Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Wie die Covid-19-Infektion zu Fatigue führen kann

Montag, 5. September 2022 – Autor:
Charité-Forscher haben jetzt gezeigt, wie die Covid-19-Infektion zur Fatigue führen kann. Sie ist ein Long-Covid-Symptom und kann schwere Beeinträchtigungen verursachen. Fatigue ist eine körperliche, keine psychosomatische Erkrankung.
Zu den Symptomen der Fatgue gehört eine stark eingeschränkte Belastbarkeit

– Foto: Adobe Stock/fizkes

Eine Forschungsgruppe der Charité-Universitätsmedizin Berlin und des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft hat jetzt gezeigt, wie die Covid-19-Infektion zur Fatigue führen kann. Sie ist ein Long-Covid-Symptom und kann schwere Beeinträchtigungen verursachen. Beim ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) handelt es sich um eine körperliche Erkrankung.

Prof. Carmen Scheibenbogen, kommissarische Direktorin des Instituts für Medizinische Immunologie am Charité Campus Virchow-Klinikum, leitet das Charité Fatigue Centrum, das auf deren Diagnostik spezialisiert ist. Sie ist von bleierner Schwäche geprägt und führt oft zu einem hohen Grad körperlicher Beeinträchtigung. Die Fatigue ist noch wenig erforscht, und es gibt bislang keine einheitlichen Diagnosekriterien, so Scheibenbogen in einer Pressemitteilung.

Nur zwei bis vier Stunden am Tag belastbar

Für die Studie untersuchten die Experten 42 Personen, die sich mindestens 6 Monate nach ihrer SARS-CoV-2-Infektion an sie gewandt hatten, weil sie noch immer stark an krankhafter Erschöpfung und eingeschränkter Belastungsfähigkeit im Alltag litten. Die meisten von ihnen konnten lediglich zwei bis vier Stunden am Tag einer leichten Beschäftigung nachgehen, einige waren arbeitsunfähig und konnten sich kaum selbst versorgen.

Während der akuten SARS-CoV-2-Infektion hatten drei der 42 Patienten ein Krankenhaus aufgesucht, aber keine Sauerstoffgabe benötigt. 32 hatten in der Regel ein bis zwei Wochen lang starke Krankheitssymptome wie Fieber, Husten, Muskel- und Gliederschmerzen. Da die SARS-CoV-2-Infektionen in der ersten Welle der Pandemie stattgefunden hatten, war keine der in die Studie eingeschlossenen Personen zuvor geimpft.

 

Wie die Covid-19-Infektion zur Fatigue führen kann

Nach wissenschaftlichen Kriterien wurde die Ausprägung der Erkrankung beurteilt. Danach erfüllte knapp die Hälfte der untersuchten Patienten nach ihrer SARS-CoV-2-Infektion das Vollbild von ME/CFS. So kann also Covid-19 zur Fatigue führen. Die andere Hälfte hatte vergleichbare Symptome, ihre Beschwerden nach körperlicher Anstrengung (postexertionelle Malaise) waren jedoch nicht so stark ausgeprägt und hielten nur einige Stunden an.

Dagegen trat bei den Vollbild-Fatigue-Patienten die Verschlimmerung der Symptome auch noch am nächsten Tag auf. „Wir können also zwei Gruppen von Post-Covid-Betroffenen mit stark reduzierter Belastbarkeit unterscheiden“, resümiert Dr. Judith Bellmann-Strobl., Leiterin der multidisziplinären Hochschulambulanz des Experimental and Clinical Research Center. Zusammen mit Scheibenbogen leitete sie die Studie.

Kraft in den Händen bei fast allen vermindert

Neben der Erfassung der Symptome ermittelten die Forschenden verschiedene Laborwerte und setzten sie in Beziehung zur Handkraft der Erkrankten, die bei den meisten vermindert war. „Bei den Menschen mit der weniger stark ausgeprägten Belastungsintoleranz stellten wir fest, dass sie weniger Kraft in den Händen hatten, wenn sie einen erhöhten Spiegel des Immunbotenstoffs Interleukin-8 aufwiesen. Möglicherweise ist die reduzierte Kraft der Muskulatur in diesen Fällen auf eine anhaltende Entzündungsreaktion zurückzuführen“, sagt Prof. Scheibenbogen.

Bei den Betroffenen mit dem Fatigue-Vollbild korrelierte die Handkraft dagegen mit dem Hormon NT-proBNP, das von Muskelzellen bei zu schlechter Sauerstoffversorgung ausgeschüttet werden kann. „Das könnte darauf hinweisen, dass bei ihnen eine verminderte Durchblutung für die Muskelschwäche verantwortlich ist“. so die Medizinerin. Weitere Beobachtung: Bei vielen Menschen, die ME/CFS-ähnliche Symptome haben, aber nicht das Vollbild der Erkrankung entwickeln, scheinen sich die Beschwerden langfristig zu verbessern.

Körperliche, nicht psychosomatische Erkrankung

Die im Fachmagazin Nature Communications veröffentlichten Erkenntnisse könnten zur Entwicklung spezifischer Therapien für das Post-Covid-Syndrom und ME/CFS beitragen. „Unsere Daten liefern aber auch einen weiteren Beleg dafür, dass es sich bei ME/CFS nicht um eine psychosomatische, sondern um eine schwerwiegende körperliche Erkrankung handelt, die man mit objektiven Untersuchungsmethoden erfassen kann“, betont Prof. Scheibenbogen. „Leider können wir ME/CFS aktuell nur symptomatisch behandeln.“

Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Coronavirus
 

Weitere Nachrichten zum Thema Long-Covid

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten

Ein Schrank voller Nudeln, Klopapier und Wasserflaschen: Das ist eine Art, mit aktuellen Krisen wie Ukraine-Krieg und Klimawandel umzugehen. Eine weitere Art ist, alles zu tun, dass man psychisch stabil und gesund bleibt. Experten sagen: Das kann man lernen.

Wespen und Stechmücken haben sich gemeinsam mit dem Sommer verabschiedet. Ruhe vor lästigen Insekten haben wir damit nicht. Zecken etwa sind weiterhin aktiv – solange das Thermometer die 8-Grad-Marke nicht unterschreitet. Beim Pilze-Sammeln heißt es deshalb: aufpassen!
 
Interviews
Affenpocken verlaufen in der Regel harmlos. Doch nicht immer. Dr. Hartmut Stocker, Chefarzt der Klinik für Infektiologie am St. Joseph Krankenhaus in Berlin Tempelhof, über die häufigsten Komplikationen, die Schutzwirkung der Impfung und den Nutzen von Kondomen.

Zöliakie kann in jedem Lebensalter auftreten und ein buntes Bild an Beschwerden machen. Bislang ist das wirksamste Gegenmittel eine glutenfreie Ernährung. Gesundheitsstadt Berlin hat mit PD Dr. Michael Schumann über die Auslöser und Folgen der Autoimmunerkrankung gesprochen. Der Gastroenterologe von der Charité hat an der aktuellen S2K-Leitinie „Zöliakie“ mitgewirkt und weiß, wodurch sich die Zöliakie von anderen Glutenunverträglichkeiten unterscheidet.

Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin