. Schmerzmedizin

Cannabis weniger wirksam als erhofft

Seit März dürfen Ärzte Cannabis auf Kassenrezept verordnen. Eine Meta-Studie untersuchte die medizinische Anwendung der Hanfpflanze. Cannabis erwies sich als weniger wirksam als erhofft.
Cannabis-Therapie

Cannabis in der Schmerztherapie ist weniger wirksam als erhofft

Ärzte dürfen seit einigen Monaten Cannabis auf Kassenrezept verordnen, wenn andere Therapieformen versagen oder nicht in Frage kommen. Cannabis ist in Form getrockneter Blüten (Medizinalhanf), als Extrakt (Dronabinol), Fertigarzneimittel (Tetrahydrocannabinol/Cannabidiol-Spray) oder in synthetischer Form (Nabilon) erhältlich. Ein Team um den Schmerz-Spezialisten Prof. Winfried Häuser vom Klinikum Saarbrücken wertete jetzt vorliegende Studien zur Wirksamkeit der Pflanze aus.

Einbezogen wurden zwischen 2009 und 2017 erschienene Studien, in denen die Wirksamkeit der in der Hanfpflanze enthaltenen Cannabinoide in der Schmerz- und Palliativmedizin untersucht wurde. Von 750 identifizierten Arbeiten erfüllten 13 die Qualitätskriterien, darunter waren 2 Langzeitbeobachtungsstudien.

Cannabis weniger wirksam als erhofft

Eingeschränkt wirksam war THC/CBD-Spray bei neuropathischen Schmerzen. Nicht ausreichend waren die Belege für die Wirksamkeit von Dronabinol, Nabilon, Medizinalhanf oder THC/CBD-Spray bei Tumorschmerzen, rheumatoider Arthritis, Fibromyalgie, chronischer Pankreatitis sowie Übelkeit und Appetitlosigkeit im Rahmen einer Krebs-Therapie oder bei Aids. Zudem sei eine Therapie mit Cannabisprodukten mit zentralnervösen und psychiatrischen Nebenwirkungen wie Benommenheit und Schwindel verbunden, schreiben die Studien-Autoren im Deutschen Ärzteblatt.

Ihre nüchterne Schlussfolgerung: „Es besteht eine Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung der Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Cannabisprodukten in der Schmerz- und Palliativmedizin und den Ergebnissen von systematischen Übersichtsarbeiten und prospektiven Beobachtungsstudien nach den Standards der evidenzbasierten Medizin.“ Cannabis ist demnach weniger wirksam als erhofft.

Kassen bewilligen nicht alle Anträge

Chronische – insbesondere neuropathische – Schmerzen, Spastik bei MS sowie Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen gelten bislang als gängige Indikationen für Cannabis-basierte Medikamente. Trotz der neuen gesetzlichen Regelung bleibt es aber letztlich doch den Krankenkassen überlassen, ob sie einem Antrag zur Therapie mit Cannabis zustimmen. In der Hälfte der Fälle käme ein ablehnender Bescheid, klagen Ärzte und Patienten.

Zu Recht, meint Dr. Ursula Marschall, Leiterin der Abteilung Medizin und Versorgungsforschung bei der Barmer GEK. "Die Erwartung: mit Cannabis wird jetzt alles gut, entspricht nicht der Versorgungsrealität", sagte sie der Ärzte Zeitung. Nach ihrer Einschätzung wird von den Patienten die analgetische Potenz der Cannabispräparate häufig überschätzt, die Nebenwirkungen werden dagegen unterschätzt. "Viele werden enttäuscht sein", so die Medizinerin weiter in der ÄZ.

Foto: poylock19/fotolia.com

Autor: bab
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Gelenkschmerzen , Rheumatoide Arthritis

Weitere Nachrichten zum Thema Cannabis

| Seit fünf Monaten übernehmen die Krankenkassen die Kosten für medizinisches Cannabis bei chronisch Erkrankten, denen kein anderes Medikament mehr hilft. Die Nachfrage ist in die Höhe geschnellt, in vielen Apotheken ist Cannabis vergriffen. Weil ein Vertriebssystem unter staatlicher Kontrolle sich erst etablieren muss, ist Deutschland noch auf Importe angewiesen.

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender

KZV Berlin, großer Sitzungssaal, Georg-Wilhelm-Straße 16, 10711 Berlin
. Kliniken
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Prof. Hendrik Streeck leitet Deutschlands erstes Institut für HIV-Forschung am Universitätsklinikum Duisburg-Essen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem US-Rückkehrer über sein größtes Ziel gesprochen: eine präventive Impfung gegen HIV.
Die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern der Homöopathie sind verhärtet. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Homöopathie-Kritikerin Dr. med. Natalie Grams über wissenschaftliche Prinzipien und den verbreiteten Wunsch nach medizinischen Alternativen gesprochen.
Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.