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08.05.2021

Chronisches Fatigue Syndrom definitiv eine Folge von Long-Covid

Mehr als ein Jahr nach Pandemiebeginn steht fest: Zu den vielen Langzeitfolgen von Covid-19 gehört auch das Chronische Fatigue Syndrom. Experten vermuten, dass die Corona-Infektion bei den Betroffenen eine Autoimmunerkrankung ausgelöst hat.
Nach mildem Covid-Verlauf für immer krank: Vor allem jüngere Frauen entwickeln ein Chronisches Fatigue Syndrom

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Viele Covid-Patienten fühlen sich noch lange nach der eigentlichen Erkrankung ausgelaugt und erschöpft. Jede kleinste Anstrengung wird zum Marathon, auch das Denken führt zu einem benebelten Kopf und Schwindelgefühl. „Fatigue“ wird dieses Symptom genannt und ist nach schwereren Infektionskrankheiten nichts Ungewöhnliches. In den meisten Fällen verschwindet die Fatigue-Problematik nach einigen Wochen oder Monaten wieder von alleine. Ein Zeichen, dass das Immunsystem wieder zur Ruhe gekommen ist.

Charité hat Fatigue-Sprechstunde für Post-Covid-Patienten eingerichtet

Doch einige Betroffene sind auch nach einem halben Jahr und länger noch schwer krank, kommen einfach nicht auf die Beine. Professor Carmen Scheibenbogen betreut diese Patienten am Fatigue Centrum der Charité, neuerdings in einer speziellen Post-COVID-Fatigue Sprechstunde.

Ihre Befürchtung, dass Covid in einigen Fällen zum Chronischen Fatigue Syndrom führen kann, hat sich inzwischen leider bestätigt: „Ein nicht unerheblicher Teil unserer Patienten zeigt das Vollbild eines Chronischen Fatigue Syndroms “, erklärt sie im Interview mit Gesundheitsstadt Berlin. „Das ist eine eigenständiges, sehr schweres Krankheitsbild, vieles spricht für eine Autoimmunerkrankung.“

 

Die Patienten sind jung und hatten einen milden Covid-Verlauf

Auffällig ist, dass die Post-Covid-Patienten mit Chronischem Fatigue Syndrom jünger als 50 Jahre sind und zuvor keinen wirklich schweren Covid-Verlauf hatten, die Infektion also ohne Lungenentzündung und ohne Krankenhausbehandlung verlief. „Unsere Patienten waren zwar zwei Wochen lang ziemlich krank mit Fieber und schwerem Krankheitsgefühl, hatten aber definitionsgemäß einen milden Verlauf“, erzählt die Immunologin. Vielen Patienten mit CFS-ginge es ein Jahr nach der Infektion ein Stück besser. „Aber es ist eine chronische Erkrankung, und einige unserer Patienten sind anhaltend schwer erkrankt“, betont Scheibenbogen.

Langwierige Behandlung

Medikamente zur Behandlung des CFS stehen momentan nicht zur Verfügung. Die Charité-Ärzte können jedoch mehr oder weniger erfolgreich Symptome wie Kreislaufprobleme, Schmerzen und schwere Schlafstörungen behandeln. Da Anstrengungen immer wieder zu schweren Krankheitsschüben führen, raten die Ärzte, jede Überlastungen zu vermeiden und legen den Patienten Entspannungstechniken nahe, etwa Atemübungen. Ein wichtiges Therapieprinzip am Anfang sei, „dass man erst mal Ruhe hereinbringt“, sagt Scheibenbogen.

Ursache fehlgesteuerte Immunantwort

Als führende CFS-Forscherin arbeitet sie an der Entwicklung neuer Medikamente, die an den Ursachen ansetzen. Besonders im Fokus stehen dabei sogenannte Adrenalin-Rezeptor-Antikörper. Diese Antikörper helfen  dem Botenstoff Adrenalin, Funktionen des vegetativen Nervensystems wie Atmung, Herzschlag oder Blutverteilung im Körper zu steuern. Nach einer Infektion können sich die Antikörper jedoch offenbar so verändern, dass die Steuerung lebenswichtiger Funktionen nicht mehr richtig funktioniert. „Wir sehen dass die Auto-Antikörper bei CFS-Patienten verändert sind auch mit den Symptomen korrelieren“, sagt Scheibenbogen. Das System werde sozusagen „durch eine fehlgesteuerte Immunantwort falsch ausgerichtet", was auch die weireichenden Symptome erklären könnte.

Alles deutet auf eine Autoimmunerkrankung hin

Forscher gehen deshalb davon aus, dass es sich bei CFS um eine Autoimmunerkrankung handelt, auch bei Post-Covid-Patienten. „Das ist genau die Situation, die solche Autoimmunerkrankungen auslösen kann“, sagt Carmen Scheibenbogen. Darum rät die CFS-Spezialistin jedem, sich mit einer Covid-Impfung vor der Infektionskrankheit und ihren unberechenbaren Langzeitfolgen zu schützen. Dass die Impfung selbst das Chronische Fatigue Syndrom auslösen könnte, hält die Expertin für theoretisch denkbar, praktisch aber für sehr unwahrscheinlich, da die Immunantwort sehr viel schwächer sei als nach der Infektion. „Es gibt dazu überhaupt keine Daten“, sagt sie, „und ich halte das Risiko für äußerst gering.“

Begrifflichkeiten

Das Chronische Fatigue Syndrom (CFS) wird auch Myalgische Enzephalopathie (ME) genannt. In Deutschland ist die Bezeichnung CFS gebräuchlicher, auch wenn sie das Ausmaß der schweren Erkrankung verharmlost, denn Fatigue ist nur eines von vielen Symptomen. Der Begriff Myalgische Enzephalopathie legt dagegen ein Entzündungsgeschehen nahe, was ebenfalls nicht ganz zutreffend ist. Wegen diesem Dilemma werden oft beide Begriffe zu ME/CFS kombiniert.

Foto: © Adobe Stock/ fizkes

Hauptkategorien: Medizin , Corona
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