. Interview

„Das Problem ist deutlich größer als gedacht“

Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.
Prof. Konrad Reinhart, Uni Jena

Prof. Dr. Konrad Reinhart von der Universität Jena, Vorsitzender der deutschen Sepsis-Stiftung und der internationalen Global Sepsis Alliance.

Sepsis ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland und die häufigste auf Intensivstationen. Zu dem Krankheitsbild kursieren viele, teils widersprüchliche Zahlen. Zeichnen Sie uns bitte ein seriöses Lagebild?

Nach den uns vorliegenden Zahlen treten in Deutschland jährlich circa 280.000 neue Sepsisfälle auf. Rund ein Viertel oder rund 70.000 Patienten sterben daran; von diesen wiederum müssten 15.000 bis 20.000 nach unserer Einschätzung vermeidbar sein. Insgesamt gehen wir davon aus, dass die Dunkelziffer noch einmal so groß ist wie die Zahl der offiziellen Fälle, weil nur die Hälfte der Sepsis-Fälle als solche erkannt und behandelt werden. Selbst hier an der Uniklinik Jena, die sich in besonderer Weise mit Sepsis befasst, haben wir bei einer Analyse von Krankenakten festgestellt, dass nur die Hälfte der Fälle nach dem internationalen ICD-Schlüssel als „Sepsis“ dokumentiert ist. Hier zeigt sich: Das Problem ist deutlich größer als gedacht.

Anders als der Herzinfarkt tritt die Sepsis nicht  schlagartig auf . Sie entwickelt sich erst und gilt in vielen Fällen als vermeidbar. Trotzdem sterben jedes Jahr in Deutschland so viele Menschen daran, wie in Landshut, Celle oder Brandenburg an der Havel leben. Wie kann das sein?

Die Sepsis wird oft verkannt, als scheinbar harmlose Grippe – auch von Ärzten oder von klinischem Personal. Das ist das Üble an der Sache. Ihre Symptome sind unspezifisch und werden häufig isoliert betrachtet. Nur in der Gesamtschau mehrerer Einzelsymptome lässt sich eine Sepsis aber identifizieren. Die deutsche Sepsis-Hilfe – es ist die erste Betroffeneninitiative weltweit – ist voll von Menschen, bei denen die Sepsis nicht rechtzeitig erkannt wurde. Sie haben den ärztlichen Notdienst gerufen, der diagnostizierte eine Grippe und ging wieder – eine Fehleinschätzung. Auch aus Notaufnahmen kennen wir zahllose Fälle, in denen Patienten wieder weggeschickt wurden oder Stunden vergingen, bis die Therapie eingeleitet wurde. Es gibt Untersuchungen, nach denen bei 40 Prozent der Sepsis-Fälle, die ins Krankenhaus kommen, die Diagnose verzögert gestellt und die Patienten auch verzögert behandelt wurden. Die Sepsis muss jedoch wie der Herzinfarkt als Notfall behandelt werden.

Warum ist die Zeit bei der Sepsis so ein entscheidender Faktor?

Das „Center for Sepsis control and care“ hier an der Universität Jena dieses Thema untersucht. In der Studie, die ich selbst geleitet habe, konnten wir belegen, dass jede Verzögerung der Therapie um eine Stunde die Sterblichkeit um zwei Prozent erhöht. Das heißt: Jede Stunde zählt. Untersuchungen aus den USA zeigen: Wenn ein Patient innerhalb der ersten Stunde Antibiotika bekommt, steigt die Überlebensrate linear an. Bekommt sie nicht, steigt entsprechende die Sterblichkeit.

Dass Patienten oder Angehörige als Laien eine Sepsis nicht erkennen, ist nicht weiter verwunderlich – aber Schwestern, Pfleger und Ärzte sind ja Profis.

Im Gegensatz zu vielen anderen schweren Krankheiten hatte die Sepsis in Deutschland über Jahrzehnte keine Lobby. Mitte der 1970er-Jahre setzte sich die Prämisse durch, dass das Problem der Infektionskrankheiten weltweit gelöst und unter Kontrolle sei. Obwohl wir das Land eines Robert Koch sind, hat sich in der Folge die Infektologie in Deutschland sehr viel weniger stark entwickelt als in anderen Ländern.

