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„Ärzte werden offener für die Naturheilkunde“

Prof. Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor für Klinische Naturheilkunde an der Charité, über die Grenzen der Schulmedizin, den Wildwuchs in der Naturheilkunde und warum sich beide Disziplinen gerade näherkommen.
Prof. Andreas Michalsen

Prof. Andreas Michalsen

Herr Professor Michalsen, Sie propagieren in Ihrem Buch „Heilen mit der Kraft der Natur“, dass Schulmedizin und Naturheilkunde zusammengehören. Bei wem stoßen Sie auf mehr Widerstand, bei den Schulmedizinern oder den Naturheilkundlern?

Michalsen: Ich beobachte seit ein, zwei Jahren einen erfreulichen Bewusstseinswandel. Ärzte werden offener für die Naturheilkunde. Natürlich gibt es immer noch die ewig gestrigen Professoren und Kollegen, die Naturheilkunde als mittelalterlichen Scharlatanerie abtun. Aber das Lager der Skeptiker wird kleiner. Mehr und mehr Kollegen der Charité streben Kooperationen an, weil sie sagen: Eine Integration naturheilkundlicher Maßnahmen, das ist ein guter Weg. Umgekehrt gilt das übrigens auch auf Seite der naturheilkundlichen Ärzte. Vor fünf bis zehn Jahren wäre das so nicht denkbar gewesen.

Woran liegt das?

Michalsen: Meiner Meinung nach kommt das ausschließlich Negative nicht mehr gut an. Man schaut, wo man voneinander lernen kann, statt den anderen zu diffamieren oder zu belächeln.

Was kann die Schulmedizin von der Naturheilkunde lernen?

Michalsen: Es ist offensichtlich, dass die Schulmedizin chronische Krankheiten zumeist nicht heilen kann, sondern nur die Folgen „repariert“. Bei akut lebensbedrohlichen Erkrankungen ist die konventionelle Medizin absolut segensreich. Bei einem Herzinfarkt bin ich über den sofort kommenden Notarztwagen und das bereitstehende Herzkatheterlabor glücklich, gar keine Frage. Aber in dem Moment, wo es um chronische Erkrankungen geht, gerät die Schulmedizin oft an ihre Grenzen. Hier kann die junge Schulmedizin eine Menge von dem jahrtausendealten Erfahrungswissen der Naturheilkunde lernen. Viele Kollegen haben das inzwischen verstanden.

In der Naturheilkunde gibt es bis heute nur wenige wissenschaftlich gesicherte Belege. Was antworten Sie auf dieses immer wiederkehrende Argument?

Michalsen: Evidenz fällt ja nicht vom Himmel. 90 Prozent aller Studien werden von der Pharmaindustrie finanziert. In der Naturheilkunde ist aber fast nichts patentierbar und die finanzielle Förderung dementsprechend gering. Darum sage ich in solchen Diskussionen immer: Geben Sie mir Geld, und dann schauen wir nach.

Die Evidenz scheitert also am Geldbeutel?

Michalsen: Nehmen Sie zum Beispiel die Volkskrankheit Arthrose. Warum sollte nachgeforscht werden, ob Tai Chi oder Blutegel  bei einer Kniearthrose helfen können, wenn mit einer Endoprothese aus Titan alle gut verdienen - die Industrie, die Ärzte und das Krankenhaus? Diese Benachteiligung trifft übrigens nicht nur die Naturheilkunde. Auch in der Geriatrie, Schmerztherapie oder Kinderheilkunde gibt es nicht das große Geld zu holen und darum kaum Studien. Und logischerweise ist dort die Evidenz am größten, wo es die meisten bezahlten Studien gibt. Ich halte das für hoch problematisch.

Ist denn in der Schulmedizin wirklich alles so wissenschaftlich abgesichert, außer vielleicht in den eben von Ihnen genannten Bereichen?

Michalsen: Das ist ein guter Punkt. 2013 erschien eine Arbeit über Leitlinien in der Onkologie. Danach entsprechen nur sechs Prozent der Empfehlungen dem Evidenz-Level 1, was bedeutet, dass gute randomisierte, klinische Studien vorliegen. 94 Prozent basieren dagegen auf geringer Evidenz oder Expertenmeinungen. Es gibt aber auch sehr gut untersuchte Fachgebiete. Beispielwiese ist inzwischen die medikamentöse Behandlung bei Diabetes oder nach Herzinfarkt gut evidenzbasiert.

Naturheilkunde besteht aus vielen Komponenten – vom Blutegel über Heilfasten und Meditation bis hin zum Pendelschwingen. Können Sie Ihre Kollegen vielleicht doch ein wenig verstehen, die das für Hokuspokus halten?

