. Fünf Jahre IGeL-Monitor

Wenn medizinische Selbstzahlerleistungen mehr schaden als nutzen

Jeder zweite Patient bekommt in der Arztpraxis individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) angeboten. Doch die meisten IGeL schaden mehr als sie nutzen. Das ist die Bilanz nach fünf Jahren IGeL-Monitor.
Glaukomvorsorge als IGeL-Leistung

Eine beliebte IGeL: Glaukomvorsorge

Der IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbands (MDS) besteht nun seit 2012. Er stellte bei den meisten Selbstzahlerleistungen (IGeL) mehr Schaden als Nutzen fest, beobachtet aber auch Fortschritte. Insgesamt 45 Bewertungen und Beschreibungen hat der IGeL-Monitor seit seiner Gründung veröffentlicht. Vier fallen negativ und 17 weitere tendenziell negativ aus. Nur drei IGeL bewerteten die Wissenschaftler als tendenziell positiv. 15 mal erschien ihnen die Nutzen-Schaden-Bilanz als „unklar“.

MDS rät ab von Spirometrie und EKG ohne Symptome

Auch die beiden neuesten Urteile lauten wieder „tendenziell negativ“. Sowohl dem Lungenfunktionstest (Spirometrie) zur Früherkennung von Asthma und Chronisch Obstruktiver Bronchitis (COPD) als auch der EKG-Untersuchung zur Früherkennung einer koronaren Herzkrankheit jeweils bei Patienten ohne Symptome verpassten die Bewerter dieses abschlägige Urteil. „Auch wenn Früherkennungsuntersuchungen meist sehr positiv von Patienten und Ärzten gesehen werden – sie sind nicht per se nützlich“, so Dr. Michaela Eikermann vom MDS. Die Leiterin des Bereichs evidenzbasierte Medizin des MDS warnte vor belastenden Tests, falsch positiven Diagnosen, Übertherapie und falscher Sicherheit nach solchen Untersuchungen. Eikermann wies zudem darauf hin, dass die Krankenkassen die Kosten für die Untersuchungen übernehmen, wenn ein Verdacht auf die entsprechenden Erkrankungen besteht. Das Urteil des IGeL-Monitors betrifft nur den Einsatz der Methoden bei Patienten ohne einen entsprechenden Verdacht.

Seriöser Umgang mit IGeL gefordert

Manche Ärzte würden bestimmte Diagnostikleistungen auch dann als IGeL abrechnen, wenn es Hinweise auf eine entsprechende Erkrankung gebe, kritisierte MDS-Geschäftsführer Peter Pick. So sei auch der PSA-Test bei Verdacht auf Prostata-Karzinom eine Kassenleistung. Pick forderte von Ärzten einen seriösen Umgang mit IGeL, wie etwa ausreichende Information und Bedenkzeit sowie korrekte Rechnungsstellung. „Das wird aber von den Ärzten zum Teil nicht gemacht“, sagte er. Doch der MDS-Geschäftsführer beobachtet seit dem Start des IGeL-Monitor auch Verbesserungen. Der Markt sei immer noch dynamisch, aber negativ oder tendenziell negativ bewertete IGeL würden insgesamt weniger angeboten. Picks Fazit: „Die Bewertungen des IGeL-Monitor werden wahrgenommen und beeinflussen auch die Ärzte.“

Rund 2000 Nutzer verzeichnet das Bewertungsportal pro Tag. Zum fünfjährigen Bestehen wird es komplett neu gestaltet. Eine neue Struktur der Homepage soll einzelne Bewertungen leichter auffindbar machen. Außerdem ist der IGeL-Monitor jetzt auch für mobile Geräte verfügbar. Abgeschafft wurde dagegen die App für den Offline-Betrieb.

Foto: jyleken – fotolia.com

Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: IGeL , Krankenkassen , Früherkennung , Vorsorge

Weitere Nachrichten zum Thema IGeL-Monitor

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
Eine Fettleber hat offenbar weitreichendere Folgen als bislang bekannt. Forscher konnten jetzt zeigen, wie das erkrankte Organ die Funktion von Nieren und Bauchspeicheldrüse beeinträchtigt.
US-Forscher haben eine Methode entwickelt, um Krebs in einem sehr frühen Stadium zu entdecken: Der Nachweis lässt sich über im Blut zirkulierende DNA der Krebszellen erbringen und kann mehrere Krebsarten erkennen.
Seit zweieinhalb Jahren bietet das discovering hands Zentrum in Berlin einen besonderen Service an: Blinde oder sehbehinderte Frauen, die dafür speziell ausgebildet wurden, tasten im Rahmen der Brustkrebsfrüherkennung die weibliche Brust auf Gewebeveränderungen ab. Ihre Erfolgsbilanz ist beeindruckend.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.
Kinder, Job – und Reha? Mit der „Berufsbegleitenden Rehabilitation“ passt alles unter einen Hut, meint Christoph Gensch von der Deutschen Rentenversicherung Bund. Im Interview verrät der Reha-Experte, was es mit dem neuen Modellprojekt auf sich hat.