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Wenn Gehörlose plötzlich hören

Dienstag, 12. Februar 2013 – Autor:
Von 1.000 Neugeborenen kommen in Deutschland zwei bis drei Kinder mit einer Hörschädigung zur Welt. Wie sich ihr Leben durch ein Cochlea-Implantat verändert, haben Wissenschaftler aus München untersucht.
Cochlea-Implantate

Hören, Sprechen, Gebärdensprache: Kinder gehörloser Eltern leisten viel

Seit 2011 untersucht ein Team um die Gehörlosenpädagogin Professor Annette Leonhardt von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), welche Auswirkungen es auf die gehörlosen Familien hat, wenn ihre Kinder ein Cochlea-Implantat (CI) erhalten. Mit der Prothese können hörgeschädigte Kinder Sprache wahrnehmen. Meist erfolgen die Implantationen zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr. Zehn Prozent der hörgeschädigten Kinder haben gehörlose Eltern

In ihrer Studie erfassen die Gehörlosenpädagoginnen mit Hilfe von Interviews, einem psychologischen Testverfahren und Fragebögen sowohl die Perspektive der gehörlosen beziehungsweise hörgeschädigten Eltern als auch die der Kinder.

Insgesamt zeigten sich die befragten Familien mit den Cochlea-Implantaten sehr zufrieden, berichtet Leonhardt. Einige Eltern geben an, dass sich die Beziehungen in der Familie verbessert haben, etwa zwischen Geschwistern, und dass sich die Kinder positiv entwickelten. „Seit er das Cochlea-Implantat hat, ist er fröhlich, er geht auf die Leute zu und fragt nach. Er ist wie ausgewechselt und deswegen finde ich das toll“, sagte etwa eine Mutter.

Gebärdensprache bleibt wichtig

Der Familienalltag an sich ändere sich durch das Implantat kaum, heißt es aus München. Die Gebärdensprache bleibe weiterhin die Familiensprache, auch wenn die Eltern zusätzlich häufiger lautsprachlich kommunizierten. Das bestätigen auch die Forschungsergebnisse der Gehörlosenpädagogin Johanna Dumanski, die die Wortschatzentwicklung von Kindern mit einem Cochlea-Implantat untersucht, deren Eltern gehörlos beziehungsweise hörgeschädigt sind.

Die Kinder verwendeten je nach Situation sowohl die Gebärden- als auch die Lautsprache. Jedes zweite der untersuchten Kinder verfüge über einen angemessenen Wortschatz. „Die Sprachtests sind für Kinder normiert, die in einer lautsprachlichen Umgebung aufwachsen“, erläutert Johanna Dumanski das Ergebnis. „Die CI-versorgten Kinder gehörloser Eltern leisten wahnsinnig viel. Sie wachsen in einer ganz anderen Umgebung auf.“

 

Zufriedenheit mit Cochlea-Implantat überwiegt

Beide Untersuchungen zeigen damit, dass für Kinder mit CI, deren Eltern gehörlos sind, sowohl die Laut- als auch die Gebärdensprache wichtig sind. Gehörlose Eltern, die sich für eine Cochlea-Implantation für ihr Kind entscheiden, denken dabei vor allem an die berufliche Zukunft ihrer Kinder. Teilweise treffen sie die Entscheidung trotz Skepsis oder gar Kritik im gehörlosen Freundes- und Verwandtenkreis. In manchen Familien machen auch die Kinder den ersten Schritt und wünschen sich eine Implantation. „Das Cochlea-Implantat findet zunehmend Akzeptanz in der Gehörlosengemeinde, aber es bestehen dennoch Vorbehalte besonders gegenüber dem Einsatz bei Kindern“, sagt Annette Leonhardt.

In einem weiteren Projekt an ihrem Lehrstuhl werden derzeit die Erfahrungen junger Erwachsener gehörloser Eltern untersucht, die als Kind ein Cochlea-Implantat erhalten haben. Sie erzählen von den Reaktionen ihrer Umgebung und ihren Hörerfahrungen („Man muss ganz von vorne hören lernen“). Erste Ergebnisse zeigen, dass alle Befragten mit der Implantation zufrieden sind.

Foto: © klickerminth - Fotolia.com

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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