. Harow-Studie Prostatakarzinom

Werden in Deutschland zu viele Prostatektomien durchgeführt?

In Stockholm wurden vorläufige Ergebnisse der HAROW-Studie präsentiert – eine Studie, die über 3.000 Krankheitsverläufe des Prostatakarzinoms dokumentiert und auch die Notwendigkeit der Prostatektomien auf den Prüfstand nimmt. Experten halten die Interpretation der Daten jedoch für verfrüht.
Werden in Deutschland zu viele Prostatektomien durchgeführt?

Harow-Studie: Übertherapien beim Prostatakarzinom nicht ausgeschlossen

Auf dem Kongress der European Association of Urology (EAU) in Stockholm Mitte April wurden erstmals Daten der sogenannten HAROW-Studie präsentiert. Es handelt sich dabei um die bislang größte urologische Versorgungsstudie zum Prostatakarzinom im deutschsprachigen Raum. An der HAROW-Studie nahmen 3.169 Patienten teil, die in 263 urologischen Praxen in Deutschland über fünf Jahre rekrutiert wurden. Der Initiator der Studie, die Stiftung Männergesundheit, gab bekannt, die neuen Daten bestätigten, dass die „Aktive Überwachung“ („Active Surveillance“) beim Niedrig-Risiko-Prostatakarzinom nicht mit einem schlechteren Outcome einhergehe als invasive Verfahren wie die radikale Prostatektomie oder die Bestrahlung. Gleichzeitig wiesen die Studienleiter auf die Nebenwirkungen der invasiven Therapien hin: „Ein nicht unerheblicher Teil erleidet infolge der Operation jedoch Störungen der Blasenentleerung und der Potenz. Beide Komplikationen können die Lebensqualität beträchtlich und dauerhaft einschränken. „ Die Studienleiter interpretierten die Daten so, dass in Deutschland zu wenig „defensive“ Behandlung in Form von aktiver Überwachung erfolge.

Kritik an Schlussfolgerungen aus Harow-Studie

Jetzt hat sich die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) zu Wort gemeldet und vor voreiligen Schlussfolgerungen gewarnt. Die Studie könne bislang nicht viel mehr liefern als die Rohdaten der registrierten Patienten, kritisierte Prof. Dr. Oliver Hakenberg, Generalsekretär der DGU. „Die Nachbeobachtungszeit für die registrierten Active Surveillance -Patienten ist mit 1,84 Jahren viel zu kurz, um überhaupt etwas zum Verlauf des Prostatakarzinoms aussagen zu können“, so Hakenberg. „Dennoch wird die Active Surveillance als sehr gute Therapieoption gelobt und gleichzeitig in der Presserklärung eine höhere Vergütung für die Urologen gefordert, die Active Surveillance durchführen.“ Was das eine mit dem anderen wissenschaftlich verbinde, bleibe jedoch unklar.

Nach Auffassung der DGU sei es das erklärte Ziel der Studie, die „defensive“ Behandlung des lokalisierten Prostatakarzinoms mit niedrigem Risiko zu propagieren, da angeblich in Deutschland zu oft unnötig operiert oder bestrahlt werde. „Das erhoffte Studienergebnis sollte nicht mit dem tatsächlichen Studienergebnis gleichgesetzt werden und schon gar nicht, bevor die mehrjährige Beobachtungszeit, die notwendig ist, um überhaupt von Ergebnissen zu sprechen, auch nur annähernd erreicht ist, meinte DGU-Sprecher Hakenberg.

 

Prostatektomie: Aktive Überwachung für viele Patienten eine Alternative

Die aktive Überwachung wird Männern mit nicht aggressivem Prostatakarzinom empfohlen. Jedoch entscheiden sich viele für eine radikale Prostatektomie. Die Stiftung Männergesundheit schreibt: „Die sehr häufig durchgeführte radikale Prostatektomie – auch bei nicht aggressivem Prostatakarzinom – kann als Übertherapie und als Fehlentwicklung empfunden werden. Dabei bieten sich bei diesen kleineren Tumoren alternative Strategien an.“ Mit der HAROW-Studie wollen die Studienleiter unter anderem herausfinden, ob sich beim lokal begrenzten Prostatakarzinom radikale Prostatektomien zum Teil vermeiden lassen. Derzeit werden etwa 80 Prozent der Männer mit lokal begrenztem Prostatakarzinom operiert.

Foto: © Kzenon - Fotolia.com

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Krebs , Prostatakrebs , Prostata , Niedrig-Risiko-Prostatakarzinom
 

Weitere Nachrichten zum Thema Prostatakarzinom

 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
 
. Weitere Nachrichten
Bei fast allen Erkrankungen wird körperlicher Aktivität ein positiver Einfluss auf den Krankheitsverlauf nachgesagt. Zum Teil wird sie sogar schon gezielt als Therapie eingesetzt. Eine Meta-Analyse zeigt nun: Durch körperliche Aktivität kann die Gesamtsterblichkeit um 30 bis 40 Prozent gesenkt werden.
Listerien, EHEC-Erreger, Campylobacter – in Fleisch und Wurstprodukten stecken jede Menge Krankheitserreger. Das Zoonosen-Monitoring 2017 zieht eine unappetitliche Bilanz. Dabei wurden nur Stichproben ausgewertet. Die Wahrheit könnte noch viel schlimmer sein.
. Fortbildungen Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender

Friedrich von Bodelschwingh-Klinik Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Landhausstraße 33 – 35 10717 Berlin, Mehrzweckraum (EG)
 
. Termine Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
 
. Interviews
Die akute Aortendissektion ist immer ein Notfall. Einer Studie zufolge könnte vielen Menschen das Leben gerettet werden, wenn sie rechtzeitig und adäquat behandelt werden würden. Gesundheitsstadt Berlin hat mit Dr. Stephan Kurz vom Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) über die Versorgungssituation und das erfolgreiche Projekt „Aortentelefon“ gesprochen.
Dr. Iris Hauth, Chefärztin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin-Weißensee, berichtet in Ihrem Buch "Keine Angst!" über Ursachen und Behandlung von Depressionen - und wie man sich davor schützen kann.
Prof. Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor für Klinische Naturheilkunde an der Charité, über die Grenzen der Schulmedizin, den Wildwuchs in der Naturheilkunde und warum sich beide Disziplinen gerade näherkommen.