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"Wir brauchen mehr Transparenz in der Versorgung chronischer Schmerzen"

Freitag, 19. Juli 2013 – Autor: Anne Volkmann
Der Schmerzexperte Dr. Jan-Peter Jansen über den Umgang mit chronischen Schmerzen, die mangelnde Nachvollziehbarkeit von Behandlungserfolgen und die Notwendigkeit, Patienten in den Therapieverlauf einzubeziehen.

Dr. Jan-Peter Jansen – Foto: Christof Rieken

Dr. Jansen, welche Patienten kommen in Ihr Schmerzzentrum?

Jansen: Zu uns kommen die Fälle, die das Gefühl haben, dass ihnen kein anderer Arzt mehr weiterhelfen kann. Die allermeisten Patienten sind, bevor sie zu uns kommen, von Facharzt zu Facharzt gelaufen und haben die verschiedensten Diagnosen erhalten. Dementsprechend sind sie natürlich oft sehr frustriert.

Sind die Ärzte in Deutschland für das Thema Schmerzen nicht hinreichend ausgebildet?

Jansen: Das Problem ist, dass die Ärzte bei uns nicht lernen, den chronischen Schmerz als eigene Krankheit anzusehen. In der Ausbildung erfahren sie, dass Schmerz ein Symptom ist, das verschwindet, wenn die ursächliche Erkrankung behoben ist. Problematisch wird es aber dann, wenn das nicht der Fall ist und der Patient weiterhin Schmerzen hat. Betroffene, die diese Erfahrung gemacht haben, kommen zu uns. Wir haben viele Migränepatienten, Patienten mit Fibromyalgie, aber auch Menschen mit ganz anderen Erkrankungen, wie beispielsweise Krebs.

Wie sieht die Behandlung in Ihrem Schmerzzentrum aus?

Jansen: Bei uns wird der Patient als Ganzes betrachtet. Wir bieten eine multimodale Schmerztherapie, also eine Kombination von Behandlungen aus verschiedenen Fachrichtungen, an. Wir haben in unserem Schmerzzentrum Ärzte aus acht verschiedenen Bereichen, vom Neurochirurgen über den Psychosomatiker bis hin zum Homöopathen.

Sollten Patienten ein Schmerztagebuch führen?

Jansen: Die Empfehlung, ein Schmerztagebuch zu führen, gab es in der Tat sehr lange. Mittlerweile kommt man davon eher ab, weil man weiß, dass sich die Patienten dadurch noch stärker auf ihre Schmerzen konzentrieren. Daher haben wir bei uns anstelle des Schmerztagebuches ein Zufriedenheitstagebuch entwickelt, bei dem die Patienten notieren, wann es ihnen gut geht. Und dann wollen wir versuchen, dass der Patient öfter solche Tage erlebt. Natürlich ist es unser Ziel, die Schmerzen, soweit es geht, zu reduzieren. Manchmal bleibt jedoch ein gewisser Rest an Schmerzen. Dann geht es darum zu überlegen, wie man das Leben trotzdem gut leben und sich den Tag schön machen kann.

Was fehlt Ihrer Meinung für eine bessere Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen?

Jansen: Zum einen ist natürlich mehr Forschung nötig. Dazu fehlen uns aber häufig noch die Daten. Wir versuchen beispielsweise mit dem sogenannten Berliner Modell, Krankheitsverläufe zu sammeln und über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, um herauszufinden, welche Therapiemaßnahmen wirklich gewirkt haben. Die Behandlungen basieren meist stark auf der persönlichen Überzeugung der jeweiligen Ärzte und Therapeuten, und da Patienten im Lauf der Zeit oft bei vielen verschiedenen Ärzten in Behandlung waren, ist eine transparente Verfolgung der Therapieerfolge oft nur schwer möglich. Unser Ziel ist, nachvollziehbar zu machen, welche Behandlungen tatsächlich Erfolg hatten und welche nicht und dadurch langfristig bessere Handlungsrichtlinien für die Behandlung von Schmerzpatienten zu entwickeln.

Dagegen gibt es bestimmt auch Widerstände.

Jansen: Natürlich gibt es da auch Kritiker, die beispielsweise meinen, solche Daten könnten manipuliert werden. Aber ich denke, es gibt keinen anderen Weg. Ich halte es auch für wichtig, dass Patienten gut über ihre Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten informiert sind und dass sie an der Entscheidung, welcher Therapieweg eingeschlagen wird, beteiligt sind. Dafür braucht es mehr Transparenz. Viele Ärzte wollen aber den informierten Patienten gar nicht. Da wird es sicher noch einige Widerstände geben.

Welche Rolle spielen Schmerzmittel bei der Behandlung?

Jansen: Beim chronischen Schmerz spielt häufig das sogenannte Schmerzgedächtnis eine Rolle, das heißt, dass die Nervenzellen immer empfindlicher werden und sogar noch Schmerzreize aussenden, obwohl die Ursache längst behoben ist. Dafür gibt es Medikamente, die beispielsweise auf molekularer Ebene die Erregbarkeit der Nervenzellen normalisieren. So kann der Patient den Schmerz vergessen, sozusagen „verlernen“.

Haben wir denn ausreichend gute Medikamente zur Verfügung?

Jansen: Es gibt schon sehr gute Medikamente. Hier spielen vor allem Opiate eine große Rolle, die man bei richtiger Einstellung auch lange einnehmen kann, während einige freiverkäufliche Medikamente durchaus nicht so harmlos sind, wie viele Menschen glauben. Allerdings müssen die Medikamente, die wir haben, auch richtig angewendet werden.

Dr. med. Jan-Peter Jansen ist Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des SZ Schmerzzentrums Berlin GmbH.

Interview: Anne Volkmann

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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