Woran fehlt es denn in deutschen Krankenhäusern?

Für andere Notfälle wie Schlaganfall oder Herzinfarkt oder bei der Versorgung von Polytrauma-Patienten gibt es ein klar definiertes Behandlungsschema, das systematisch abzuarbeiten ist. Bei der Sepsis existiert das flächendeckend in Deutschland nicht. Ich wage die These, dass maximal fünf Prozent der Krankenhäuser für sich intern solche Standard Operation Procedures (SOP) festgelegt haben, in denen geregelt ist, wie diese lebensbedrohliche Erkrankung im Haus zu erkennen und behandeln ist.

Können Sie mir bitte ein Beispiel nennen?

Am Uniklinikum Greifswald läuft seit sieben Jahren ein krankenhausweites Programm – mit ausdrücklicher Unterstützung der Krankenhausleitung. Die Zahl der  Fälle hat sich in dieser Zeit nahezu verdoppelt – weil sei als solche erkannt wurden. Weil in Greifswald mehr Fälle erkannt wurden und diese früher behandelt wurden, ist es gelungen, die Sepsis-Sterblichkeit auf einen Wert zu drücken, der 15 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Daran sieht man: Es geht auch in Deutschland. Aber von allein passiert das eben nicht. Man muss sich schon strukturiert d.h. in allen Bereichen des Krankenhauses darum kümmern.

Was ist ihr Rat oder Ihre Forderung?

Egal ob Pflegekräfte und Ärzte – sie alle müssen wir in Früherkennungsmaßnahmen schulen. Die Symptome bei Sepsis sind ja offenliegend. Man muss nur lernen, sie im Zusammenhang zu betrachten und richtig zu interpretieren. Die Sepsis frühzeitig erkennen und die zu Grunde liegende Infektion schnell und entschlossen behandeln – und nicht warten, bis das Vollbild des septischen Schocks und des Multiorganversagens vorliegt: Das ist der therapeutische Ansatz und da müssen wir hinkommen.

Sie sagten, nur fünf Prozent der Krankenhäuser hätten sich selbst bisher verbindliche To-do-Listen für Diagnose und Behandlung verordnet. Freiwilligkeit alleine ist selten ein Motor für einen Durchbruch.

In Deutschland ist der Umgang mit Sepsis tatsächlich ins Belieben des einzelnen Krankenhauses beziehungsweise der Ärzte, die im ambulanten Bereich tätig sind gestellt. In vielen anderen hoch entwickelten Ländern ist die Sicherheitskultur viel ausgeprägter. Ein großes Vorbild ist für mich Australien: Dort konnte die Sterblichkeit bei Sepsis von 34 Prozent auf unter 18 Prozent gesenkt werden – also halbiert. In Deutschland liegt sie  noch immer über 40 Prozent.

Was haben die Australier getan und geschafft, dass wir sie uns zum Vorbild nehmen können?

In Australien bekommt ein Krankenhaus nur eine Zulassung, wenn es ein „Rapid Response Team“ in Bereitschaft vorhält. Läuft der Gesundheitszustand eines Patienten aus dem Ruder, rückt dieses Team umgehend aus. In Deutschland dagegen rücken „Reanimationsteams“ aus – erst wenn der Herzstillstand schon da ist. In Australien hat der Staat hat das Problem zur Chefsache gemacht und ein offizielles und verbindliches Gesamtpaket für Vorbeugung und Therapie geschnürt. Das fordern wir auch für Deutschland einen Nationalen Sepsis-Plan. In ihm sollen alle notwendigen Handlungsfelder Berücksichtigung finden:  von der Verbesserung der Vorbeugung, der gesundheitlichen Aufklärung in allen gesellschaftlichen Bereichen, und im Gesundheitswesen bis hin zur verbindlichen Einführung von Qualitätsindikatoren zur Sepsis-Behandlung in den Krankenhäusern. Erfreulicherweise haben sich bereits über 70 Krankenhäuser freiwillig in einem   „Deutschen Qualitätsbündnis Sepsis“ zusammengeschlossen – um einfach bei Sepsis-Fällen das Gleiche zu tun, was bei anderen lebensbedrohlichen Krankheitsbildern längst Standard ist.

Foto: Universitätsklinikum Jena/Szabo

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