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Antibiotika vor Gelenkersatz oft überflüssig

Patienten erhalten vor endoprothetischen Eingriffen oft ein Antibiotikum. Das aber ist in den vielen Fällen vollkommen überflüssig, warnen jetzt Infektiologen. Die Studienlage gibt ihnen Recht.
Antibiotika vor Gelenkersatz

Bakterien im Urin? Ohne Symptome brauchen Patienten keine Antibiotika, auch nicht vor einem endoprothetischen Eingriff

Eine neue Hüfte, ein neues Knie – Gelenkersatzoperationen gehören zu den häufigsten Operationen in Deutschland. Um eine Gelenkinfektion zu vermeiden, werden die Patienten oft prophylaktisch mit einem Antibiotikum behandelt, insbesondere wenn im Urin Bakterien gefunden wurden. Weist der Patient ansonsten aber keine Symptome einer Harnwegsinfektion auf, ist diese Maßnahme völlig überflüssig. Darauf weist jetzt die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) hin. „Es gibt keine Belege dafür, dass eine Antibiotikabehandlung der asymptomatischen Bakteriurie vor Gelenkoperationen die Rate von Gelenkinfektionen senken kann“, sagt DGI-Präsident Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer vom Universitätsklinikum Köln. „Statt dem Patienten zu nutzen, hat dieses Vorgehen oft lediglich einen überflüssigen Einsatz von Antibiotika zur Folge.“

Antibiotikagabe senkt Infektionsrate nicht

Die Experten der DGI stützen sich bei ihrer Aussage auf eine aktuelle Metaanalyse von Zhang et al, wonach weder das Screening auf Bakterien im Urin noch die dann oft folgende Antibiotikabehandlung einen Vorteil hinsichtlich der Infektionsraten bringt. Die DGI geht sogar so weit, Ärzten von einem Screening auf eine asymptomatischen Bakteriurie (ASB) abzuraten. „Die Rate an Protheseninfektionen wird dadurch nicht beeinflusst“, so Fätkenheur.

Das Problem geht aber weit über den Gelenkersatz hinaus. Nach Auskunft des Infektionsexperten gehört die asymptomatische Bakteriurie zu den häufigsten Fehlindikationen bei der Verwendung von Antibiotika. Auch hierzu liegt inzwischen eine Metaanalyse vor: Nach der Studie von Flokas et al wurden in den letzten 15 Jahren fast die Hälfte aller Patienten mit ASB (45 %) unnötigerweise mit Antibiotika behandelt.

 

Übertherapie der ASB ist belegt

Um eine nicht-behandlungsbedürftige asymptomatische Bakteriurie von einem behandlungsbedürftigen Harnwegsinfekt zu unterscheiden, sei eine gründliche Anamnese und klinische Untersuchung notwendig, meint Fätkenheuer. Ein Laborbefund alleine sei noch keine Indikation für die Gabe eines Antibiotikums. Allerdings hätten speziell ältere und multimorbide Patienten mitunter unspezifische Beschwerden, die als Symptome einer Harnwegsinfektion fehlgedeutet werden könnten. „Dies ist – neben einem falschen Sicherheitsdenken – ein häufiger Grund für die Übertherapie der ASB“, so der Kölner Infektiologe.

Angesichts der Zunahme multiresistenter Keime, weist die DGI auf die Bedeutung des  „Antibiotic Stewardship“ hin. Dabei handelt es sich um Programme zur Optimierung von Antibiotikatherapien in Kliniken, die etwa Schulungen und Beratungen durch Infektionsspezialisten umfassen. „Wenn der rationale Einsatz von Antibiotika und damit die Eindämmung von Resistenzen gelingen soll, dann ist der Ausbau von Antibiotic Stewardship-Programmen und von infektiologischer Expertise in der Versorgung unabdingbar“, so Fätkenheuer.

Wie erfolgreich schon vergleichsweise einfache Maßnahmen sein können, zeigt auch die Metaanalyse von Flokas und seinen Co-Autoren: Durch Schulungen und Feedback-Gespräche etwa sank die Zahl der unnötigen Antibiotikagaben bei ASB in einigen Studien um bis zu 80 Prozent.

Foto: © Gerhard Seybert - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorien: Medizin , Prävention und Reha
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