. Lyme-Borreliose

Diskussion um Antibiotika nach Zeckenbiss

Fast 50 Patienten, die von einer Zecke gebissen wurden, müssten prophylaktisch mit einem Antibiotikum behandelt werden, um einen Fall von Lyme-Borreliose zu verhindern – das ergab eine US-amerikanische Studie. Ob sich das lohnt, darüber sind sich Experten uneinig.
Borreliose-Risiko nach Zeckenbiss

Zecken können FSME und Borrliose übertragen

Wer aufgrund eines Zeckenbisses an einer Lyme-Borreliose erkrankt, leidet häufig unter Langzeitsymptomen wie Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen, Schlafstörungen oder neurokognitiven Problemen. Einige Experten empfehlen eine prophylaktische hochdosierte Antibiotikatherapie bei Frühinfektion, um eine Erkrankung zu verhindern. Andere bezweifeln, dass eine generelle Prophylaxe mit Antibiotika überhaupt sinnvoll ist.

Einer der Einwände ist, dass nur die wenigsten Zecken mit Borreliose infiziert sind und eine Übertragung zudem davon abhängt, wie lange die Zecke sich festgesaugt hat. Eine Studie aus Baden-Württemberg mit 3750 Personen, die von einer Zecke gebissen wurden, hatte ergeben, dass nur bei 329 von ihnen die Zecke infiziert war. Von den Betroffenen entwickelte wiederum jeder vierte eine Borreliose. Das heißt, dass „nur“ etwa vier Prozent aller gestochenen Personen tatsächlich an Borreliose erkrankten.

Antibiotika-Gabe nach Zeckenbiss häufig umsonst

Andere Studien haben ergeben, dass 49 Patienten prophylaktisch mit Antibiotika behandelt werden müssten, um eine Lyme-Borreliose zu verhindern. Hinzu kommen weitere Probleme. So wenden Kritiker der Antibiotika-Prophylaxe ein, dass der Effekt einer Postexpositionsprophylaxe nur bei Borrelia burgdorferi sensu strictu, einer Zeckenart, die nur in den USA vorkommt, gezeigt werden konnte. Zudem würden die vielen Behandlungen, die vermutlich „umsonst“ stattfinden würden, nicht nur die Kosten in die Höhe treiben, sondern auch die Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen befördern. Auch haben Antibiotika oft starke Nebenwirkungen.

Experten wie Professor Martin Schaller von der Universitätshautklinik Tübingen betonen zudem, dass die Tatsache, dass viele Patienten auch nach sachgerechter Behandlung noch wochen- und monatelang über Schwäche, Abgeschlagenheit, Muskel- und Gelenkschmerzen klagen, nicht bedeutet, dass sie den Erreger noch in sich tragen oder dass sie eine chronische Borreliose hätten. Vielmehr handele es sich dabei meist um ein postinfektiöses Syndrom, bedingt durch die „nicht beendete immunologische Auseinandersetzung“. Schweres antibakterielles Geschütz lehnt Schaller deshalb ab.

Laboranalyse kann Klarheit über Borreliose bringen

Die Deutsche Borreliose-Gesellschaft betont hingegen, dass eine chronische Lyme-Borreliose existiere und durch eine Verzögerung der Behandlung verschlimmert werde. Sie empfiehlt eine prophylaktische hochdosierte Antibiotikatherapie mit bis zu 400 mg Doxycyclin über mehrere Wochen.

Um überhaupt festzustellen, ob die Zecke, von der man gebissen wurde, mit Borreliose infiziert war, ist es möglich, sie in ein Labor einzuschicken. Wurden die Borreliose-Bakterien tatsächlich von der Zecke übertragen, kommt es zudem zur sogenannten „Wanderröte“ (Erythema migrans), einer ringförmigen Rötung rund um die Einstichstelle, allerdings erst nach 10 bis 14 Tagen. Und auch dann muss es nicht zu einer manifesten Borreliose mit Symptomen kommen. Zudem ist es nach Meinung mancher Kritiker dann für eine Antibiotikagabe wahrscheinlich zu spät. Die Diskussion um das Ob, Wann und Wieviel in Bezug auf eine Antibiotika-Prophylaxe nach Zeckenbiss wird also weitergehen.

Foto: © Butch - Fotolia.com

Autor: red
Hauptkategorie: Medizin
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