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Bei Infektionsausbrüchen pro-aktiv vorgehen

Kommt eine Klinik wegen eines Infektionsausbruchs in die Schlagzeilen, kann der Imageschaden beträchtlich sein. Was Kliniken dann tun oder besser lassen sollten, haben Experten auf dem Qualitätskongress in Berlin erörtert. Ein Spitzenvertreter der Charité war auch dabei.
Infektionsausbruch auf einer Neonatologie: Alptraum für Eltern und  Klinikpersonal

Infektionsausbruch auf einer Neonatologie: Alptraum für Eltern und Klinikpersonal

Von so genannten nosokomialen Ausbrüchen in Krankenhäusern ist rein rechnerisch jedes dritte Krankenhaus in Deutschland betroffen. 617 Infektionsausbrüche mit 8.800 erkrankten Patienten wurden dem Robert Koch-Institut allein in 2012 von den bundesweit rund 2.000 Krankenhäusern gemeldet. Experten gehen allerdings davon aus, dass dies nur die Spitze eines Eisbergs ist. „Die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher“, sagte Prof. Dr. Ralf Vonberg, Infektionsexperte von der Medizinischen Hochschule Hannover am 30. November auf dem 7. Nationalen Qualitätskongress Gesundheit in Berlin. So würden „versehentlich“ nicht alle Infektionsausbrüche gemeldet und manchmal blieben Ausbrüche auch unerkannt, „weil es unmittelbar gar nicht zu Infektionsfällen kommt.“

Ausbruchsdaten zeigen: Neonatologien sind ein besonderes Problemfeld

Noroviren führen laut Vonberg die Ausbruchsstatistik an. Die Brechdurchfall verursachenden Viren haben im vergangen Jahr zu 424 nosokomialen Ausbrüchen geführt, gefolgt von den Bakterien Clostridium difficile mit 32 und Staphylococcus mit 29 Ausbrüchen. „Neonatologien sind ein besonderes Problemfeld“, betonte Vonberg mit Blick auf die nationalen Daten zur Häufigkeit nosokomialer Ausbrüche.

Dass Ausbrüche in Neonatologien nicht nur für die kleinen Patienten gefährlich werden können, sondern auch ein Alptraum für Kliniken sein können, hat die Charité im vergangenen Jahr zu spüren bekommen. Im Herbst 2012 stand das Berliner Universitätsklinikum wochenlang in der Kritik, weil auf der Neonatologie am Campus Virchow Klinikum knapp zwei Dutzend Frühchen mit dem Keim Serratia marcescens besiedelt waren – ein an und für sich harmloser Keim, der sich gut mit Antibiotika behandeln lässt, aber für Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht unter 750 Gramm doch bedrohlich werden kann. Bei sieben Frühchen war es dann auch zu einer Infektion gekommen. Zeitgleich war ein schwer herzkrankes Baby nach einer Herz-OP gestorben. Erst Monate später stellte ein unabhängiges Expertengremium - nach der Obduktion der Leiche - fest, dass der Säugling nicht an dem Keim, sondern an seinem schweren Herzfehler gestorben war. Bis dahin hatte die Charité aber nicht nur alle Hände voll mit der Ausbruchsbekämpfung zu tun. Auch die negativen Schlagzeilen haben dem Klinikum extrem zu schaffen gemacht.

 

Charité: Der entlastende Obduktionsbericht kam erst Monate später

„Das Ausbruchsgeschehen hat eine große Betroffenheit in der Ärzteschaft und beim Pflegepersonal ausgelöst“, berichtete der Ärztliche Direktor der Charité Prof. Dr. Ulrich Frei auf dem Qualitätskongress in Berlin. „Wir mussten die Mitarbeiter regelrecht stabilisieren." Besonders die extrem negative Berichterstattung habe den Mitarbeitern zugesetzt. In der Tat herrschte damals ein öffentliches Klima an der Grenze zur Hysterie. Obendrein hatten Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja und ein Vivantes-Krankenhaushygieniker die Charité öffentlich für fehlerhaftes Vorgehen und Hygienemängel beschuldigt, ohne jeden stichhaltigen Beweis.

Mit zwei Pressekonferenzen, dem Angebot für Interviews und Hintergrundgespräche sowie täglichen Pressemeldungen über vier Wochen ging die Charité in die Offensive, um sich gegen die "diffamierenden Vorwürfe" zu wehren. Doch das sei ungeheuer schwierig gewesen, erläuterte der Spitzenvertreter der Charité. Sachliche Argumente hätten zwischen irrationalen Schlagzeilen wie jene vom vermeintlichen Verschwinden der Babyleiche kaum eine Chance gehabt.  „Dabei war der verstorbene Säugling schlicht und einfach beerdigt worden.“ Der Obduktionsbericht, der die Charité später entlastet hatte, sei dann allerdings keine Schlagzeilen mehr wert gewesen.

Der Ausbruch war die Charité teuer zu stehen gekommen. Fast ein halbes Jahr galt Aufnahmestopp auf den betroffenen Stationen. Zudem hatten die Negativ-Schlagzeilen einen spürbaren Vertrauensverlust  bewirkt. Die Belegungszahlen gingen laut Ulrich Frei deutlich zurück und hätten sich erst jetzt nach einem Jahr wieder normalisiert. „Wir haben viel gelernt und zum Beispiel ein Handbuch für Krisenszenarien erstellt“, fasste Frei zusammen. „Außerdem wissen wir, dass nur ein pro-aktives Vorgehen den Medien den Wind aus den Segeln nehmen kann.“

Tägliches Screenen bei nosokomialen Ausbrüchen unerlässlich

Eine pro-aktive Kommunikation im Falle eines Ausbruchs empfahl auch Dr. Tim Eckmanns vom Robert Koch-Institut. Unangenehmes bekannt geben, bevor es jemand anders tut, gehöre zu den goldenen Regeln eines effektiven Ausbruchsmanagements, sagte der Infektionsexperte. „Machen Sie nie den Fehler und behaupten, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Infektionsausbruch und einem Todesfall gibt, bevor Sie es definitiv wissen“, riet Eckmanns. Diesen Fehler hatten etwa die Leiter eines Bremer Klinikums begangen, nachdem 2011 auf der Neonatologie ein multiresistenter Keim ausgebrochen war und drei Frühchen gestorben waren.

Ansonsten zeigte Eckmanns die wichtigsten Schritte bei der Ausbruchsbekämpfung auf. Neben der unmittelbaren Meldung an das Gesundheitsamt, der Bildung eines Ausbruchsteams, dem Einleiten von Isolierungs- und Hygienemaßnahmen sei tägliches Screenen der Patienten das oberste Gebot. Nur durch häufiges Screenen könne man den Ausbruch voll erfassen und ihn irgendwann mal als beendet erklären, meinte Eckmanns. „Screen Sie, koste es was es wolle.“ Das konnte auch Charité-Chef Frei unterschreiben. Er sagte sinngemäß: Im Vergleich zu dem, was so ein Ausbruch unter dem Strich kostet, seien die Screening-Kosten eine absoult unverzichtbare Investition. 

Foto: © Nenov Brothers - Fotolia.com

Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik , Medizin
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