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Benzodiazepine: Langfristiger Gebrauch schadet dem Denken

Dienstag, 1. März 2022 – Autor:
230 Millionen Tagesdosen an Benzodiazepin werden jährlich verschrieben, um Angst- und Erregungszustände oder Schlafstörungen zu behandeln. Während die Kurzzeitbehandlung als sicher gilt, kann die Dauertherapie nicht nur abhängig machen. Eine Studie der Uni München zeigt: Vor allem bei Älteren schädigt sie die Informationsverarbeitung im Gehirn.
Frau liegt auf dem Bett mit einem Glas Wasser und schaut daliegende weiße Tabletten an.

Benzodiazepine: Wirken kurzfristig spürbar gegen Ängste und Schlafstörungen. Auf längere Sicht bergen sie Suchtpotenzial in sich – und können der Gehirnleistung schaden. – Foto: AdobeStock/Photographee.eu

Benzodiazepine sind wirksame und weit verbreitete Medikamente zur Behandlung von Angstzuständen und Schlafstörungen. „Während Kurzzeitbehandlungen als sicher gelten, kann ihre langfristige Einnahme zu körperlicher Abhängigkeit und vor allem bei älteren Menschen zu kognitiven Beeinträchtigungen führen“: Das zeigt eine gemeinsame Studie des Zentrums für Neuropathologie und Prionforschung der Universität München und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen. Wie und warum Benzodiazepine diese Veränderungen auslösen, war den Wissenschaftlern zufolge bisher nicht bekannt. Jetzt aber konnten sie im Tiermodell nachweisen, dass der Wirkstoff zum Verlust von Nervenverbindungen im Gehirn führt.

Immunzellen im Gehirn kappen Verbindungen zwischen Nervenzellen

Bei den krankhaften Veränderungen bei Wahrnehmung, Gedächtnis, Denkfähigkeit- und -geschwindigkeit spielen demnach Immunzellen des Gehirns eine Rolle, die sogenannten Mikroglia. Benzodiazepine binden an ein bestimmtes Protein – das Translokatorprotein (TSPO) – auf der Oberfläche von Zellorganellen der Mikroglia. Diese Bindung aktiviert die Mikroglia, die dann Synapsen, also Verbindungen zwischen Nervenzellen, abbauen und recyceln. Experimente der Wissenschaftler zeigten, dass der Synapsenverlust bei Mäusen, die mehrere Wochen lang täglich eine schlaffördernde Dosis des Benzodiazepins Diazepam erhalten hatten, zu kognitiven Beeinträchtigungen führte.

 

Effekt verschwindet nach dem Absetzen von Diazepam wieder

Zur Einordnung der Ergebnisse der Studie sagen die beiden Co-Autoren Yuan Shi und Mochen Cui: „Es war zwar bekannt, dass Mikroglia sowohl während der Gehirnentwicklung als auch bei neurodegenerativen Erkrankungen eine wichtige Rolle bei der Beseitigung von Synapsen spielen." Sehr überraschend sei für sie jedoch gewesen, dass so gut untersuchte Medikamente wie Benzodiazepine diesen Prozess beeinflussen. Was die Studie auch ergab: Nach dem Absetzen diazepamhaltiger Medikamente hält der beschriebene krankhafte Effekt wohl noch eine Weile an. Am Ende sei er jedoch „reversibel“ – verschwindet also irgendwann wieder.

Was ist das Gefährliche an Benzodiazepinen?

Benzodiazepine haben zwei Gesichter: Sie gelten als „Wundermittel“ und „Risikomedikation“ zugleich. Die Wirkstoffe aus dieser Gruppe helfen auf kurze Sicht spürbar bei Angst- und Erregungszuständen oder Schlafproblemen. „Der große Nachteil der Benzodiazepine ist allerdings ihr beachtliches Risiko einer sowohl körperlichen als auch psychischen Abhängigkeit“, heißt es auf der Fachärzte-Plattform „Neurologen-und-Psychiater-im-Netz.org“. Die Arzneimittelabhängigkeit gilt nach dem Rauchen als zweithäufigste Form von Sucht. Hierunter fallen insbesondere Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmittel. Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland gelten als tablettensüchtig.

Benzodiazepine: Verordnung nur „streng und zeitlich befristet“

„Diese Medikamentengruppen sind in verschiedenen Fachdisziplinen nicht mehr wegzudenken, zum Beispiel in der Notfallmedizin, in der Anästhesie, aber auch in der Epileptologie sowie bei psychiatrischen Notfällen“, heißt es in einer Studie der Universität Bochum. Häufigste Einnahmegründe im Privatgebrauch sind jedoch Schlafstörungen (circa 50 Prozent) und innere Unruhe, Nervosität, Erregungs- sowie Spannungszustände (25 Prozent). Trotz der anfänglich guten Wirksamkeit sollte die Verordnung von Präparaten dieser Wirkstoffgruppe „streng und zeitlich befristet sein“, so der Rat von Fachärzten.

Hauptkategorie: Medizin
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