. Altersforschung

Auch im Alter kann sich die Persönlichkeit noch stark verändern

Lange hat man gedacht, dass sich die Persönlichkeit ab 30 kaum noch verändert. Neueste Studien widerlegen diese These jedoch. Auch im Alter kann es zu überraschenden Veränderungen kommen.

Bis ins hohe Alter können sich Menschen verändern.

Unter Psychologen herrscht die Ansicht vor, dass sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens immer stärker stabilisiert. Doch neue Studien widerlegen diese Annahme. Eine aktuelle Untersuchung zeigt nun, dass sich der Menschen sogar im Alter von 70 Jahren noch stark verändern kann. Ein Forscherteam um Jule Specht von der Freien Universität Berlin nutzte dafür Daten aus zwei großen Bevölkerungsstudien in Deutschland und Australien. Insgesamt hatten rund 23.000 Menschen an den Analysen teilgenommen.

Die Teilnehmer waren zwischen 16 und 82 Jahren alt und sollten sich unter anderem in ihren Persönlichkeitsmerkmalen, den sogenannten „Big Five“ einschätzen. Die „Big Five“ sind die fünf Eigenschaften, die nach Ansicht von Psychologen den Charakter eines Menschen prägen: emotionale Stabilität, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit im Umgang mit anderen, Gewissenhaftigkeit sowie Intro- oder Extraversion.

Veränderungen vor allem in jungen Jahren und im hohen Alter

Die meisten Menschen gehören entweder dem „unterkontrollierten“, dem „resilienten“ oder dem „überkontrollierten“ Persönlichkeitstyp an. „Resiliente“ oder widerstandsfähige Menschen sind diejenigen, die im Alltag meist gut funktionieren, leistungsfähig sind und selten an psychischen Problemen leiden. Etwa die Hälfte der 30-Jährigen in Deutschland, so Specht, zählt zu diesem Typ. Viele von ihnen, vor allem jüngere Männer, waren in ihrer Jugend jedoch noch „unterkontrolliert“, neigten also zu impulsivem Verhalten und hielten sich nicht gern an Regeln. „Ab einem Alter von etwa 30 Jahren reifen aber viele dieser jungen Rebellen zu resilienten Persönlichkeiten heran“, so Specht.

„Überkontrollierte“ Menschen legen ihre Eigenschaften beim Erwachsenwerden hingegen seltener ab, sie bleiben emotional empfindlich, sind eher nervös und im Umgang mit anderen Menschen besonders zuverlässig. Erwachsene Frauen und Männer gehören zu ungefähr gleichen Teilen den verschiedenen Persönlichkeitstypen an.

In ihrer aktuellen Studie stellten die Forscher fest, dass die Persönlichkeit – wie erwartet – im mittleren Lebensalter meistens stabil bleibt. Überrascht waren sie allerdings festzustellen, dass sich im hohen Alter ab 70 Jahren oft noch einmal starke Veränderungen ergeben. „Anders als bei den jungen Erwachsenen folgen die Persönlichkeitsveränderungen bei den Senioren jedoch keinem typischen Reifungsmuster“, so die Studienautoren. Die Persönlichkeit kann sich also noch einmal in alle möglichen Richtungen verändern. Die älteren Menschen werden auf einmal weniger kontrolliert, leben impulsiver, oder sie gewinnen an Selbstwertgefühl und innerer Ruhe. Andere wiederum entwickeln sich spät zu „überkontrollierten“ Persönlichkeiten.

Gründe für Persönlichkeitsveränderungen im Alter unklar

Die Ursachen für diese Veränderungen im Alter kennen die Forscher allerdings nicht. Offenbar spielen naheliegende Gründe wie Gesundheitsveränderungen, Großelternschaft oder Renteneintritt keine Rolle. Derzeit untersuchen die Wissenschaftler, ob eine veränderte Einstellung zum Leben die Persönlichkeitsveränderungen auslöst. Für möglich halten sie auch, dass sich die alten Menschen noch einmal stark verändern, weil sie spüren, dass ihr Leben zu Ende geht.

Warum Psychologen bisher davon ausgingen, dass sich die Persönlichkeit im Alter kaum noch ändert, erklärt Specht so: „Man hat gesehen, dass sich Persönlichkeitsmerkmale im Laufe eines Lebens immer weiter stabilisieren. Im Alter von 30 oder 50 Jahren hat man meist aufgehört, weiterzuforschen.“ Dabei nimmt jeder vierte Mensch im hohen Alter noch einmal ganz andere Persönlichkeitszüge an.

Foto: © Andrey Kiselev - Fotolia.com

Autor: red
Hauptkategorie: Demografischer Wandel

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