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Coronavirus: Welche Varianten sind gerade im Umlauf?

Dienstag, 18. Oktober 2022 – Autor:
Sieben Corona-Varianten sind seit Beginn der Pandemie aufgetaucht – von Alpha bis Omikron. Der Viren-Evolutionsforscher Neher rechnet vorerst nicht mit einer neuen – dafür aber mit Omikron-Untervarianten, die versuchen könnten, Impfung und Immunsystem auszutricksen.
Omikron-Variante - grafische Darstellung.

Sieben Varianten des Coronavirus Sars-CoV-2 gab es bisher im Lauf der Pandemie. Fünf davon stufte die WHO als „besorgniserregend" ein, darunter die aktuelle kursierende Omikron-Variante. – Foto: AdobeStock/PX Media

Grippe, Dengue, Zika, Ebola – oder jetzt Corona: Der Schweizer Virusforscher Richard Neher hat gemeinsam mit anderen ein Tool entwickelt, mithilfe dessen sich Evolution und Verbreitung verschiedener Viren analysieren lassen. Dieses Tool verwenden Epidemiologen, Virologen und Gesundheitsexperten weltweit, um fast in Echtzeit zu sehen, wie die Krankheitserreger sich verändern und ausbreiten. Zum Beispiel im Fall von Grippeviren ist dieses Vorhersagemodell wichtig: Weil sich das Virus laufend ändert, muss in jeder Saison der Impfstoff neu angepasst werden. Einen vergleichbaren Mechanismus beobachten Experten auch beim Coronavirus.

Bisher: Sieben Corona-Varianten – fünf davon „besorgniserregend“

Sieben Corona-Hauptvarianten sind seit Beginn der Pandemie aufgetaucht. Fünf davon gelten oder galten laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „besorgniserregende Virusvarianten“ (variants of concern/VOC): Alpha, Beta, Gamma, Delta – und jetzt: Omikron. Welche Corona-Varianten kursieren aktuell? Welche könnten sich neu entwickeln? Welche könnten uns in diesem Winter gefährlich werden? Wie sieht die Corona-Prognose für die kommenden Wochen aus? Prof. Dr. Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel gibt Antworten auf Fragen, die viele beschäftigen.

Wie viele Varianten des Coronavirus kursieren derzeit weltweit? Und wie viele davon verfolgen Sie als Viren-Evolutionsforscher?

Es gibt im Moment sehr viele, oft seltene Varianten des Coronavirus. Und viele werden gar nicht sequenziert. Wie viele es genau sind, wissen wir nicht. Wir verfolgen derzeit einige Dutzend. Unser Hauptaugenmerk liegt dabei auf verschiedenen Varianten aus der Omikron-Familie, insbesondere Untervarianten von BA.2 und BA.5.

Warum ausgerechnet diese beiden?

BA.5 war hier im Sommer die dominierende Variante und hat zu einer hohen Anzahl an Infektionen geführt. Sie hat im Frühjahr bei uns die dominierende Variante BA.2 verdrängt. In Südasien gab es hingegen kaum BA.5. Hier zirkulierte vor allem BA.2. Sowohl BA.2 als auch BA.5 haben sich mittlerweile weiterentwickelt und viele Untervarianten gebildet, die zum Teil weniger gut von Antikörpern erkannt werden. Diese alle haben das Potenzial, eine neue Welle auszulösen.

Welche Varianten sind diesen Herbst im Umlauf?

Die Kandidaten, die uns im Hinblick auf den Herbst derzeit am meisten Sorgen machen, sind BA.2.75.2 und BQ.1.1. Erstere Untervariante hat sich sehr weit von der ursprünglichen BA.2-Variante wegentwickelt. Sie weist vor allem Veränderungen an Positionen auf, die für die Antikörperbindung wichtig sind. Neue Daten deuten darauf hin, dass sie die Immunantwort von Menschen, die in den letzten Monaten eine BA.5 Infektion hatten, unterlaufen kann. Auch BQ.1.1, eine Untervariante von BA.5, hat sich in sehr ähnlicher Weise wie BA.2.75.2 entwickelt und wird von Antikörpern weniger gut erkannt. Beide sind Momentan bei uns noch selten, nehmen aber an Häufigkeit zu.

