Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
22.03.2021

Wenn Schmerzen nach einer OP chronisch werden

Fast zehn Prozent der Operierten klagen auch sechs bis zwölf Monate nach einem Eingriff an Hals, Nase oder Ohren (HNO) noch immer über Beschwerden und müssen Schmerzmittel nehmen. Das ergibt sich aus einer Studie des Universitätsklinikums Jena. Die Konsequenz: Eine profunde Therapie des Akutschmerzes in den Tagen nach der OP ist auch deshalb wichtig, um spätere chronische Schmerzen zu verhindern. Zwischen beidem besteht offenbar ein Zusammenhang.
Nasen-Operation

Obwohl HNO-Operationen vergleichsweise kleine Eingriffe darstellen, können sie zu chronischen Schmerzen führen.

Schmerzen nach einer Operation zu haben: Das ist unvermeidlich, aber es ist auch nachvollziehbar. Die Akutschmerztherapie direkt nach einer Operation zielt darauf ab, Ausmaß und Dauer der Schmerzbelastung effektiv zu verringern. Dies geschieht aber nicht allein, um für Patienten das Leben erträglicher zu machen, sondern auch aus ganz konkreten medizinischen Gründen: Postoperative Schmerzen können den Genesungsprozess verzögern und zu Komplikationen führen. Ein häufig unterschätztes Problem ist dabei ist offenbar die Gefahr, dass der Schmerz chronisch wird und die Lebensqualität langfristig beeinträchtigt. Das ergibt sich aus einer Studie des Universitätsklinikums Jena.

Jena: Weltweit größte Post-OP-Schmerzdatenbank

Die Forscher haben nach eigenen Angaben erstmals Langzeitdaten zu postoperativen Schmerzen in der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde analysiert. Dabei stellten sie einen Zusammenhang fest zwischen den beiden Sorten Schmerz, die nach einer Operation auftreten können: kurzfristiger und längerfristiger, „akuter“ und „chronischer“. Der Studie zufolge war die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung chronischer Schmerzen in der Folgezeit erhöht, wenn die Patienten bereits am Tag nach der OP an sehr starken Schmerzen litten. Grundlage für die Analyse ist einer Jenaer Besonderheit: Mit den dort angesiedelten Schmerzregistern namens QUIPS und PAIN-OUT verfügt die Thüringer Hochschule über die weltweit größte Datenbank für postoperative Schmerzen.

 

Chronische Schmerzen auch nach „kleinen“ HNO-OPs

In einer früheren Studie des Registers erwiesen sich kleine und häufige Operationen, darunter auch Eingriffe in der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde wie die Entfernung der Gaumenmandeln oder der Schilddrüse, als vergleichsweise schmerzhaft. Nun wurden erstmals Langzeitdaten zum Schmerz nach HNO-Operationen analysiert. Etwa 200 Patienten schätzten dazu ihre Schmerzbelastung sowohl am ersten Tag nach dem Eingriff, als auch sechs und zwölf Monate später ein. „Etwa zehn Prozent der Operierten klagten auch ein Jahr nach dem Eingriff noch über erhebliche Schmerzen im OP-Gebiet und mussten Schmerzmittel nehmen“, fasst Studienkoordinatorin Katharina Geißler das Ergebnis zusammen. „Es kann also auch nach HNO-Operationen, die ja in der Regel eher kleinere Eingriffe darstellen, zu einer Chronifizierung der Schmerzen kommen.“

Chronische Schmerzen als OP-Folge offenbar unterschätzt

Die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung chronischer Schmerzen, so ein weiteres Ergebnis der Studie, war erhöht, wenn die Patienten am ersten postoperativen Tag hohe Schmerzwerte berichtet hatten. „Damit spielt eine gute Schmerztherapie nach HNO-Operationen nicht nur zur Bekämpfung des Akutschmerzes eine wichtige Rolle, sondern auch zur Prävention der Chronifizierung“, sagt Orlando Guntinas-Lichius, Direktor der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde des Universitätsklinikums Jena. Seine Aufforderung an seine Mediziner-Kollegen: „Zukünftig sollte den chronischen postoperativen Schmerzen und deren Therapie mehr Bedeutung gegeben werden.“

„Unzureichende Versorgung von Schmerzpatienten"

Chronische Schmerzen jenseits von OPs sind Schmerzen, bei denen meist keine organische Ursache aufspürbar ist. Solche Patienten haben oft einen langen Leidensweg, irren von Arzt zu Arzt und finden doch keine Heilung. Die Deutsche Schmerzgesellschaft kritisiert schon seit Jahren eine unzureichende Versorgung von Schmerzpatienten in Deutschland. Patienten mit chronischen Schmerzen bekämen häufig zu viele Medikamente verschrieben, Bewegungstherapien würden dagegen vernachlässigt. Um Schwachstellen bei der Therapie aufzuspüren und abstellen zu können, hat die Schmerzgesellschaft zusammen mit der Krankenkasse Barmer im Jahr 2018 das Projekt „PAIN2020" ins Leben gerufen.

Foto: AdobeStock/Africa Studio

Autor: zdr
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Arzneimittel , Chirurgie , Operation , Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen , Schmerzen
 

Weitere Nachrichten zum Thema Schmerzen

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten

Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zellen. Im Profi-Sport wird den Zellbausteinen seit ein paar Jahren besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Durch spezielle Trainingsmaßnahmen und Nahrungsergänzungsmittel lässt sich die körperliche Leistungsfähigkeit offenbar enorm steigern.

Mitarbeiter im Gesundheitswesen kämpfen an vorderster Front: Viele kamen während der Pandemie an die Grenzen dessen, was Menschen aushalten können. Eine Studie der Universität Bonn zeigt: Besonders in einer Berufsgruppe haben Ängste und Depressionen behandlungsbedürftige Dimensionen erreicht.
 
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin