Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Antibiotika: Stadtbewohner, Kinder und Senioren nehmen besonders viel

Welche Einflussfaktoren gibt es bei der Verschreibung und Einnahme von Antibiotika? Die Universität Bonn hat in einer Metastudie den aktuellen Kenntnisstand der Wissenschaft herausgearbeitet. Zentrale Ergebnisse: Menschen in Städten konsumieren mehr Antibiotika als Landbewohner, Kinder und Senioren mehr als Menschen im mittleren Alter. Ein höherer Bildungsstand bremst den Antibiotika-Konsum.
Mutter gibt Kind blaue Arzneikapseln auf die Hand

Kinder und Senioren bekommen überdurchschnittlich oft Antibiotika verschrieben. Personen im mittleren Alter und höher Gebildete konsumieren weniger.

Rund 45 Millionen Mal bekommen Patienten in Deutschland pro Jahr vom Arzt ein Antibiotikum verordnet. Das zeigen Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Weil Antibiotika nach Einschätzung vieler Experten aber von Ärzten oft vorschnell verordnet und von Patienten nicht richtig eingenommen werden, droht die Gefahr einer Resistenzbildung. „Noch immer werden zu viele Antibiotika verabreicht“, konstatieren auch Forscher der Universität Bonn. „Mögliche Folge sind Resistenzen: Gegen manche Bakterien stehen kaum noch wirksame Medikamente zur Verfügung.“

Die Wissenschaftler des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn (ZEF) haben dies zum Anlass genommen, um in einer Metastudie 73 Einzelstudien zu den treibenden Faktoren der Antibiotika-Nutzung im ambulanten Sektor auszuwerten. Die meisten Antibiotika werden schließlich von Patienten eingenommen, deren Erkrankung keinen Klinikaufenthalt erfordert. In Deutschland machen diese Fälle rund 85 Prozent aller Antibiotika-Verschreibungen aus.

Antibiotika-Verbrauch: Individuelle Gründe – und gesellschaftliche

„Uns interessierten nicht nur individuelle Parameter wie Alter oder Bildung, sondern auch geographische Zusammenhänge sowie soziokulturelle Faktoren“, sagt der Co-Autor der Studie, Dennis Schmiege. Relativ gut belegt sei, dass Kinder und Senioren häufiger Antibiotika schlucken als Menschen mittleren Alters. Ein höherer Bildungsstand wirke dagegen eher bremsend. Allerdings kehre sich dieser Zusammenhang in ärmeren Ländern um – „wahrscheinlich, weil es dort eher die besserausgebildeten Menschen sind, die entweder Zugang zum Gesundheitssystem haben oder die sich den Besuch beim Arzt oder den Kauf eines Medikaments überhaupt leisten können“, ist die Annahme von Schmiege.

 

Ärztedichte in urbanen Gebieten ein treibender Faktor

Bei den geographischen Parametern sticht unter anderem die Diskrepanz zwischen Stadt und Land ins Auge: Einige der Veröffentlichungen zeigen, dass die Antibiotika-Nutzung in urbanen Gebieten höher ist. „Wir vermuten, dass das etwas mit dem besseren Zugang zu Arztpraxen und Apotheken zu tun hat“, erläutert Schmiege. Tatsächlich scheint die Ärzte-Dichte ebenfalls zu den treibenden Faktoren zählen. Höhere Medikamentenpreise reduzieren die verkaufte Antibiotika-Menge dagegen.

„Männliche Gesellschaften“ – höherer Antibiotika-Konsum

Noch vergleichsweise wenig untersucht ist, welche soziokulturellen Parameter die Antibiotika-Nutzung fördern. Einen gewissen Einfluss scheint der Bonner Studie zufolge die nationale Kultur zu haben: So nehmen die Bürger „maskuliner“ Gesellschaften, die als eher wettbewerbsorientiert gelten, im Schnitt mehr Antibiotika.

Europa: 33.000 Todesfälle wegen Antibiotika-Resistenzen

Jede Anwendung von Antibiotika fördert die Entstehung von Antibiotikaresistenzen. Eine häufige und ungezielte Antibiotika-Gabe bei Mensch oder Tier gefährdet daher die Gesundheit aller. "Die wichtigsten Grundsätze zur Eindämmung von Resistenzen liegen auf der Hand: Infektionen vermeiden und Antibiotika nur dann einsetzen, wenn es notwendig und sinnvoll ist", betont Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts. Bei Erkältungen und Grippe beispielsweise gelten Antibiotika in der Regel als überflüssig. Rund 33.000 Todesfälle gibt es europaweit jedes Jahr, weil Patienten Resistenzen entwickelt haben und Antibiotika bei Ihnen nicht mehr anschlagen. Für Deutschland gehen Forscher von fast 55.000 Infektionen mit multiresistenten Keimen und mehr als 2300 Todesfällen aus.

Foto: AdobeStock/gpointstudio

Autor: zdr
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Antibiotika , Antibiotikaresistenzen , Arzneimittel , Antibiotikaforschung , Multiresistente Erreger
 

Weitere Nachrichten zum Thema Antibiotika

08.11.2017

Die WHO hat eine neue Richtlinie vorgelegt, um den Antibiotikaverbrauch in der Tiermast drastisch zu drosseln. Bauern und Industrie werden aufgefordert, die Medikamente nicht mehr gesunden Tieren zu füttern. Hintergrund ist nicht das Tierwohl, sondern die bedrohlichen Antibiotikaresistenzen.

24.01.2021

34 Millionen Mal im Jahr erhalten Patienten in Deutschland Antibiotika. In der Hälfte der Fälle – und viel zu oft bei leichteren – verschreiben Ärzte sogenannte Reserve-Antibiotika. Das zeigt eine Analyse des AOK-nahen WIdO-Instituts. Dabei sollen diese Medikamente nur zum Einsatz kommen, wenn alle anderen nicht mehr helfen. Diese Verordnungspraxis verstärke noch das Problem der „Resistenzen“.

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Eine Zecke auf der Haut ist erst mal kein Grund zur Panik. Aber es ist wichtig, sie nach einer Entdeckung schnell und vor allem mit dem richtigen Instrument und der richtigen Technik zu entfernen. Je früher es geschieht, desto geringer ist die Gefahr, sich mit Borreliose zu infizieren. Beim Entfernen muss man aber ein paar Punkte beachten.


Sie wiegen so viel wie unser Gehirn und viel mehr als unser Herz – und sind genauso lebenswichtig: die Darmbakterien. Sie verdauen unser Essen, entsorgen Giftstoffe und schützen uns als Teil des Immunsystems vor Krankheitserregern. Mit seiner Ernährung hat es der Mensch selbst in der Hand, ob er dieses unsichtbare „Organ“ schwächt – oder stärkt.
 
Kliniken
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin