. Interview

"Der Wert der Organspende ist geblieben"

Wie gewinnt man das Vertrauen der Bevölkerung in die Organspende zurück? Der Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) Dr. Rainer Hess plädiert für ein Transplantationsregister.

Dr. Rainer Hess

Herr Dr. Hess, von Januar bis Oktober 2013 gab es bundesweit 754 Organspenden. Ist das ein historischer Tiefstand?

Hess: Das ist ein historischer Tiefstand. Leider. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist die Zahl der Organspenden um 15,5 Prozent zurückgegangen. Allerdings muss ich dazu sagen, dass wir im August einen radikalen Einbruch hatten, jetzt aber schon wieder eine leichte Trendwende nach oben sehen. Außerdem ist die Zahl der Zustimmungen der Angehörigen nur um drei Prozent zurückgegangen – ein vergleichsweise geringer Rückgang.

Führen Sie den Einbruch auf die jüngsten Organspendeskandale zurück?

Hess: Der Zusammenhang ist offensichtlich. Das Vertrauen der Menschen in die Organspende ist erschüttert, obwohl es sich nicht um einen Skandal in der Organspende sondern in der Organverteilung handelt. Übrigens sind auch viele Ärzte dadurch verunsichert. Die DSO bekam weniger Meldungen aus den Krankenhäusern.

Weniger Meldungen über den Hirntod?

Hess: Ja. Krankenhäuser sind verpflichtet der DSO zu melden, wenn ein Patient am Hirntod verstorben ist. Dass diese Meldungen nun auch zurückgegangen sind, kann ich mir nur durch eine Verunsicherung der Ärzte erklären.

Was passiert nach einem Hirntod, unabhängig davon, ob er der DSO gemeldet wurde oder nicht?

Hess: Die behandelnden Ärzte sollten die Angehörigen über die Möglichkeit der Organspende aufklären, ihnen den Eintritt des Hirntodes und die Abläufe der Organspende transparent erklären.

Vor dem Hintergrund der Skandale nicht gerade einfach.

Hess: Diese Aufgabe ist immer schwierig, gerade wenn es sich um junge Menschen handelt, die verstorben sind. Ärzte brauchen hierfür ein besonderes Gespür und Einfühlungsvermögen. Aber wir dürfen nie vergessen, dass man mit einer Organspende Leben retten kann. Deswegen muss jetzt alles daran gesetzt werden, dass wir das Vertrauen der Menschen im Allgemeinen und das der Ärzte im Speziellen wieder zurückgewinnen.

Wie soll das gehen?

Hess: Nun die Informationskampagnen der Krankenkassen und der Bundezentrale für gesundheitliche Aufklärung laufen auf vollen Touren – und haben meines Erachtens in den letzten Monaten schon Wirkung gezeigt. Grundsätzlich müssen wir den Wert der Organspende wieder verdeutlichen und klar machen, dass dieser Wert nicht durch die Manipulationen verlorengegangen ist. Gleichzeitig müssen wir die Qualität der Organspende bzw. Transplantationen besser belegen können.

Dafür wollen Sie ein Transplantationsregister aufbauen. Was soll das können?

Hess: Ein solches pseudonymisiertes  Register wird uns etwa zeigen, wie viele Leben mit einer Organspende gerettet werden können. In der Regel spendet ja ein Verstorbener gleich mehrere Organe. Es wird uns etwas über die Überlebensdauer sagen und über die Zusammenhänge zwischen der Qualität der gespendeten Organe und der Lebensqualität der Empfänger. Und wir werden sehen, wo es Qualitätsunterschiede bei den Transplantationszentren und Schwachstellen im System gibt.

Sie versprechen sich von dem Register eine Menge. Warum gibt es das dann nicht schon längst?

Hess: Weil bislang die Daten der drei maßgeblichen Einrichtungen hermetisch voneinander abgeriegelt sind. Wir brauchen deshalb eine Gesetzesänderung, die die Zusammenführung der Daten erlaubt.

Um welche Daten geht es?

Hess: Die DSO hat alle Daten zu den Spendern, Eurotransplant alle Daten zu den Empfängern und das Aqua-Institut verfügt über die Daten der Folgebehandlungen. Diese Daten müssen wir endlich zusammenführen können, um eine vernünftige Aussage über die Qualität von Organtransplantationen machen zu können. Damit werden wir auch die Bevölkerung besser überzeugen können. Glücklicherweise haben die Parteien die Gesetzesänderung in die Koalitionsgespräche aufgenommen. Hier besteht parteiübergreifender Konsens, dass sich etwas ändern muss.

Die Chancen sind also groß, dass das Transplantationsregister auf den Weg gebracht wird?

Hess: Die Chancen sind sehr groß, erfreulicherweise.

Braucht Deutschland 47 Transplantationszentren oder täten es auch weniger, so wie es viele fordern?

Hess: Wahrscheinlich täten es auch weniger. Ich finde es aber vorschnell, Zentren mit kleinen Fallzahlen auflösen zu wollen. Wir wissen doch gar nicht, wie gut die im Vergleich zu den großen sind. Allenfalls sollten wir über Zusammenlegungen nachdenken. Aber auch für diese Diskussion wird ein Transplantationsregister die notwenige Transparenz liefern.

Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
 

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