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Wie das Immunsystem bei Covid-19 verrücktspielt

Donnerstag, 13. Oktober 2022 – Autor:
Bei einer Corona-Infektion startet im Körper eine antivirale Abwehrreaktion. Tückisch daran: Ist diese Reaktion sehr stark, kann das Immunsystem überreagieren und neben dem Virus auch den Körper selbst attackieren. Mögliche Folgen: Gewebeschäden, Organversagen – Tod.
Entzündungen im Körper - Mikroskopische Detaildarstellung.

Bei einer Covid-19-Erkrankung kann eine starke antivirale Immunreaktion Hand in Hand gehen mit einer Hyperaktivierung des Immunsystems. – Foto: AdobeStock/primipil

Es klingt paradox, aber eine aktuelle Studie bestätigt es: Eine starke antivirale Abwehrreaktion des Körpers auf eine Corona-Infektion kann ein Segen sein – und zugleich ein Fluch. Das Immunsystem kann überreagieren und am Ende nicht nur das Sars-CoV-2-Virus bekämpfen, sondern auch körpereigenes Gewebe und Organe. Die gefürchteten schweren Krankheitsverläufe bei Covid-19 werden demnach nicht durch das Virus selbst ausgelöst, sondern durch eine Fehlregulation des Immunsystems, das den Körper eigentlich schützen soll. Das zeigt eine Studie des Universitätsklinikums Freiburg.

Wie das Immunsystem bei Covid-19 entgleisen kann

Den Mechanismus dieser Entgleisung des Immunsystems beschreiben die Wissenschaftler so: Durch die Abwehrreaktion des Körpers entstehen sogenannte Immunkomplexe. Sie werden gebildet aus körpereigenen Molekülen, die eine Immunantwort ausgelöst haben, und Antikörpern. Die gebildeten Immunkomplexe aktivieren Immunzellen über spezifische Oberflächenrezeptoren übermäßig stark, wodurch das Immunsystem unkontrolliert angetrieben wird. Da die Immunkomplexe im Blut auftreten, verteilen sich die Entzündung im gesamten Körper.

Verlaufen diese Immunreaktionen zu stark, kann es zu Gewebeschäden und zu Organversagen kommen – und schlimmstenfalls auch zum Tod. Die Studie liefert damit einer Erklärung dafür, wie eine starke antivirale Immunreaktion und eine Fehlregulation des Immunsystems bei schwerer Covid-19-Erkrankung zusammenhängen.

 

„Immunpathologischer Teufelskreis“

„Unsere Studie deutet auf einen immunpathologischen Teufelskreis hin“, sagt Prof. Dr. Hartmut Hengel, Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Freiburg. „Er wird angetrieben durch eine frühe Bildung von Immunkomplexen im Blut der Patient*innen.“ Manche Menschen neigten stärker zur Bildung solcher Immunkomplexe. Damit dürften sie auch anfälliger für einen schweren Covid-19-Verlauf sein.

Ähnliches Muster wie bei bekannten Autoimmunerkrankungen

Nach Einschätzung der Wissenschaftler liefert die jetzt vorgelegte und im Fachmagazin „Nature Communications“ publizierte Studie Ansatzpunkte für neue Behandlungsmöglichkeiten, die auf die Vermeidung oder Beseitigung der pathologischen Immunkomplexe abzielen.

„Wir konnten lösliche Immunkomplexe als entscheidenden Akteure identifizieren, die an der Hyperaktivierung des Immunsystems beteiligt sind“, sagt Valeria Falcone, Leiterin des Labors für Virusisolierung des Instituts für Virologie in Freiburg und Co-Studienleiterin. „Wenn es gelingt, die Immunkomplexe aus dem Blut zu entfernen, könnte dieser Kreislauf möglicherweise gestoppt werden.“ Ein ähnliches Aktivierungsmuster wie das jetzt bei Covid-19 entdeckte ist bereits von Autoimmunerkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis und dem systemischen Lupus erythematodes her bekannt.

Hauptkategorie: Corona
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