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Wie Immunsystem und Psyche zusammenhängen

Bei dauerhaftem Stress können bestimmte Immunzellen Entzündungsprozesse im Gehirn fördern, was die Entstehung von psychischen Erkrankungen begünstigen kann. Eine Vorprägung des Immunsystems vermuten Forscher schon im Embryonalalter.
Stress kann psychische Erkrankungen begünstigen

Dauerstress kann psychische Erkrankungen begünstigen.

Seit langer Zeit schon versuchen Forscher, die Ursachen für psychische Erkrankungen herauszufinden. Herausgekommen sind dabei bisher die unterschiedlichsten Erklärungsansätze. Ein relativ neuer Forschungsbereich, der unter anderem die Entstehung psychischer Krankheiten zu verstehen versucht, ist die Psychoneuroimmunologie. Sie konzentriert sich auf die Rolle des Immunsystems auf das Gehirn. Eine Forschergruppe der LWL-Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin der Ruhr-Universität Bochum hat nun untersucht, wie sich Dauerstress auf das Immunsystem auswirkt und welche Veränderungen im Gehirn dadurch in Gang gesetzt werden können.

„Ursprünglich wurden das Gehirn und das Immunsystem als zwei getrennte Systeme betrachtet“, erklärt Professor Georg Juckel, Ärztlicher Direktor des Klinikums. „Man ging davon aus, dass das Gehirn vor Immunprozessen geschützt arbeitet und wenig mit dem Immunsystem zu tun hat. Das stimmt aber nicht.“ Das Forscherteam um Dr. Astrid Friebe richtete nun seinen Fokus besonders auf eine spezielle Art von Fresszellen, die Mikrogliazellen.

Stress beeinflusst das Immunsystem

Die Aufgabe der Mikrogliazellen ist es normalerweise, Verbindungen zwischen Nervenzellen zu reparieren und das Wachstum neuer Nervenzellen anzuregen. Bei einer Bedrohung werden die Mikrogliazellen allerdings aktiviert und können dann Entzündungsprozesse fördern und Botenstoffe aussenden, die den Nervenzellen schaden. Dies ist beispielsweise sichtbar bei Krankheiten wie Multipler Sklerose oder Alzheimer. Hier findet sich rund um die von Entzündungen oder dem Abbau von Nervenzellen betroffenen Hirnbereiche eine Art Kranz von Mikrogliazellen.

Aber auch bei psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie ist die Anzahl der Mikrogliazellen im Gehirn deutlich erhöht. Die Aktivierung der Mikrogliazellen kann auch über das periphere Immunsystem erfolgen, also außerhalb des Gehirns, beispielsweise ausgelöst durch Stress. Denn akuter Stress regt das Immunsystem an. Was aber passiert bei dauerhaftem Stress? „Fest steht, dass die Mikrogliazellen eine Art Gewöhnungseffekt zeigen. Je öfter sie durch Stress aktiviert werden, desto eher neigen sie dazu, in diesem Zustand zu bleiben. Erst dann werden die Mikrogliazellen für das Gehirn gefährlich, “ erläutert Friebe. Dauerstress ist damit ein wichtiger Risikofaktor für die Entstehung psychischer Erkrankungen.

 

Immunsystem wird in der Schwangerschaft vorgeprägt

Warum erkranken aber manche Menschen unter Dauerstress psychisch und andere nicht? Die Ursache dafür vermuten die Forscher in der Embryonalzeit. Sie berufen sich dabei auf ältere Forschungen, die bereits in den 50er-Jahren gezeigt haben, dass Kinder von Müttern, die in der Schwangerschaft eine echte Virusgrippe durchgemacht hatten, ein siebenfach erhöhtes Risiko für Schizophrenie hatten. Im Tiermodell konnten die Bochumer Forscher dies bestätigen. „Was genau im Embryo passiert, wenn die Mutter an Grippe erkrankt, wissen wir nicht“, erklärt Friebe. „Der Embryo macht aber irgendeine Form von Immunreaktion durch, die weitreichende Folgen hat und wahrscheinlich das eigene Immunsystem vorprägt.“

Die Forscher gehen also davon aus, dass das Immunsystem im Embryonalalter vorgeprägt wurde und damit eine Anfälligkeit für die spätere Entstehung von psychischen Erkrankungen angelegt ist. Später kann Stress dann ein Risikofaktor sein, der das vorgeprägte Immunsystem aktiviert und eine Art Selbstzerstörungsmechanimus in Gang setzt.

Foto: © Petair - Fotolia.com

Autor: red
Hauptkategorien: Prävention und Reha , Medizin
 

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