. Psychische Erkrankungen

Wie sich Suizide verhindern lassen

Suizide gehören nach wie vor zu den häufigsten Todesursachen. Ein internationales Forscherteam hat nun in einer Meta-Analyse herausgefunden, dass sich durch ein Drei-Säulen-Modell Selbsttötungen am wirkungsvollsten verhindern lassen.
Wie lassen sich Suizide verhindern

Drei Ansatzpunkte sind besonders wichtig, um Suizide zu verhindern

Der Suizid ist in Deutschland die häufigste nicht natürliche Todesursache. Rund 10.000 Menschen nehmen sich hierzulande jedes Jahr das Leben. Um die Anzahl der Selbsttötungen zu verhindern, wurden in vielen Ländern in den vergangenen Jahren Präventionsprogramme ins Leben gerufen. Ein internationales Forscherteam um Dr. Gil Zalsman vom Geha Mental Health Center in Tel Aviv hat nun in einer Meta-Analyse über 1800 Publikationen zu Studien und Programmen ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass drei Ansatzpunkte die Zahl der Suizide am wirksamsten senken können.

Suizidwege versperren

Ein wichtiger, oft unterschätzter Weg, Suizide zu verhindern, ist, Betroffenen den Weg zur Tat zu versperren. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass der Impuls, sich umzubringen, nachlassen kann, wenn es keine Möglichkeit gibt, die Idee in die Tat umzusetzen. Und zu einem späteren Zeitpunkt ist der Wunsch häufig nicht mehr stark genug. „Es gibt eine klare Evidenz, dass ein erschwerter Zugang zu Tötungsmethoden die Suizidrate senkt und eine Substitution mit anderen Methoden nur begrenzt erfolgt“, so die Forscher.

So zeigten Studien aus Großbritannien, dass die Verkleinerung von Medikamentenpackungen und das Verbot toxischer Wirkstoffe die Zahl der Suizide um 43 Prozent senkte. Mehrere Studien zeigten zudem, dass Zugangsbarrieren zu Suizid-Hotspots die Anzahl der Selbsttötungen senken kann. So konnten beispielsweise Netze, die auf der 30 Meter hohen Münsterplattform in Bern angebracht wurden, die Menschen nicht nur davon abhalten, sich von dem Turm zu stürzen, sondern die Suizidrate in Bern sank auch insgesamt in den folgenden Jahren – bis sich eine andere Brücke als neuer Zielort der Suizidwilligen etablierte. Offenbar dauert es also eine Weile, bis die Betroffenen eine neue Idee für ihre Selbsttötung entwickeln – wertvolle Zeit, die für die Prävention genutzt werden kann.

Depressionen erkennen und behandeln

Heute weiß man, dass die meisten Suizide auf Erkrankungen wie Depressionen, bipolare Störungen oder Psychosen zurückgehen. Diese Störungen zu erkennen und zu behandeln, kann das Risiko für Suizide demnach wirksam senken. Bei bipolaren Erkrankungen scheint Lithium noch immer die wirkungsvollste Option zu sein. Auch für SSRI gibt es nach Angaben der Studienautoren eine gute Evidenz, dass die Medikamente langfristig die Suizidrate senken.

Sinnvoll, um Suizide verhindern, sind zudem Psychotherapien. Hier haben sich vor allem die kognitive sowie die dialektische Verhaltenstherapie bewährt. Eine gute und vor allem schnelle Wirkung zeigt auch die Elektrokrampftherapie (EKT) bei Suizidgedanken. „Die EKT sollte daher nicht nur als Ultima Ratio dienen, sondern bei gefährdeten Patienten früher zum Einsatz kommen“, so die Autoren.

Soziale Netzwerke können helfen

Die dritte Säule zur Verhinderung von Suiziden sind soziale Netzwerke. Das Eingebundensein in Familie und Freundeskreise senkt das Risiko für Selbsttötungen nachweislich. Besonders bei gefährdeten Jugendlichen können offenbar familienbasierte Therapien und Kriseninterventionen das Risiko für Suizidgedanken senken. Bei speziellen Schulprogrammen waren die Effekte sehr uneinheitlich. Allerdings ließ sich in drei großen Studien, in denen viel Wert auf Möglichkeiten zur Bewältigung psychischer Krisen gelegt worden ist, die Häufigkeit von Suizidgedanken und -versuchen im Vergleich zu Kontrollgruppen um etwa 50 Prozent senken.

Besonders wirksam scheint auch eine spezielle Schulung von Hausärzten zu sein. Die Ergebnisse aus Ländern, die auf Programme setzten, in denen Hausärzte über Depressionssymptome und eine optimale antidepressive Therapie unterrichtet werden, zeigen einen deutlichen Rückgang der Suizidrate.

Foto: © marjan4782 - Fotolia.com

Autor: red
Hauptkategorie: Medizin

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