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29.08.2020

Wie lässt sich der Placeboeffekt erklären?

Tabletten ohne Wirkstoff können Kopfschmerzen vertreiben oder den Blutdruck beeinflussen. Das Phänomen nennt sich Placeboeffekt. Ähnliche Effekte haben auch Arzt-Patienten-Gespräche. Dahinter stecken neuropsychologische Prozesse.
Der Placebeoffekt kann Selbstheilungskräfte aktivieren – manchmal mit erstaunlichen Erfolgen

Der Placebeoffekt kann Selbstheilungskräfte aktivieren – manchmal mit erstaunlichen Erfolgen

Wenn der Körper positiv auf eine Behandlung reagiert, obwohl es sich nur um eine Scheinbehandlung handelt, sprechen Ärzte von einem Placeboeffekt. Placeboeffekte können sich auf die verschiedensten körperlichen und psychischen Symptome auswirken und damit den Verlauf von Erkrankungen verbessern. So können Tabletten ohne Wirkstoff Schmerzen lindern oder den Blutdruck senken. Oder eine Schein-Akupunktur das Immunsystem stimulieren. Doch wie kann ein Scheinmedikament oder eine Scheinbehandlung überhaupt eine Wirkung zeigen?

Es geht um Selbstheilungskräfte

„Placeboeffekte werden auf neuropsychologische Phänomene zurückgeführt, die Selbstheilungskräfte aktivieren“, erklärt Prof. Manfred Schedlowski, Direktor des Institutes für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen. Dabei spielten die Erwartungen der Patienten eine zentrale Rolle. Vertrauen sie darauf, dass die Therapie wirkt, oder haben sie eher Zweifel? Haben sie früher gute oder eher negative Erfahrungen mit medizinischen Behandlungen oder Behandlern gemacht? Schöpfen sie nach dem Gespräch mit dem Arzt Hoffnung oder löst die Lektüre des Beipackzettels eher Ängste aus? „Erfahrungen führen zu Lernprozessen, die bewusst oder unbewusst ablaufen und große Wirkungen entfalten können“, sagt Schedlowski. Je nachdem könnten sie die Heilung fördern – oder auch verhindern.

 

Erwartungen beeinflussen Behandlungserfolg

Es sind also die Erwartungen, die eine Wirkung erzielen – nicht das Placebo selbst. Nicht umsonst sagt ein altes Sprichwort, „der Glaube kann Berge versetzen.“

Natürlich wäre es fahrlässig, wenn ein Arzt statt der Blutdruckpille eine Zuckertablette verschreiben würde. Der Einsatz von Placebos sollte darum klinischen Studien vorbehalten bleiben.

Mehr Zeit für sprechende Medizin

Aber ein gutes Arzt-Patientengespräch kann eben auch die Erwartungen des Patienten beeinflussen. Schedlowski plädiert dafür, dieses Mittel stärker in der medizinischen Praxis einzusetzen. Gerade ältere Patienten seien häufig Noceboeffekten in der Kommunikation ausgesetzt.

Der Noceboeffekt ist der Gegenspieler des Placeboeffekts. Glaubt der Patient nicht an die Wirksamkeit einer Behandlung, so kann sich das tatsächlich negativ auf den Behandlungserfolg auswirken. Ärzte sollten daher versuchen, Vertrauen zu wecken und sich mehr Zeit für die sprechende Medizin nehmen, so der Verhaltensimmunbiologie.

Foto: © Adobe Stock/Studio Romantic

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
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