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Wohl kein erhöhtes Ansteckungsrisiko in Bussen und Bahnen

Die Fahrt mit U-Bahn, Tram und Bussen bleibt offenbar auch während der Corona-Pandemie sicher – für Fahrgäste wie für Fahrpersonal: Zu diesem Schluss kommt eine Studie von TU Berlin und Charité. Um die Konzentration infektiöser Aerosole niedrig zu halten, sei es aber wichtig, dass Fenster offenstehen, Türen regelmäßig geöffnet werden und die Fahrzeuglüftung funktioniert.
Corona-Aerosol-Testmessungen in der Berliner U-Bahn.

Mit künstlichem Theaternebel und maschinell atmenden Puppen erforschten Wissenschaftler die Infektionsgefahr in öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Bild: Forscher mit Messgeräten in der Testsituation in der Berliner U-Bahn.

Nicht jeder kann in Pandemiezeiten mit dem Fahrrad oder mit dem eigenen Auto zur Arbeit fahren. Dann bleiben nur U-Bahn, Tram und Busse – in denen trotz des umherschwirrenden Coronavirus‘ oft überraschend dichtes Gedränge herrscht. Doch wie riskant ist es aktuell, den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu nutzen?

Lüftung, Tür- und Fenster-Öffnung: 80 % weniger Aerosole

Dieser Frage haben sich jetzt Wissenschaftler des Fachgebiets Experimentelle Strömungsmechanik der Technischen Universität Berlin sowie des Labors für Biofluidmechanik der Charité – Universitätsmedizin Berlin gewidmet und kommen zu folgendem Schluss: „Lüftung sowie geöffnete Fenster und Türen reduzieren Aerosolkonzentration in den unterschiedlichen Fahrzeugtypen um bis zu 80 Prozent. Trennscheiben in den Bussen verhindern effektiv die Ausbreitung der Aerosole vom Fahrgastraum zum Fahrerarbeitsplatz.“

Die TH Mittelhessen (THM) hatte im November 2020 eine Studie veröffentlicht, die die Bedeutung des Lüftens zur Senkung des Corona-Risikos schon einmal bestätigte. Die Wissenschaftler kamen ähnlichen Ergebnissen wie jetzt die Studie aus Berlin  – nur testeten sie die Aerosole in einem Wiesbadener Klassenzimmer. In diesem Experiment zeigte sich, dass Fensterstoßlüftung offenbar um das 10- bis 80-Fache wirksamer ist als eine maschinelle Luftfilterung. Drei Minuten entschlossenes Fenster-Aufreißen reichten aus, um die Aerosolbelastung fast zu 100 Prozent zu beseitigen, so das Fazit der Forscher der THM.

 

Test in echten Waggons mit Theaternebel und Dummys

Für die Berliner Studie schufen die Forscher Experimentalsituationen in U-Bahn-Waggons und Bussen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Sie bliesen künstlichen Theaternebel in die Luft, um virenbehaftete Atemluft simulieren, die dann von menschenähnlichen Puppen eingeatmet wurde. Extra für die Versuche entwickelt wurde eine bestimmte Messtechnik, die sich eignet, die Ausbreitung von Aerosolen im öffentlichen Nahverkehr und damit das Ansteckungsrisiko mit SARS-CoV-2  zu beurteilen. „Wir konnten hier zeigen, dass Belüftungsanlagen und das Öffnen der Fenster und Türen die Aerosolkonzentration in den betrachteten Verkehrsmitteln sehr deutlich reduzieren“, sagt Oliver Paschereit, Leiter des Fachgebiets Experimentelle Strömungsmechanik an der TU Berlin.

Je kürzer die Fahrt, umso geringer das Infektionsrisiko

Das Volumen eines Busses zum Beispiel entspreche in etwa dem eines mittelgroßen Konferenzraumes, so die Forscher. Das Öffnen der Türen an jeder Haltestelle wäre damit vergleichbar, während einer Besprechung etwa alle eineinhalb Minuten die Fenster zu öffnen. Zusätzlich seien die Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr oft nur wenige Minuten in den Fahrzeugen unterwegs. Die Expositionszeit ist laut Robert-Koch-Institut (RKI) einer der maßgeblichen Faktoren, die die Infektionsgefahr bestimmen. Weitere sind: die Virenlast in der Luftfeuchtigkeit („Aerosole“), die Temperatur der Umgebungsluft, die Zahl und Tiefe der Atemzüge sowie der Abstand zu anderen, die möglicherweise infiziert sind.

ÖPNV: Offene Fenster sind ein Muss

Eine Maske (Mund-Nasen-Bedeckung) kann das Risiko einer Übertragung durch Partikel jeglicher Größe im unmittelbaren Umfeld um eine infizierte Person reduzieren. Diesen positiven Einfluss von medizinischen Masken, wie sie derzeit von den Fahrgästen getragen werden, haben die Berliner Forscher in ihrer Studie gar nicht mit einberechnet – können aber auch so schon vorsichtige Entwarnung geben. „Dass die Messergebnisse so positiv ausgefallen sind, hat uns tatsächlich überrascht, aber natürlich auch sehr gefreut“, sagt Ulrich Kertzscher, Leiter des Labors für Biofluidmechanik an der Charité. Damit dies unter Realbedingungen auch der Fall sei, müssten die ÖPNV-Anbieter aber bestimmte Maßnahmen ergreifen: Denn nur das Öffnen der Fenster und Türen in Kombination mit den Belüftungsanlagen in den Bussen und Zügen reduzierten die Aerosolausbreitung deutlich, sagt Kertzscher.

Neue Trennscheiben in Bussen offenbar auch sicher

Weil Busfahrer – anders als ihre Kollegen in U- oder S-Bahnen – unter normalen Umständen nicht in einer räumlich getrennten Fahrerkabine sitzen, wurde auch die Schutzwirkung der neu in die Nahverkehrsbusse eingebauten Trennscheiben untersucht. Diese verhinderten effektiv die Ausbreitung von Aerosolen aus dem Fahrgastraum und schirmten das Fahrpersonal gut ab, sagt Manuela Huetten, leitende Betriebsärztin und Pandemiebeauftragte der BVG. In Kombination mit der Fahrerraumlüftung ergebe sich aus arbeitsmedizinischer Sicht ein Höchstmaß an Sicherheit am Arbeitsplatz.

BVG: Volles Fahrtaufkommen soll für genügend Distanz sorgen

Trotz einer Auslastung von aktuell nur rund 45 Prozent im Vergleich zur Zeit vor Corona fahren Busse und Bahnen der BVG weiterhin in vollem Umfang, um für möglichst viel Platz und Distanz in den Fahrzeugen zu sorgen. Dort, wo es technisch möglich, öffnen die Türen der Züge und Busse an allen Haltestellen automatisch. Berlin hatte im April 2020 als erstes Bundesland die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung im öffentlichen Nahverkehr eingeführt.

Foto: BVG/Oliver Lang

Hauptkategorie: Corona
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