. Organspende

Widerspruchslöung: Entscheidung fällt im Herbst

Der Bundestag hat am Mittwoch über die Widerspruchlösung und andere Reformvorschläge zur Organspende debattiert. Eine Entscheidung soll im Herbst fallen.
Widerspruchlösung, Bundestag

Eine echte Zustimmung ist nicht das gleiche wie ein fehlender Widerspruch: Ärzte für das Leben appellieren an das Gewissen der Bundestagsabgeordneten, gegen die Widerspruchlösung zu stimmen

Kommt Spahns Widerspruchslösung? Oder setzt sich Baerbocks Entscheidungslösung durch? Am Mittwoch hat der Deutsche Bundestag in erster Lesung über die beiden Gesetzentwürfe für eine Neuregelung der Organspende beraten.

Bei der Widerspruchslösung gelten alle Menschen automatisch als Organspender, sofern sie zu Lebzeiten nicht widersprochen haben. Der Gesetzesentwurf stammt aus der Feder von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Ziel ist es, die Zahl der Spenderorgane zu erhöhen.

Reinhardt für die Widerspruchslösung

Unterstützung bekommt die Widerspruchsregelung vom neu gewählten Präsidenten der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt. „Wir als Ärzteschaft stehen definitiv zur Widerspruchslösung", sagte Reinhardt der "Neuen Osnabrücker Zeitung" am Donnerstag. Auch bei dieser Lösung werde niemand gegen seinen Willen zum Organspender. " Jeder bekommt die Chance, Nein zu sagen.“ Daher sehe er auch keinen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Es sei zumutbar, eine Entscheidung zu verlangen oder, wenn jemand gestorben sei, Angehörige vor diese Frage zu stellen", betonte Reinhardt.

 

Ärzte für das Leben sind dagegen

Die Vereinigung „Ärzte für das Leben“ sieht dies jedoch ganz anders. Zwar sei eine Verpflanzung des Herzens, der Leber oder der Lunge oft lebensrettend. „Dennoch lehnen wir die Widerspruchsregelung entschieden ab“, heißt es in einem Brief vom 24. Juni an die Bundestagsabgeordneten. „Als Ärzte verstehen wir sehr gut die Argumentation für die Organspende. Deren Umstände sind aber nicht gleichgültig. Eine echte Zustimmung ist nicht das gleiche wie ein fehlender Widerspruch“, so die Ärzteorganisation.

Recht auf körperliche Unversehrtheit wird verletzt

Jeder Mensch habe ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, das im ärztlichen Prinzip „primum nihil nocere“ („zuerst keinen Schaden anrichten“) seinen Widerhall finde. Dies sei auch der Grund, warum ein ärztlicher Eingriff ohne Einwilligung des Patienten als Körperverletzung gelte. „Was ist aber bei einem sterbenden Patienten, der als Organspender in Betracht kommt? Transplantierte Organe funktionieren nur dann, wenn sie „lebendfrisch entnommen wurden. Aber für lebendige Menschen gilt das Prinzip der Unversehrtheit – man darf ihnen keine Organe entnehmen, erst recht nicht, wenn diese Entnahme zu ihrem sicheren Tod führen würde“, heißt es weiter.

Außerdem stellt „Ärzte für Das Leben“ das Argument, die Widerspruchlösung werde die Zahl der Organspenden erhöhen, in Frage. In Schweden und Singapur habe die Widerspruchsregelung die Spenderzahl nicht verändert, während in Brasilien, Bulgarien, Dänemark, Frankreich, Lettland, Luxemburg und Wales die Organspenderate nach Etablierung einer Widerspruchslösung sogar gesunken seien.

Weniger Organspenden nach Einführung der Widerspruchslösung

„Selbst in Spanien, das oft als Erfolgsgeschichte präsentiert wird, hat sich die Spenderrate nach Einführung der Widerspruchslösung sechs Jahre lang nicht verändert. Experten gehen davon aus, dass die Zunahme der Spenderrate, die danach in Spanien beobachtet wurde, nicht auf die Widerspruchslösung, sondern in erster Linie auf eine Verbesserung der Transplantationsinfrastruktur zurückzuführen war“, heißt es in dem Brief.

Der Bundestag hat sich unterdessen noch mit einem weiteren Gesetzesentwurf befasst, der eine Entscheidungslösung vorsieht. Danach soll die jetzige Regelung, wonach der Spendewille etwa in einem Ausweis dokumentiert wird, im Grundsatz erhalten bleiben. Sie soll durch ein Online-Register ergänzt werden, in das jeder Bürger seinen Willen selbst eintragen kann. Der Vorschlag wurde von einer fraktionsübergreifenden Gruppe um die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock vorgelegt. 

Welchen Argumenten die Abgeordneten folgen werden, bleibt abzuwarten. Im Herbst soll eine Entscheidung fallen.

Foto: pixabay

Autor: ham
Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Organspende , Organspendegesetz
 

Weitere Nachrichten zum Thema Widerspruchslösung

 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
Nach neuesten Schätzungen der UN wird die Bevölkerung bis zum Jahr 2100 von heute 7,7 Milliarden Menschen auf 10,9 Milliarden anwachsen. Das ist zwar etwas weniger als bislang angenommen. Doch für den Erdball ist das Bevölkerungswachstum eine Katastrophe.
Durchfall gilt als häufigste Reisekrankheit überhaupt. Mehr als ein Drittel der Fernreisenden ist davon betroffen. Weil die Erreger meist über Essen und Trinken in den Organismus gelangen, kann man durch ein paar Vorsichtsmaßnahmen das Erkrankungsrisiko senken. Hat es einen erwischt, muss man aber gut für sich sorgen.
Ein neues Erste-Hilfe-System soll Laien die Versorgung Schwerverletzter erleichtern: die sogenannte Trauma-Box. Nun wird die erste Box dieser Art für den öffentlichen Raum in Berlin angebracht.
. Fortbildungen Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender

Friedrich von Bodelschwingh-Klinik Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Landhausstraße 33 – 35, 10717 Berlin Mehrzweckraum, EG
 
. Termine Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
 
. Interviews
Das massenhafte Auftreten des Eichenprozessionsspinners hat in diesem Jahr bei besonders vielen Menschen zu allergischen Reaktionen der Haut führt. Die giftigen Brennhaare der Raupen können aber auch sprichwörtlich ins Auge gehen. Am Universitätsklinikum Münster mussten diese Woche sechs Menschen am Auge operiert werden. Dr. Lamis Baydoun, Oberärztin der UKM-Augenklinik, berichtet, was vorgefallen ist.
Mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind viele Chancen verbunden. Bei manchen Bürgern löst das Thema aber auch Ängste und Sorgen aus. Gesundheitsstadt Berlin hat mit Prof. Dr. Erwin Böttinger, einem der weltweit führenden Forscher im Bereich Digital Health, über die elektronische Patientenakte und andere digitale Lösungen gesprochen.