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Coronavirus: Senioren schützen, Junge sich infizieren lassen?

Um den Coronavirus-bedingten Lockdown aufzuheben, wird unter anderem eine Strategie der „kontrollierten Durchseuchung“ vorgeschlagen: Senioren werden geschützt, Junge können sich infizieren. Derweil errechneten Wissenschaftler, wann der Wendepunkt der Pandemie unter anhaltend strengen oder lockereren Kontaktauflagen erreicht wäre.
Seniorin, Atemschutzmaske, Coronavirus

Eine Corona-Strategie, bei der die Alten geschützt werden, und die Jungen sich infizieren können, lehnen Infektologen ab

Um die öffentlichen Beschränkungen zur Eindämmung der SARS-CoV-2 Epidemie rasch aufzuheben, damit wieder ein normales Sozial- und Wirtschaftsleben beginnen kann, wird unter anderem eine kontrollierte Durchseuchung vorgeschlagen. Senioren werden weiter geschützt, Junge können sich infizieren, um eine Herdenimmunität zu erzeugen.

Als Begründung dient hierbei zum einen die relativ niedrige Sterblichkeit von jüngeren Menschen durch COVID-19. Zum anderen wird die rasche Erzeugung einer Herdenimmunität als notwendige Voraussetzung für die Kontrolle der Epidemie angeführt. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) spricht sich indes entschieden gegen ein solches Vorgehen aus.

Coronavirus: Senioren schützen, Junge sich infizieren lassen?

"Es gibt überhaupt keinen Präzedenzfall für das Funktionieren einer `kontrollierten Durchseuchung`", so Prof. Bernd Salzberger, Präsident der DGI, in einer Pressemitteilung. Wenn das Virus breit in der Bevölkerung zirkuliere, müsse man damit rechnen, dass die Infektionen bei Jüngeren in einer Art "spillover-Effekt" auch auf andere Altersgruppen übertragen werden - mit dramatischen Konsequenzen.

Ein wirksamer Schutz der besonders vom Coronavirus gefährdeten Bevölkerungsgruppen - neben älteren Menschen solche mit schweren Grunderkrankungen - sei mit dieser Strategie nicht zu gewährleisten. Die Strategie Senioren schützen, Junge sich infizieren lassen, sei demnach ein Irrweg.

 

Auch viele Todesfälle unter Jüngeren

Nicht nur für die bekannten Risikogruppen wäre dieses Vorgehen fatal. Auch wenn die Sterblichkeit von COVID-19 bei älteren Menschen deutlich höher ist, wäre die Zahl der Todesfälle bei ungebremster Ausbreitung unter jüngeren Menschen gewaltig. "Wir müssten mit deutlich über 100.000 Toten allein bei den unter 60-Jährigen rechnen - das lässt sich aus den Daten, die uns zu dieser Infektion vorliegen, ableiten", so Prof. Gerd Fätkenheuer, Vorstandsmitglied der DGI. 

Die DGI plädiert stattdessen weiterhin für eine Verlangsamung des Infektionsgeschehens in allen Altersgruppen. Dazu empfiehlt die Fachgesellschaft eine Strategie der Überwachung und Kontrolle der Infektion. Dringend notwendig sind hierfür ein Ausbau der Testkapazitäten sowie die Isolation positiv getesteter Personen. Dazu müssen alle Maßnahmen ergriffen werden, die bei der Kontrolle der Epidemie helfen können.

Infektologen empfehlen Tracking-Apps und Gesichtsmasken

Hierzu gehören sowohl das Smartphone-Tracking per COVID-19-App wie auch das Tragen von Gesichtsmasken, wenn die Möglichkeit eines direkten Personenkontaktes besteht. "Der Mund-Nasen-Schutz schützt einen Gesunden nicht davor, die Infektion zu bekommen. Er kann jedoch helfen, dass ein Infizierter die Viren nicht per Tröpfcheninfektion an andere weitergibt. Mit steigenden Infektionszahlen kann das Tragen von Mund-Nasen-Schutz in der Bevölkerung also ein wichtiger Teil einer Gesamtstrategie sein", so Salzberger.

Hier sollte bevorzugt auf selbstgemachte Masken zurückgegriffen werden, um dem Gesundheitssystem die dringend benötigte medizinische Ausrüstung nicht vorzuenthalten.

Wann ist der Wendepunkt der Pandemie erreicht?

Derweil haben Wissenschaftler aus Mainz und Hamburg jetzt errechnet, wann bei der Verbreitung der durch das Coronavirus verursachten Krankheit COVID-19 in Deutschland ein Wendepunkt erreicht sein könnte: Würden die bestehenden Maßnahmen zur Reduzierung sozialer Kontakte auch nach den Osterferien beibehalten und sich die Bevölkerung weiterhin wie bisher daran halten, würde die Zahl der Neuerkrankten weiter zurückgehen und die Pandemie hierzulande bereits Ende April ihren Höhepunkt erreichen.

Knapp 60.000 Menschen wären dann in Deutschland gleichzeitig an COVID-19 erkrankt und die Gesamtzahl der als infiziert gemeldeten würde 200.000 nicht übersteigen. Zu diesen Ergebnissen kommt ein Team von Forschern der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und der Universität Hamburg durch die Anwendung eines statistischen Modells, der sogenannten Gompertzkurve, auf die bis zum 7. April veröffentlichten Fallzahlen des Robert Koch-Instituts.

Aufhebung aller Kontaktsperren nicht zu empfehlen

"Die Kurve krümmt sich nicht mehr nach oben, sondern nach unten, weil die Zahl der Neuerkrankungen zurückgeht", sagt Prof. Klaus Wälde, Volkswirt an der JGU. Würden die Maßnahmen zur Reduzierung sozialer Kontakte nach den Osterferien komplett aufgehoben, würden die Zahlen der Neuinfizierten und der Erkrankten mit einigen Tagen Verzögerung wieder stark ansteigen und das Gesundheitssystem voraussichtlich im Mai an seine Grenzen stoßen. "Ein vollständiges Aufheben der bisherigen Kontaktsperren ist deshalb nicht zu empfehlen", sagt Wälde in einer Pressemitteilung.

Allerdings sprechen sich die Wissenschaftler auch nicht für ein vollständiges Beibehalten der Kontaktsperren aus: "Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten wären zu hoch, zu viele Unternehmen müssten dann schließen", sagt Wälde. Er empfiehlt ein schrittweises und regional unterschiedliches Aufheben der bestehenden Maßnahmen: "Zum Beispiel könnte man zunächst nur in manchen Regionen Restaurants wieder öffnen lassen, oder man könnte in manchen Regionen die Schulen zunächst nur für Schüler ab der neunten Klasse öffnen und in anderen Regionen für Schüler ab der fünften Klasse."

Effekte des regionalen Vorgehens vergleichen

Durch den Vergleich der Entwicklungen der Zahlen zu den COVID-19-Erkrankungen in den verschiedenen Regionen könnte man dann nach einigen Wochen erkennen, welchen Effekt das unterschiedliche Vorgehen auf die Verbreitung der Krankheit hätte und gegebenenfalls Anpassungen vornehmen. "Würde man solche Unterschiede auf Ebene der Bundesländer einführen, könnte man unser föderales System dazu nutzen, voneinander zu lernen", so der Wissenschaftler.

Foto: Adobe Stock/Maria Sbytova

Foto: ©Maria Sbytova - stock.adobe.com

Autor: bab
Hauptkategorie: Corona
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