde das Projekt begutachtet, ein Jahr lang lief eine Pilotstudie unter ihrer Regie mit gutem Erfolg, die Finanzierungszusage war da, aber dann kam das Hochwasser und spülte alles Geld weg. Auch da hat sie nicht aufgegeben. 18.000 Kinder und Jugendliche werden im Rahmen der "KIGGS"-Studie seit 2003 im Verlauf von drei Jahren untersucht, getestet, gemeinsam mit ihren Eltern befragt. Die Feldarbeit dauert zurzeit noch an und wird im Mai 2006 beendet sein. "Dann werden wir einen Datensatz haben, der nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, sondern weltweit einmalig ist."

Bärbel Kurth denkt schon lange über das Jahr 2006 hinaus. Die Teilnehmer will sie in ihrer Entwicklung weiter beobachten, sie erneut untersuchen und befragen. Fast alle haben schon zugesagt - nur das Geld dafür, das muss sie erneut einwerben. Deshalb hat sie die Vision, ein kontinuierliches, vor allem kontinuierlich finanziertes "Gesundheitsmonitoring" zu etablieren. Für Kurth nur eine Frage der Zeit.

Der Wahrheit ins Gesicht sehen

Sie mag es, Menschen von ihren Ideen zu überzeugen und den Umgang mit Menschen überhaupt. Oberflächlichkeiten sind ihr zuwider - jeder "political correctness" zum Trotz. Angetrieben von dem Bedürfnis nach Wahrheit, fasziniert sie das Kind aus Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Während sich alle auf das Spiel einliessen, Kleider zu sehen, wo keine waren, hatte nur das Kind den Mut auszusprechen, dass der Kaiser doch nackt sei. Wahrheiten auszusprechen, gebe ihr ein gutes Gefühl, sagt sie - es entlaste und manchmal fühlten sich sogar die anderen befreit.

Für die Statistikerin ist es eine Katastrophe, dass immer weniger junge Menschen Kinder haben möchten. "Eine Gesellschaft ohne Kinder ist eine Gesellschaft ohne Zukunft", sagt sie. Auch aus persönlicher Sicht, kann sie nicht verstehen, was das grosse Glück, das Kinder bringen, je aufwiegen kann.

Die Geburten ihrer beiden Kinder waren die Meilensteine ihres Leben. "Dieses kleine Wunder, das ich da auf einmal in meinen Armen hielt, vermittelte mir das Gefühl unsterblich zu sein und alle Hindernisse für überwindbar zu halten." Damals gab es diesen Satz aus einem Roman von Christa Wolf, der für sie immer gültig war: "Ich lebe noch, also ist alles am Anfang." Seit dem Tod ihres Sohnes vor zwei Jahren durch einen tragischen Unfall, hat dieser Satz seine Gültigkeit verloren. Es ist nicht mehr alles am Anfang und möglich. Mit einem Schlag hatte das ganze Leben eine andere Farbe, einen anderen Geschmack, einen anderen Sinn bekommen. "Ich höre seither anders zu, ich fühle anders, ich urteile anders." Ihre Leichtigkeit habe sie seither verloren, sagt sie. Man sieht es ihr nicht an.

Neben ihrer Position am RKI ist Dr. Bärbel-Maria Kurth Mitglied zahlreicher Beiräte sowie die beauftragte Vertreterin Deutschlands im "Network of Competent Authorities in Health Information and Knowledge" der Europäischen Kommission. Seit 2001 ist sie mit dem Präsidenten des RKI, Prof. Dr. Reinhard Kurth, verheiratet.

Zum Weiterlesen
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Kinder bekommen normalerweise keinen Hautkrebs – es sei denn sie leiden an der seltenen Erbkrankheit Xeroderma Pigmentosum (XP). Gesundheitsstadt Berlin sprach mit dem XP-Spezialisten Prof. Steffen Emmert über die Fortschritte in der Diagnostik und die Suche nach einer wirksamen Therapie.