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Wie sicher oder riskant ist jetzt Bahnfahren?

Viele, die zu Corona-Weihnachten mit der Bahn reisen wollen, tun dies mit einem mulmigen Gefühl. Rechtzeitig zum Reiseverkehr um die Feiertage hat die Bahn eine Studie vorgelegt, deren Ergebnisse schon gebuchte wie potenzielle Fahrgäste beruhigen soll. Um das Infektionsrisiko zu minimieren, setzt der Verkehrskonzern auf Lüftungstechnik, Zusatzzüge mit mehr Abstand und stärkere Masken-Kontrollen.

Verstärkte Maskenkontrollen und andere Maßnahmen sollen das Bahnfahren in der Weihnachtszeit sicherer machen.

Bahnfahrgäste erleben, die hörbar schnaufen, weil sie den Zug gerade noch gekriegt haben, schweres Gepäck in den Zug hieven mussten oder einfach weihnachtlich reisend aufgeregt sind. Sehr nahe neben anderen sitzen müssen. Mitbekommen, dass andere die Maske unten haben – und sei es nur zum Essen. Zu Weihnachten fragen sich viele, die nicht per Auto verreisen: Wie sicher oder riskant ist es im Moment, Bahn zu fahren? Die Deutsche Bahn AG (DB) hat kurz vor Weihnachten eine Studie vorgelegt, die Fahrgäste beruhigen soll. Der Konzern argumentiert mit der Wirksamkeit einer Kombination aus Maskenpflicht, Reservierungen mit eingebautem Abstand, einem permanenten Luftaustausch durch die Klimaanlage, Zusatzzügen – und verstärkten Kontrollen.

Bei der Experimentalstudie, die die Bahn gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) durchgeführt hat, wurde unter anderem die Atmung eines Fahrgastes mit und ohne Mund-Nase-Bedeckung simuliert. Die Verbreitung von Tröpfchen und Aerosolen wurde mittels Verteilung von künstlichem Speichel und Spurengas nachgebildet und vermessen. Tröpfchen und Aerosole gelten als Hauptübertragungsweg des Corona-Virus. Sie sind wenige Mikrometer klein und entstehen beim Atmen, Sprechen, Husten und Niesen.

Aerosol-Test in einem ICE-Versuchswaggon

„Eine Mund-Nase-Bedeckung ist während der Zugfahrt eine wirksame Möglichkeit, die Verbreitung von Tröpfchen und Aerosolen zu begrenzen“, sieht sich die Bahn in ihrer Position bestätigt. Simulationen und Messungen fanden in einem Versuchswaggon für Reisekomfort und Klimatisierung statt, der dem Mittelwagen eines ICE entspricht, und einem Versuchslabor der Bahn für klimatechnische Untersuchung an Eisenbahnfahrzeugen.

 

ICE-Wagen: „Raumluft alle sieben Minuten erneuert"

Weiterhin verweist die Bahn auf die in Zügen permanent laufenden Lüftungsanlagen. „Der hohe Anteil Frischluft, mit dem die Klimaanlage arbeite, verdünne die Konzentration der Aerosole deutlich“, heißt es in einer Mitteilung der DB. „Partikel, die die Klimaanlage erreichen, werden dort zum Teil im Filtersystem abgeschieden.“ Die Klimaanlagen seien nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung – aus zwei Gründen: „Sie ziehen die Luft von oben nach unten. Aerosole werden also schnell auf den Boden gezogen“, sagt Berthold Huber, DB-Vorstand für Personenverkehr. Außerdem sorge die Klimaanlage dafür, dass in einem ICE-Wagen die Luft im Schnitt alle sieben Minuten komplett erneuert würde. „Das heißt, dass die Klimaanlage bei der Verbreitung der Aerosole im Fahrgastraum faktisch keine Rolle spielt“.

Anders als Flugzeuge: Bahn-Lüftung ohne Virenfilter

Allerdings räumte die Bahn von sich aus ein, dass die aktuelle Studie keine virologische Bewertung möglicher Infektionsrisiken hergebe. Nach Informationen der Tagesschau verfügen Züge – anders als Flugzeuge – auch über keine Virenfilter in den Lüftungsanlagen. Auch wurde die Bahn in der Vergangenheit immer wieder dafür kritisiert, dass regelmäßig Klimaanlagen ausfallen. Dann können die betreffenden Wagen komplett gesperrt sein, wie vom Autor dieses Artikels selbst erlebt (abgedunkelt und mit weiß-rotem Absperrband). Die Fahrgäste wurden gebeten, sich sicherheitshalber auf andere Waggons zu verteilen – mit der Folge, dass sich die Fahrgastdichte dort in unerwünschter Weise erhöhte. Experten erwarten auch, dass in der kälteren Jahreszeit bei der Klimatisierung der Anteil an wiederverwendeter Umluft (warm) zulasten der Frischluftzufuhr (kalt) erhöht werden muss, um angenehme Temperaturen im Zug halten zu können.

