Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Wie unnötige Tierversuche reduziert werden können

Donnerstag, 30. Juni 2016 – Autor:
Dass die Ergebnisse aus Tierversuchen oft nicht auf den Menschen übertragbar sind, kann unter anderem daran liegen, dass das falsche „Modell“ benutzt wurde. Forscher haben nun eine Methode gefunden, mit der das jeweils am besten geeignete Tiermodell gefunden werden soll.
Tierversuche vermeiden

Viele Tierversuche sind überflüssig – Foto: efmukel - Fotolia

Fast drei Millionen Tiere werden jedes Jahr in Deutschland für wissenschaftliche Studien getötet – fast immer nach einem langen Martyrium. Am häufigsten kommen bei den Tierversuchen Mäuse und Ratten zum Einsatz, aber auch andere Tiere wie Hunde, Katzen oder Affen. Tierschützer kritisieren die Praxis der Tierversuche immer wieder, weil die gewonnenen Daten häufig nicht auf den Menschen übertragbar sind. Wissenschaftler der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Bundesinstituts für Risikobewertung konnten nun zeigen, dass Mausmodelle unterschiedlich gut mit Studien am Menschen korrelieren. Sie hoffen, dass ihre Analyse dazu beiträgt, dass in Zukunft immer nur das geeignetste Modell für die jeweils zu untersuchende Fragestellung ausgewählt wird und dass unnötige Tierversuche vermieden werden können.

Versuche an Mäusen führten zu gegensätzlichen Ergebnissen

Die Forscher um Gilbert Schönfelder, Professor für experimentelle Toxikologie und Alternativen zum Tierversuch an der Charité, analysierten einen Datensatz umfangreicher Genomdaten, der zuvor von zwei Arbeitsgruppen gegensätzlich interpretiert worden war. Im ersten Fall untersuchten Wissenschaftler in einer 2013 veröffentlichen Studie die Folgen unterschiedlicher Auslöser von Entzündungen auf die Genaktivität. Sie analysierten dabei die Informationen der Ribonukleinsäure (RNA) von weißen Blutkörperchen bei Mensch und Maus. Aus den Daten folgerten sie, dass Entzündungsreaktionen von Mensch und Maus nicht vergleichbar seien.

Eine andere wissenschaftliche Arbeitsgruppe kam auf Basis derselben Genomdaten ein Jahr später zum gegenteiligen Schluss: Die Mäuse reagieren auf der molekularen Ebene sehr ähnlich wie der Mensch. Schönfelder kommentierte: „Dass die Ergebnisse von Studien unterschiedlich ausgelegt und bewertet werden, ist in der Wissenschaft sicherlich nicht ungewöhnlich. Allerdings ist es selten, dass aus identischen Daten gegensätzliche Aussagen abgeleitet werden."

 

Tierversuche bringen nicht immer verwertbare Ergebnisse

Das Ziel der Wissenschaftler war nun die Entwicklung eines standardisierten Ansatzes für die systematische Analyse umfangreicher Genomdaten. Unter Verwendung der sogenannten „Gene Set Enrichment Analysis (GSEA)-Methode“ wurde der entsprechende Datensatz daher nochmals untersucht. Mit dieser Methode kann ein direkter Zusammenhang zwischen einer Erkrankung und dem potentiell verantwortlichen biologischen Vorgang hergestellt werden. Dadurch ist es zudem möglich zu sehen, welche Gene bei einem Entzündungsprozess aktiviert werden und welchen biologischen Vorgängen diese Gene zugeordnet sind.

Die Ergebnisse zeigten, dass im Falle von Entzündungen die Reaktionen bei einigen Mausmodellen gut mit den Daten übereinstimmten, die beim Menschen ermittelt wurden, bei anderen Mausmodellen hingegen nicht. Die Forscher glauben, dass mit dieser Analysemethode das jeweils optimale Tiermodell für eine bestimmte Fragestellung gefunden werden kann, wodurch sich überflüssige Tierversuche möglicherweise verhindern lassen.

Foto: © efmukel - Fotolia.com

Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Forschung
 

Weitere Nachrichten zum Thema Tierversuche

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Damit eine Sonnenbrille nicht trügerische Sicherheit vorgaukelt, sondern unsere empfindlichen Augen vor aggressiver UV-Strahlung wirksam schützt, muss sie bestimmte Mindeststandards erfüllen. Der UV-Schutz bis 400 Nanometer ist nur einer davon.


Innenstädte leiden besonders unter Hitzewellen. Was Grünflächen leisten können, um die Temperaturen zu drücken, haben jetzt Forscher der TU München untersucht. Demnach kommt es neben dem Anteil der Vegetation auch auf die Art der Bepflanzung an.
 
Kliniken
Interviews
Zöliakie kann in jedem Lebensalter auftreten und ein buntes Bild an Beschwerden machen. Bislang ist das wirksamste Gegenmittel eine glutenfreie Ernährung. Gesundheitsstadt Berlin hat mit PD Dr. Michael Schumann über die Auslöser und Folgen der Autoimmunerkrankung gesprochen. Der Gastroenterologe von der Charité hat an der aktuellen S2K-Leitinie „Zöliakie“ mitgewirkt und weiß, wodurch sich die Zöliakie von anderen Glutenunverträglichkeiten unterscheidet.

Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin