Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Alkoholabhängigkeit: „Achtsamkeitszellen“ spielen eine Rolle

Samstag, 31. Oktober 2015 – Autor:
Rund vier Millionen Menschen in Deutschland gelten als alkoholabhängig. Wissenschaftler versuchen herauszufinden, warum einige Menschen die Kontrolle über ihren Alkoholkonsum verlieren und andere nicht. Neuesten Erkenntnissen zufolge spielen dabei die sogenannten „Achtsamkeitszellen“ eine Rolle.
"Achtsamkeitszellen" und Alkoholabhängigkeit

Die meisten Menschen können ihren Alkoholkonsum kontrollieren, doch vielen gelingt dies auch nicht – Foto: Syda Productions - Fotolia

Die meisten Menschen geraten auch bei regelmäßigem Alkoholkonsum nicht in eine Abhängigkeit und können gut abschätzen, wann sie aufhören sollten zu trinken. Doch bei etwa fünf Prozent der Menschen – in Deutschland sind das etwa vier Millionen Bürger – entwickelt sich eine Alkoholabhängigkeit. Über die genauen Mechanismen, durch die der Kontrollverlust entsteht, ist bisher allerdings nur wenig bekannt. Nun haben Forscher vom Institut für Pharmakologie vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim herausgefunden, dass der Funktionsausfall sogenannter „Achtsamkeitszellen“ im präfrontalen Kortex eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Alkoholabhängigkeit spielt.

„Achtsamkeitszellen“ steuern Kontrolle über das eigene Verhalten

Schon länger weiß man, dass der Kontrollverlust bei Alkoholkranken mit Veränderungen in der vorderen Großhirnrinde zusammenhängt. Dieser Bereich beeinflusst als exekutives Zentrum einen Großteil des Alltagsverhaltens, unter anderem über die Steuerung von Aufmerksamkeit und die Kontrolle von Motivationen und Emotionen. Anhand von Tierversuchen konnten Forscher vom ZI bestimmte Nervenzellen im präfrontalen Kortex, die sogenannten „Achtsamkeitszellen“, identifizieren, deren Aufgabe es ist, unbewusste Gewohnheiten zu unterbrechen.

Den Wissenschaftlern gelang es, genau diese Neuronen bei lebenden Ratten auszuschalten. Kamen die Tiere nun in eine Umgebung, in der sie gewohnt waren, Alkohol zu erhalten, dann löste das ohne die „Achtsamkeitszellen“ ein verstärktes Verlangen nach Alkohol aus.
Das Experiment verdeutlicht nach Auffassung der Forscher, dass beim Abrufen eines Gedächtnisinhaltes, in diesem Fall bei der Erinnerung der Ratte an die Verbindung bestimmter Umweltreize mit der Verfügbarkeit von Alkohol, normalerweise Neuronen aktiv werden, die eine unmittelbare Reizantwort unterdrücken. Dadurch wird es möglich, eine Situation zuerst bewusst wahrzunehmen und zu bewerten, bevor dann eine bestimmte Handlung ausgeführt wird - in diesem Fall das unachtsame oder gewohnheitsmäßige Trinken von Alkohol. Sind diese Nervenzellen jedoch inaktiv, gelingt das bewusste Bewerten der Situation nicht mehr.

 

Hoffnung auf neue Therapien für Alkoholkranke

Das Gebiet im präfrontalen Kortex, das für diese Selbstkontrolle verantwortlich ist, wird von den Neurowissenschaftlern als Area 25 bezeichnet. Seine Struktur wird als Koordinator eines über viele Hirnstrukturen ausgedehnten Netzwerks angesehen. Insbesondere bei der Entwicklung von Depressionen spielt es eine wichtige Rolle. Schon in einer früheren Studie konnte gezeigt werden, dass Neuronen in der Area 25 besonders empfindlich auf wiederholten starken Alkoholkonsum reagieren. Die neue Studie unterstreicht diese Ergebnisse und liefert einen Erklärungsansatz dafür, dass ein Funktionsausfall in dieser Hirnregion grundlegende Mechanismen der Achtsamkeit beeinträchtigt und damit bei Alkoholkranken die Gefahr eines Rückfalls verstärkt. Die Forscher hoffen, dass in Zukunft durch ein verbessertes Verständnis der Funktionen des präfrontalen Kortex neue Therapien gegen Alkoholabhängigkeit sowie diagnostische Marker für die Früherkennung und Prognose von Alkoholerkrankungen abgeleitet werden können.

Foto: © Syda Productions - Fotolia.com

Hauptkategorie: Medizin
 

Weitere Nachrichten zum Thema Alkohol

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten


 
Kliniken
Interviews
Affenpocken verlaufen in der Regel harmlos. Doch nicht immer. Dr. Hartmut Stocker, Chefarzt der Klinik für Infektiologie am St. Joseph Krankenhaus in Berlin Tempelhof, über die häufigsten Komplikationen, die Schutzwirkung der Impfung und den Nutzen von Kondomen.

Zöliakie kann in jedem Lebensalter auftreten und ein buntes Bild an Beschwerden machen. Bislang ist das wirksamste Gegenmittel eine glutenfreie Ernährung. Gesundheitsstadt Berlin hat mit PD Dr. Michael Schumann über die Auslöser und Folgen der Autoimmunerkrankung gesprochen. Der Gastroenterologe von der Charité hat an der aktuellen S2K-Leitinie „Zöliakie“ mitgewirkt und weiß, wodurch sich die Zöliakie von anderen Glutenunverträglichkeiten unterscheidet.

Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin