. Psychische Erkrankungen

Wie man Depressionen bei Kindern und Jugendlichen erkennt

Überanhänglichkeit, exzessives Daumenlutschen, Schulleistungsstörungen oder Aggressivität: Auch Kinder und Jugendliche können an Depressionen erkranken. Aber die leidende Psyche artikuliert sich über andere Symptome als im Erwachsenenalter. Um die Krankheit zu erkennen, muss man manchmal um die Ecke denken.
Junge sitzt am Esstisch. Kopf auf die Hand gestützt, grübelt, isst nichts.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen: Depressionen haben bei jungen Menschen oft ein anderes Gesicht. Essstörungen gehören dazu, eine in sich zusammengesunkene Haltung oder wenig Freude an körperlicher Bewegung.

Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens: Man hört das immer wieder – aber ist die Welt wirklich so einfach gestrickt? Die Sonnenseite von Kindheit und Jugend: versorgt sein im Elternhaus, wenig Verpflichtungen und Verantwortung, die erste Liebe, jede Menge Spaß. Die Schattenseite: tiefe Verunsicherung, sich im eigenen Körper unwohl fühlen, der erste Rausch, Liebeskummer, Leistungsdruck und Mobbing in der Schule, Pickel und  ständig gemessen werden an unrealistischen Idolen. Tragische Folge: Jeden zweiten Tag stirbt in Deutschland laut Statistik ein Jugendlicher durch Suizid. In der Altersgruppe der 15- bis 20-Jährigen sind Selbsttötungen nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache. Jungen sterben im Vergleich zu Mädchen dreimal so oft durch Suizid. Dafür gelten Mädchen und junge Frauen als Hautrisikogruppe für Suizidversuche.

Depressionen sogar schon im Kindergarten

Leichte depressive Verstimmungen bis hin zu schweren depressiven Störungen gehören nach Angaben der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ Leipzig zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Schon im Vorschulalter sind etwa 1 Prozent der Kinder davon betroffen, im Grundschulalter etwa 2 Prozent. Aktuell erkranken etwa 3 bis 10 Prozent aller Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren an einer Depression. Diese Zahlen nennt der Verein „Deutsche Bündnis gegen Depressionen“. Eine  Besonderheit: „Bei Kindern und Jugendlichen ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass die Depression mit weiteren psychischen Erkrankungen wie Angststörungen, somatoformen [sich körperlich äußernden, Anm. d. Red.] Störungen und ADHS einhergeht“, heißt es bei der Stiftung Depressionshilfe.

Dass Kinder naturgemäß oft herzzerreißend weinen oder plärren, weil sie sich mit Worten nicht artikulieren können, ist ein Grund dafür, dass Depressionen im zarten Alter nicht so einfach zu erkennen sind. Zumindest vorübergehende Verstimmungen und „Downs“ sind später dann ein normaler Teil der Pubertät. Verhaltensauffälligkeiten wie Gereiztheit oder Aufmüpfigkeit können im Vordergrund stehen, sodass Eltern, Lehrer oder Ärzte die Depression übersehen. Oft ist es immer noch so, dass sich Betroffene oder die betroffenen Familien aus Angst vor Stigmatisierung schwer damit tun, sich rechtzeitig professionelle Hilfe zu holen.

 

Gefahr von Entwicklungsverzögerung und Drogenmissbrauch

Eine Depression im Kindes- und Jugendalter dauert meist kürzer als bei Erwachsenen und geht häufiger wieder vollständig zurück. Dafür ist die Gefahr von Rückfällen größer. Die Betroffenen nehmen an vielen Aktivitäten Gleichaltriger nicht teil und ziehen sich aus sozialen Beziehungen zurück.  Die Folge können Entwicklungsverzögerungen sein – ein Teufelskreis: „Auf diese Weise verlieren die Kindern und Jugendlichen häufig weiter an Selbstvertrauen, was die depressive Symptomatik verstärken kann“, sagt die Ärztin Christine Amrhein. Bei einigen Kindern und Jugendlichen kommt es wegen der Depression auch zum Missbrauch von Alkohol oder Drogen, was ebenfalls die depressiven Symptome verstärken kann.

