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Zu viel Hochleistungsmedizin am Lebensende

Viele sterbenskranke Patienten bekommen kurz vor ihrem Tod noch eine Chemotherapie oder eine andere belastende Behandlung. Sinnvoll ist das nicht. Doch oft fehlen eindeutige Therapieziele.
Chemotherapie, Lebensende

Mehr Schaden als Nutzen: Chemotherapie auf dem Sterbebett

Dank Hochleistungsmedizin können heute etliche Leben gerettet werden. Das ist bei allen Volkskrankheiten so und trifft auch auf Krebserkrankungen zu, wie Überlebensdaten zeigen. So überlebte in den 1980er Jahren nur jeder dritte Patient seinen Krebs, heute ist es schon jeder zweite. Der Fortschritt hat jedoch seine Grenzen: Wenn sich das Lebensende abzeichnet, müssen Ärzte das Augenmaß behalten und gut abwägen, was dem Patienten tatsächlich noch nutzt.

Dass dies in Krankenhäusern oft nicht der Fall ist, belegt nun eine Auswertung von Abrechnungsdaten der Techniker Krankenkasse (TK). Danach wurde bei sechs Prozent aller stationär behandelten Krebspatienten noch zwei Wochen vor dem Tod eine Chemotherapie begonnen. Bei ebenso vielen wurde eine Strahlentherapie neu begonnen. Selbst wenn der schon Tod eingetroffen war, ließen die Ärzte ihre Patienten nicht gehen: Denn immerhin 4,5 Prozent der Tumorpatienten wurden mindestens einmal reanimiert. Das war jeder zweiundzwanzigste Betroffene. Rechnet man die Daten auf Deutschland hoch wird jedes Jahr bei schätzungsweise mehr als 36.000 todkranken Menschen noch kurz vor dem Tod eine belastende, nebenwirkungsreiche und eben auch sinnlose Therapie eingeleitet.

Am Lebensende ist weniger oft mehr

Maximale Medizin sei nicht immer besser - sie könne auch schaden, betonten Experten auf dem Symposium "Praxis Versorgungsforschung" am 17. Mai in Berlin. Vielmehr müsse die Lebensqualität des Patienten handlungsleitend sein.

Warum aber lassen Ärzte ihre Patienten nicht einfach in Ruhe sterben? Den Experten zufolge liegt das nicht nur am fehlenden Gespür der Mediziner. Oftmals werde zu wenig miteinander geredet, hieß es, Wünsche und Ziele blieben so im vagen. „Die Bedeutung der Kommunikation zwischen Arzt und Patient kann gar nicht überschätzt werden“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft Dr. Johannes Bruns. Eine frühzeitige, empathische und offene Kommunikation helfe, schwierige Krankheitsphasen besser zu bewältigen, war er überzeugt.

 

Therapien ohne Therapieziel

Der Palliativmediziner und Buchautor Dr. Matthias Thöns riet Patienten, die Ärzte immer zu fragen, ob ein vorgeschlagener großer Eingriff oder eine aggressive Therapie tatsächlich ihr Leben verlängern und ihre Lebensqualität verbessern könne oder ob schwerwiegende Nebenwirkungen und mögliche Komplikationen überwiegen. Auch das Einholen einer Zweitmeinung könne hilfreich sein. Ärzte forderte er unterdessen zu einer sensiblen Abwägung von Nutzen und Schaden medizinischer Eingriffe auf. Und er sprach noch einen anderen wunden Punkt in der Hochleistungsmedizin an: „Therapien sind nur dann sinnvoll, wenn es ein Therapieziel gibt“, sagte er. Spätestens wenn es das nicht mehr gebe, komme die Palliativmedizin ins Spiel, die Symptome und Beschwerden lindern und sogar lebensverlängernd wirken könne.

Ärzte müssen Choosing wisely noch lernen

Doch in vielen Krankenhäusern gibt es keine Palliativmedizin. Und wer todkrank im Krankenhaus liegt, dürfte kaum in der Lage sein, eine Zweitmeinung einzuholen. Es geht also kein Weg an einer offenen und ehrlichen Arzt-Patienten-Kommunikation vorbei. Die setzt nach Ansicht von Professor Dr. Norbert Schmacke von der Universität Bremen voraus, dass der Betroffene in die Entscheidung mit einbezogen wird. „Der Patient muss wissen, welche Therapieoptionen existieren und welchen Nutzen sie in seinem konkreten Fall erwarten lassen“, sagte er. Von der Umsetzung dieser neuen Kultur sei der Alltag der Medizin noch weit entfernt. 'Choosing wisely' (klug entscheiden) inklusive 'weniger kann mehr sein' müsse im deutschen Gesundheitssystem erst noch systematisch entwickelt werden.

Foto: © pololia - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik , Medizin
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