. Welt-Hypertonietag 2015

„Bei Hypertonie besteht immer Handlungsbedarf“

Bluthochdruck ist immer behandlungsbedürftig, auch milde Formen und der Altershochdruck, die so genannte isolierte systolische Hypertonie. Das sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Hochdruckliga Prof. Dr. Martin Hausberg. Warum eine Änderung des Lebensstils oft schon ausreicht, erklärt der Bluthochdruck-Experte anlässlich des Welt-Hypertonietags am 17. Mai.
Welt-Hypertonietag 2015:„Bei Hypertonie besteht immer Handlungsbedarf“

Prof. Dr. Martin Hausberg

Herr Professor Hausberg, am Sonntag ist Welt-Hypertonietag. Wie lautet Ihre Botschaft?

Hausberg: Vorsorge! Und zwar am besten so lange man noch gesund ist. Der Welt-Hypertonietag ist ein prima Anlass, das Problembewusstsein für diese Volkskrankheit in der Bevölkerung zu vertiefen.

Es gibt etliche Gesundheitstage, die alle um mediale Aufmerksamkeit buhlen. Was macht aus Ihrer Sicht das Thema Bluthochdruck für die Menschen so wichtig?

Hausberg: Mit Bluthochdruck fängt alles an. Gemeint ist, dass Hypertonie zu Herzinfarkten, Schlaganfällen, Vorhofflimmern und einer ganzen Reihe weiterer Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Organschäden führen kann. Deshalb sagen wir: Wehret den Anfängen. Jeder sollte seine Blutdruckwerte kennen, auch junge Menschen.

Wo liegt denn augenblicklich der ideale Blutdruckwert bei einem Durchschnittsdeutschen?

Hausberg: Der ideale Wert liegt bei 120 zu 80. Wenn der obere Wert, also der systolische Druck, die 140 erreicht, und/oder der untere Wert, also der diastolische Druck die 90 erreicht, sprechen wir bereits von einer milden Hypertonie. Auch die gehört behandelt.

Ach ja?

Hausberg: Lange dachte man, die milde Hypertonie sei harmlos. Gerade haben aber zwei große Studien gezeigt, dass eine Hypertoniebehandlung selbst bei milden Formen die Rate an kardiovaskulären Ereignissen und das Sterberisiko senkt. Diese Studien bestätigen unsere Empfehlung, bei systolischen Werten zwischen 140 und 160 nicht lange abzuwarten, sondern unverzüglich eine Therapie einzuleiten.

Wie zeitnah muss gehandelt werden und vor allen Dingen, wie?

Hausberg: Wenn der Bluthochdruck sechs Wochen lang andauert, besteht akuter Handlungsbedarf. Lebensstiländerungen sind hier das erste Mittel der Wahl. Erst wenn das keine Früchte trägt, kommen Medikamente ins Spiel.

Lebensstiländerungen sind sicher schmerzhafter als eine Pille zu schlucken.

Hausberg: Das mag sein. Wir wissen aber, dass diejenigen, die es nicht schaffen, ihren Lebensstil zu ändern, generell ein Problem mit der Compliance haben. Deshalb bleiben wir dabei, den Menschen den Abbau von Übergewicht, eine gesunde Ernährung mit wenig Salz und viel Obst und Gemüse, wenig Alkohol und keine Zigaretten sowie regelmäßige Bewegung nahezulegen. Häufig sinkt der Blutdruck dadurch so stark, dass Medikamente eben nicht notwendig sind. Für viele ist das ein überzeugendes Argument. Schließlich haben Blutdrucksenker ja auch Nebenwirkungen.

Bluthochdruck betrifft etwa 30 Millionen Bundesbürger – also ungefähr jeden Dritten. Wie viele wissen überhaupt davon?

Hausberg: Nach einer Untersuchung des Robert Koch-Instituts wissen vier von fünf Betroffenen von ihrer Erkrankung. Fast 90 Prozent lassen sich behandeln. Diese Werte haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Das gilt übrigens auch für den Bekanntheitsgrad. Immerhin wissen mittlerweile drei Viertel der Deutschen, dass Bluthochdruck ein Risikofaktor ist.

Liegt das an Ihrer Aufklärungsarbeit?

Hausberg: Die Deutsche Hochdruckliga hat sicher einen nicht ganz unerheblichen Anteil daran. Wir bemühen uns ja seit Jahren um Aufklärung. Bluthochdruck wird nämlich häufig nicht so ganz ernst genommen, nach dem Motto: ist ja nicht so schlimm.

Vielleicht auch, weil Bluthochdruck nicht weh tut?

Hausberg: Das ist Teil des Problems. Menschen mit Bluthochdruck haben zunächst keinen Leidensdruck und bemerken ihn erst, wenn sich Folgeschäden bemerkbar machen. Darum gehen wir jetzt mit einer langfristig angelegten Aufklärungskampagne „30, 50, 80“ an die Öffentlichkeit. Letztlich geht es darum, das Bewusstsein weiter zu schärfen, dass ich im Alter die Früchte ernten kann, die ich in jungen Jahren gesät habe.

Es gibt ja noch den so genannten Altershochdruck, die so genannte isolierte systolische Hypertonie. Lässt sich die überhaupt vermeiden?

Hausberg: Mit dem Alter werden die Blutgefäße starrer und der so genannte Windkesseleffekt nimmt ab, der normalerweise die starke Druckdifferenz zwischen Systole und Diastole verringert. Das ist ein normaler Alterungsprozess. Was es unbedingt zu vermeiden gilt, ist die daraus resultierende isolierte systolische Hypertonie. Die entsteht, wenn das Gefäß sehr steif und der obere Blutdruckwert immer höher wird. Aber auch diese altersbedingte Form von Bluthochdruck bekommt man ganz oft mit nicht-medikamentösen Maßnahmen in den Griff, selbst bei sehr alten Menschen.

Können denn schon jüngere Menschen an einer isolierten systolischen Hypertonie erkranken?

Hausberg: Das kommt vor. Meist sind es die Menschen, die noch andere Risikofaktoren haben, also Rauchen, Übergewicht, Diabetes, Bewegungsmangel. Da kann eine isolierte systolische Hypertonie schon mal vor dem 50. Lebensjahr beginnen. Unbehandelt ist das Risiko für einen Schlafanfall oder einen Herzinfarkt sehr groß. Deshalb noch mal: Bei Bluthochdruck besteht generell Handlungsbedarf. Und wer seine Blutdruckwerte regelmäßig kontrolliert, hat große Chancen einem so fatalen Ereignis zu entkommen.

Prof. Dr. Martin Hausberg ist seit 2013 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga und außerdem Direktor der Medizinischen Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Nephrologie, Rheumatologie und Pneumologie am Städtischen Klinikum Karlsruhe

Hauptkategorie: Medizin

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