Aus depressiven Kindern werden oft depressive Erwachsene

Menschen, die schon als Minderjähriger an Depressionen leiden, besitzen auch ein höheres Risiko dafür, auch im Lauf des Erwachsenenlebens daran zu erkranken. Neuerdings lässt sich eine Veranlagung für Depressionen auch per Gentest bestimmen. Ein großer Unterschied zu Depressionen beim Erwachsenen: „Die für eine Depression typischen Symptome lassen sich – gerade bei jüngeren Kindern – oft nicht finden“, heißt es bei der Deutschen Depressionshilfe. Sie hat deshalb eine Checkliste herausgegeben, anhand derer sich Depressionen im Kinder- und Jugendalter leichter erkennen lassen. Je nach Altersstufe gibt es Besonderheiten in der Symptomatik:

Depressions-Symptome bei Kindern und Jugendlichen:

Kleinkindalter (1-3 Jahre):

  • vermehrtes Weinen
  • ausdrucksarmes Gesicht
  • überanhänglich, Kind kann schlecht alleine sein
  • selbststimulierendes Verhalten: Schaukeln des Körpers, exzessives Daumenlutschen
  • Spielunlust oder auffälliges Spielverhalten
  • Ess- und Schlafstörungen

Vorschulalter (3-6 Jahre):

  • trauriger Gesichtsausdruck
  • leicht irritierbar, stimmungslabil, auffällig ängstlich
  • mangelnde Fähigkeit, sich zu freuen
  • Teilnahmslosigkeit und Antriebslosigkeit, introvertiertes Verhalten
  • wenig Interesse an körperlicher Bewegung
  • innere Unruhe und Gereiztheit, aggressives Verhalten

Schulkinder (6-12 Jahre):

  • verbale Berichte über Traurigkeit
  • Denkhemmungen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Schulleistungsstörungen
  • psychomotorische Hemmung (langsame Bewegungen, in-sich-versunkene Haltung)
  • Appetitlosigkeit
  • Suizidgedanken

Pubertäts-und Jugendalter (13-18 Jahre):

  • wenig Selbstvertrauen, Selbstzweifel
  • Ängste, Lustlosigkeit 
  • tageszeitabhängige Schwankungen des Befindens
  • Konzentrationsmangel und Leistungsstörungen
  • Gefühl, sozialen und emotionalen Anforderungen nicht gewachsen zu sein
  • Gefahr der Isolation und des sozialen Rückzugs
  • psychosomatische Beschwerden (Beispiel: Kopfschmerzen)
  • Gewichtsverlust
  • Suizidgedanken

(Quelle: Deutsche Depressionshilfe)

So können Depressionen bei Kindern behandelt werden

Eine Behandlung erfolgt meist ambulant. Bestandteil einer Therapie kann eine alters- beziehungsweise entwicklungsgerechte Aufklärung des Kindes oder des Jugendlichen und seiner Eltern über die psychische Krankheit sein (Fachbegriff: Psychoedukation). So lässt sich die Krankheit begreifen und leichter mit ihr umgehen. Psychotherapie findet oft unter Einbeziehung von Familienmitgliedern oder weiteren Bezugspersonen statt. Bei Bedarf kann eine medikamentöse Therapie infrage kommen. Möglich sind auch Interventionen in der Familie (einschließlich Familientherapie).

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen: die fünf zentralen Therapieziele:

  1. Belastungen abbauen
  2. positive Aktivitäten erhöhen
  3. den Alltag besser strukturieren
  4. Problemlösungsstrategien vermitteln 
  5. Selbstwertgefühl und soziale Fähigkeiten des Kindes zu verbessern.

(Quelle: therapie.de/Pro Psychotherapie e.V. ) 

Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: 0800 3344533

(Mo, Di, Do: 13:00 – 17:00 Uhr,  Mi, Fr: 08:30 – 12:30 Uhr)

 

Foto: AdobeStock/asdf

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Hauptkategorie: Medizin
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