Michalsen: Sie sprechen ein Kernproblem an. Man hat es versäumt, die Naturheilkunde an die Universitäten zu holen, um so die Spreu vom Weizen zu trennen. Ich verstehe auch nicht, warum es bis heute keine ordentlich staatliche Heilpraktikerprüfung gibt. Meiner Meinung nach ist es Aufgabe des Staates, Ordnung in den Wildwuchs zu bringen – auch zum Schutz der Patienten.

Erstaunlicherweise schreiben Sie in Ihrem Buch nichts zur Homöopathie. Halten Sie nichts von Globuli & Co?

Michalsen: Ehrlich gesagt bin ich da auch mit meinem Latein am Ende. Physiologisch macht die Verdünnung absolut keinen Sinn, zumindest nicht die sehr extrem Verdünnung. Andererseits wissen wir durch Daten aus der praktischen Anwendung der Versorgungsforschung, dass Homöopathie bei bestimmten Erkrankungen gut helfen kann. Sicherlich ist der unspezifische Effekt, der Placeboeffekt ein wichtiger Punkt in der Erklärung. Aus der Placeboforschung ist bekannt, dass Scheinmedikamente genau wie, Empathie, Resonanz zwischen Arzt und Patient sowie bestimmte therapeutische Rituale Selbstheilungskräfte aktivieren können. Noch wissen wir wenig über diese neurobiologischen Vorgänge, aber es ist ein sehr spannendes Feld, das uns vielleicht helfen könnte, auch die Erfolge der Homöopathie besser zu erklären. Ich halte weitere Forschung zur Homöopathie für wichtig.

Sie hadern zwar mit der Homöopathie, aber stehen deutlich hinter zahlreichen naturheilkundlichen Verfahren. Welche Maßnahme sollte jeder beherzigen?

Michalsen: Ohne gesunde Ernährung ist keine Gesundheit möglich. Darum rate ich als allererstes zu einer überwiegend pflanzenbasierten Ernährung, die mit möglichst wenig tierischen Fetten und Eiweißen auskommt. Regelmäßiges Fasten halte ich für fast ebenso wichtig. Das kann ein Heilfasten, ein Fastentag, ein Intervallfasten oder ein Nahrungsverzicht von mindestens 12 Stunden am Tag sein. Der dritte Punkt ist Stressreduktion mit bestimmten Techniken wie Yoga oder Meditation. Außerdem sollten wir immer in Bewegung bleiben und ganz wichtig: den Kontakt mit der Natur halten. Wenn Sie Barfuß auf einer Wiese laufen, Tautreten, Waldspaziergänge unternehmen oder im Grünen joggen, haben Sie sogar zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ich denke, mit einem bisschen guten Willen kann man das alles ganz gut in den Alltag integrieren. Und auch die Heilpflanzen sind ein großer therapeutischer Schatz.

Dass rotes Fleisch und Wurst inzwischen auf dem Index stehen, ist klar. Aber warum sollten wir fasten?

Michalsen: Wenn Sie ein Auto andauernd fahren, verschleißt es sich schneller. So ist es auch mit dem den zellulären Systemen und dem Essen. Eine Pause ist für den Körper enorm wichtig. Außerdem werden durch das Fasten Selbstreinigungsmechanismen, die sogenannte Autophagie, angeregt. Nach bisherigen biologischen Erkenntnissen ist Fasten der einzig mögliche Weg, das Leben effektiv zu verlängern.

Und was haben Sie gegen Milchprodukte oder Fisch?

Michalsen: Wir wissen heute, dass Milch dem Körper mehr Kalzium entzieht als sie ihm zuführt. Das hängt mit der Säure zusammen, die nach dem Verzehr durch den hohen Eiweißanteil gebildet wird. Insofern ist Milch auch keine Osteoporose-Prophylaxe, obwohl sich dieser Mythos hartnäckig hält und durch Studien widerlegt ist. Auch beim Fisch hat sich so manches ins Gegenteil verkehrt. Die Belastung mit Schwermetallen ist inzwischen so hoch, dass der Schaden meines Erachtens größer ist als der Nutzen. Dass Studien aus den 1950er bis 199oer Jahren gezeigt haben, dass Menschen, die viel Fisch essen, weniger Herzinfarkte und Diabetes haben, führen wir heute Dank neuerer Daten auf ein anderes Phänomen zurück: Es ist nicht der Verzehr von Fisch, sondern der Verzicht auf Fleisch, der die Menschen gesünder macht.

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