Studie: Geringe Infektionsrate bei Zugbegleitern

Um das Infektionsrisiko für die eigenen Mitarbeiter im Massenverkehrsmittel Bahn abzuschätzen, hatte der DB-Konzern bereits im Juni und Juli dieses Jahres 1.100 Mitarbeiter auf das Coronavirus und auf Antikörper untersuchen lassen – mit dem Ziel herauszufinden, wie viele Mitarbeiter an COVID-19 aktuell erkrankt sind (Virustest) beziehungsweise es schon waren (Antikörpertest). Die Bahn zeigte sich überrascht, dass von den Zugbegleitern nur 1,3 Prozent positiv auf Antikörper getestet worden seien – bei den Mitarbeitern mit geringem oder ohne Kundenkontakt (Beispiel: Lokführer) seien es 2,7 Prozent gewesen. Eine akute Erkrankung sei nur in einem Fall festgestellt worden.

Bahn-Vorstand: „Bahnfahren ist kein Corona-Treiber“

Diese im September publizierte Studie hatte die Bahn gemeinsam mit einer Forschungsabteilung der Berliner Charité durchgeführt. „Wir können heute sagen, dass Bahnfahren sicher ist“, sagte DB-Vorstand Huber. Es gebe ein durchdachtes Hygienekonzept, die Maskenpflicht werde konsequent durchgesetzt. Ein Austausch mit dem Robert-Koch-Institut bestätige: „Bahnfahren ist kein Corona-Treiber." Kunden wurden damals nicht befragt. Die Bahn begründete das damit, dass sich Zugbegleiter länger im Zug aufhielten und deren Infektionsrisiko größer sei.

Kritiker: Je enger und länger, umso höher das Risiko

Skeptisch zum Thema Bahnfahren in Corona-Zeiten äußerte sich etwa der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Lange Zeit auf engstem Raum gemeinsam mit vielen anderen – gerade im Fernverkehr sei das Risiko offensichtlich, sagte Lauterbach dem ARD-Magazin Monitor. Dies deckt sich mit einer groß angelegten Studie chinesischer Wissenschaftler, die die These bestätigt sieht: Je kleiner der Abstand zwischen Reisenden und je länger die Fahrt, umso höher das Risiko für eine Infektion.

Zugbegleiter: Keine effektiven Sanktionsmittel gegen Maskenmuffel

Ein Zugbegleiter der DB berichtete, dass pro Kontrollgang über eine komplette Zuglänge „mindestens fünf“ Passiere im Schnitt ermahnt werden müssten, die Maske (wieder) aufzusetzen. Ein Problem dabei: Effektive Sanktionsmittel gegen Maskenverweigerer haben Bahnmitarbeiter offensichtlich nicht. Dies dürfe nur die Bundespolizei, sagte der Zugbegleiter weiter. Weil Zugbegleiter bei der Durchsetzung der Maskenpflicht an ihre Grenzen stoßen, kündigte die Bahn unterdessen verstärkte Kontrollen durch Bahn-Sicherheitsdienste und die Bundespolizei an. Wer ohne Maske angetroffen wird, dem droht das Ende der Fahrt sowie ein Bußgeld in Höhe von 50 Euro.

Weihnachten: Mehr Masken-Kontrollen, mehr Sitzplätze

Die Bund-Länder-Runde von Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten erhöhten im Vorfeld der Weihnachtszeit den Druck auf die Bahn, das Reisen in Pandemiezeiten sicherer zu machen. Dem entsprach die Bahn unter anderem dadurch, dass Reisende seit Ende November nur noch einen Sitzplatz pro Reihe buchen können – die am weitesten außen gelegenen Fensterplätze. Eine allgemeine Reservierungspflicht mit limitierter Platzzahl, wie sie etwa von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) gefordert wird, um überfüllte Züge zu vermeiden und Abstandsgebote besser einhalten zu können, lehnte die Bahn bisher ab. Dafür kündigte der Konzern an, im Reiseverkehr rund um die Weihnachtstage auf vielen Hauptstrecken mehr Sitzplatzkapazitäten anzubieten. So sollen hier doppelt so viele Sonderzüge eingesetzt werden sollen wie in den zurückliegenden Jahren üblich. Die Rede ist von 100 zusätzlichen Zügen in der Zeit zwischen dem 18. Und dem 27. Dezember.

Foto: Deutsche Bahn AG/Oliver Lang

Hauptkategorie: Corona
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