. Gesundheitsrisiko Genussmittel

Alkoholmissbrauch erzeugt über 200 Erkrankungen

Die Beurteilung von Alkohol und seinen Gesundheitsrisiken gilt nach der Ächtung der Zigarette als eines der heißesten Themen in der Medizin. Die WHO hat Alkohol offiziell zum Risikofaktor Nummer eins für Krebserkrankungen erklärt. Auch kleine Mengen sind offenbar schädlicher als bisher angenommen.
Runde eleganter Leute prostet sich mit gut gefüllten Rotweingläsern zu

Kulturgut und Gesundheitsrisiko: Eine Flasche Wein am Tag erhöht bei Männern Risiko für Speiseröhrenkrebs um das 15-Fache - bei gleichzeitigem Rauchen auf das 100-Fache.

Mund, Rachen, Speiseröhre, Bauchspeicheldrüse, Darm: An vielen Stellen des menschlichen Verdauungsapparats gilt Alkohol als besonders krebsfördernd. Bei Frauen gilt das auch für Brustkrebs. Neuere Untersuchungen belegen die gravierenden Risiken von Alkohol – auch in geringeren Mengen. „Die Beurteilung von Alkohol und dessen Risiken kippt derzeit aus medizinischer Sicht“, sagt Curt Diehm, Ärztlicher Direktor der Max Grundig Klinik in Bühl/Baden. Auch wenn Institutionen der Gesundheitsvorsorge Grenzwerte herausgeben, bis zu denen der Genuss von Alkohol unschädlich sein soll, und ein Gläschen Rotwein immer noch als förderlich für die Herzgesundheit gilt: „Ärzte rücken immer stärker ab von einem wohlmeinenden Bild des Alkoholgenusses auch in geringen Mengen", sagt  Diehm.

„Schrecklichste Droge der Welt"

Der Internist und Kardiologe geht davon aus, dass Alkohol mittelfristig zumindest in aufgeklärten Schichten der Gesellschaft eine ähnliche Ächtung erfahren könnte wie der Konsum von Fleisch oder Tabak, denn: „Wir müssen wir uns damit vertraut machen, dass Alkohol heute zur schrecklichsten Droge der Welt geworden ist, weil er überall für wenig Geld und legal zu haben ist."

 

Alkohol ist für zehn Prozent der Krebserkrankungen verantwortlich

Insbesondere neue Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Alkohol und Krebs tragen zu einem sich ankündigenden Paradigmenwechsel bei. Bei den Risikofaktoren für die Entstehung von Krebs listet die Weltgesundheitsorganisation WHO inzwischen Alkohol an vorderster Stelle auf. Der Zusammenhang von Alkohol und Krebs sei im Moment eines der heißesten Themen in der Medizin, sagt Diehm weiter. „Alkohol ist etwa für zehn Prozent der Krebserkrankungen verantwortlich. Das lässt sich nicht mehr bagatellisieren."

Für die normale Bevölkerung sind Wein und Bier seit Jahrtausenden entspannende, geselligkeitsfördernde und Glückszustände erzeugende Begleiter beim Feiern oder Essen. Für den Wissenschaftler dagegen ist Alkohol ist ein Zellgift, das nahezu alle Zellen des Körpers schädigen kann. Ab 10 Gramm Alkohol pro Tag wird es riskant. Schon bei relativ kleinen Alkoholmengen von 10 bis 45 Gramm steigt das Risiko für eine Darmkrebserkrankung um 16 Prozent. Wer täglich mehr trinkt als 45 Gramm Alkohol (eine Maß Starkbier) erhöht sein Darmkrebsrisiko um über 40 Prozent.

Alkoholabbaustoffe greifen direkt das Erbgut an

Beim Abbau des Alkohols in der Leber entsteht ein hochgiftiges Zwischenprodukt, das Acetaldehyd. Dieser Stoff schädigt nicht nur die Leberzellen selbst, sondern es ist im ganzen Körper direkt krebserregend. Acetaldehyd wirkt auf die DNA von Stammzellen und erhöht so über Mutationen im Erbgut die Krebsentstehung. Gerade in Kombination mit dem Rauchen steigert Alkohol das Risiko für Krebs im Rachen um ein Vielfaches. Wenn ein Mann täglich eine Flasche Wein trinkt, hat er ein 15- bis 20-fach erhöhtes Risiko für Speiseröhrenkrebs. Wenn er zusätzlich raucht, steigt dieses Risiko auf das Hundertfache gegenüber einem Nichtraucher und Nichttrinker an.

Abusus führt auch zu Diabetes, Schlaganfall oder Bluthochdruck

Chronischer Alkoholmissbrauch kann neben den bekannten Schäden und Krankheitsbildern eine überraschend große Zahl weiterer begünstigen. Helmut Seitz, Alkoholforscher aus Heidelberg, beziffert die Zahl der Nebenerkrankungen durch chronischen Alkoholmissbrauch auf „über 200“. Hierzu zählen beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes, Schlaganfall und Hirnleistungsstörungen.

Foto: © Syda Productions - Fotolia.com

Autor:
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Diabetes , Bluthochdruck , Bauchspeicheldrüsenkrebs , Darmkrebs , Leber , Speiseröhre , Pankreas , Alkohol , Rauchen
 

Weitere Nachrichten zum Thema Alkohol

| Forscher der TU München haben eine neue Erklärung dafür gefunden, wie eine chronische Entzündung der Bauchspeicheldrüse entstehen kann. Bisher sah die Wissenschaft den Auslöser für die Pankreatitis in denjenigen Zellen des Organs, die Verdauungsenzyme produzieren. Jetzt wurde festgestellt, dass offenbar ein Gendefekt in Zellmembranen die entscheidende Rolle spielt.
 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
Das verstaubte Image von Gesundheitsämtern wird aufpoliert: Im Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst stellt der Bund vier Milliarden Euro für mehr Personal, Digitalisierung und moderne Strukturen zur Verfügung. Deutschlands bekannteste Amtsärztin Dr. Ute Teichert sprach auf dem Demografiekongress in Berlin von einem „historischen Ereignis“.
Wissenschaftler der Universität Mainz haben herausgefunden, dass über die Nahrung aufgenommenes Spermidin die Darmgesundheit steigert und so das Immunsystem stärkt.
 
 
. Kliniken
. Interviews
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.
Das Essen in deutschen Krankenhäusern hat keinen besonders guten Ruf. Dabei lässt sich mit wenig Mehraufwand viel erreichen. Der Internist und Ernährungsmediziner Prof. Dr. Christian Löser erklärt die medizinischen und ökomischen Effekte einer gesunden Ernährung im Krankenhaus.
Pflegekräfte sind in der Coronakrise wichtiger denn je und gleichzeitig besonders gefährdet. Das persönliche Engagement ist und bleibt dennoch hoch. Über Wertschätzung, Sicherheitsrisiken und die Gefahr der Selbstausbeutung in Pflegeberufen hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Pflegeexperten Thomas Meißner gesprochen.