Wie schaut Ihre Prognose aus?

Wir rechnen damit, dass in den nächsten vier bis acht Wochen die Fallzahlen wieder ansteigen werden. Die Herbstwelle hat also bereits begonnen. Wann genau und welche Variante das Rennen macht, ist noch nicht ganz klar. Aber es ist wahrscheinlich, dass die immun-evasiven Subvarianten die Welle später im Herbst weiter anheizen.

Mittlerweile gibt es neue Impfstoffe. Was ist bei diesen anders als bei den bisherigen?

Die neuen Impfstoffe, die bei uns schon jetzt oder bald auf dem Markt sind, sind sogenannte bivalente Impfstoffe. Sie enthalten die ursprüngliche Variante sowie zusätzlich eine Variante aus der Omikron-Familie. Der erste bivalente Impfstoff enthält die BA.1-Variante, die die erste Omikron-Welle erzeugt hat. Es gibt auch einen bivalenten Impfstoff mit der BA.5-Variante. Dieser ist in den USA und einigen Teilen Europas schon jetzt verfügbar.

Hat man beim neuen Impfstoff mit BA.1 auf das falsche Pferd gesetzt?

Das kann man so nicht sagen. Man hat auf die Variante gesetzt, die zu dem damaligen Zeitpunkt dominant war. Und tatsächlich ist BA.1 auch immer noch die Variante, die mit ihren Mutationen im Spike-Protein am weitesten von dem ursprünglichen Virus entfernt ist. Der neue Kombi-Impfstoff frischt die bisherigen Impfungen auf und führt zu einer verbreiterten Immunantwort. Dadurch erkennt unser Immunsystem ein größeres Spektrum an Varianten.

Die Grippeimpfungen werden immer vor einer Welle angepasst und hergestellt. Hinken wir dem Coronavirus bei der Herstellung der Impfungen nicht eigentlich hinterher?

Tatsächlich sind wir mit den neuen mRNA-Impfstoffen sogar ziemlich schnell in der Anpassung und Herstellung. Leider verändert sich das Virus so rasch, dass es uns bislang immer einen Schritt voraus ist. Trotzdem bleiben wir mit dem neuen Kombi-Impfstoff dem Coronavirus auf den Fersen.

Wird man sich dauerhaft jedes Jahr impfen müssen?

Es ist gut möglich, dass bestimmten Bevölkerungsgruppen, ähnlich wie bei der Grippe,  empfohlen werden wird, sich jedes Jahr impfen zu lassen.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass dieser Winter anders wird als der letzte?

Nun, sicher sein kann man sich natürlich nicht. Das Virus hielt bislang immer Überraschungen bereit. Allerdings sehen wir derzeit keine komplett neue Variante, sondern eine Weiterentwicklung von Omikron. So rasant ansteigende Fallzahlen wie vergangenen Winter, als die sehr stark veränderte Omikron-Variante plötzlich auftrat, erwarten wir also nicht.

Wie interessant ist das Virus noch für Ihre Forschung?

Wir können derzeit verfolgen, wie durch die zunehmende Immunität bei uns Menschen der Selektionsdruck auf das Virus steigt. Das Virus verändert sich und findet neue „Schlupflöcher“, um Menschen erneut zu infizieren. Diese evolutionäre Dynamik in kleinen Schritten ist für uns viel spannender als die großen Sprünge, die das Virus bisher gemacht hat. Denn diese Sprünge lassen sich zwar beobachten, aber nicht wirklich erklären. Besonders interessant ist für uns der Übergang von einer immunologisch naiven Bevölkerung zu einer, die auf verschiedenste Weise immunisiert ist. Welche Auswirkungen dies auf die Evolution des Virus hat und eine solche Entwicklung live mitzuverfolgen, ist für die Forschungswelt eine bislang einmalige Gelegenheit.

(Quelle: Universität Basel)

 
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