Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Wenn die Darmflora durch Antibiotika stirbt

Samstag, 3. September 2016 – Autor:
Durch die Einnahme von Antibiotika sterben auch gute Bakterien der Darmflora ab. Versuche mit Mäusen zeigen nun, dass eine zerstörte Darmflora dramatische Auswirkungen aufs Gedächtnis hat.
Eine durch Antibiotika zerstörte Darmflora macht Mäuse vergesslich. Probiotika bringen die Erinnerung zurück

Eine durch Antibiotika zerstörte Darmflora macht Mäuse vergesslich. Probiotika bringen die Erinnerung zurück – Foto: ©pixeljack - stock.adobe.com

In der Darmflora wohnen 100 Billionen Mikroben. Durch die Einnahme von Antibiotika wird gewöhnlich nur ein kleiner Teil davon abgetötet. Gibt man aber über einen längeren Zeitraum mehrere Antibiotika, kann dies zu einer vollständigen Zerstörung der Darmflora führen. Ein internationales Forscherteam hat dies nun mit Mäusen getan und dabei eine überraschende Entdeckung gemacht: Ohne Darmbakterien werden Mäuse vergesslich. Ursache für die Vergesslichkeit war den Forschern zufolge, dass die behandelten Tiere deutlich weniger Neuronen im Hippocampus bildeten als ihre unbehandelten Artgenossen. Die Erneuerung von Neuronen, Neurogenese genannt, im Hippocampus ist wichtig für die Orientierung und die richtige Einordnung neuer Dinge.

Erinnerung an Orte war weg

Der Erinnerungsverlust nach der siebenwöchigen Behandlung mit einem Cocktail aus mehreren Antibiotika war offenbar dramatisch, wie die Forscher im Fachmagazin „Cell Reports“ berichten. Die Tiere ohne Darmflora konnten sich nicht mehr an Orte erinnern, an denen sie drei Stunden zuvor gewesen waren, während die gesunde Vergleichsgruppe sehr wohl orientiert war.

Die Forschergruppe, zu der auch Wissenschaftler vom Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin gehören, machte jedoch noch eine zweite Entdeckung: Zusammen mit der Neurogenese im Hippocampus war auch die Zahl der Ly6Chi-Monozyten deutlich zurückgegangen. Die Autoren gehen davon aus, dass diese Immunzellen ein bisher unbekannter Vermittler zwischen Gehirn und den Darmbakterien sein könnten.

 

Im Darm werden Botenstoffe fürs Nervensystem gebildet

Hinweise dafür gibt es schon seit längerem. So weiß man, dass bei einer gestörten Darmflora, dem sogenannten Mikrobiom, auch die Abwehrkräfte und das Botenstoffsystem der Nerven aus dem Gleichgewicht geraten. Mehrere Forscherteams konnten unabhängig voneinander zeigen, dass die Ly6Chi-Monozyten an vielen Prozessen im zentralen Nervensystem beteiligt sind. Eine Gruppe aus Freiburg hatte zum Beispiel festgestellt dass bei Mäusen ohne Darmbakterien die Mikrogliazellen im Gehirn völlig unreif und verkleinert waren. Von diesen Immunzellen ist bekannt, dass sie eine wichtige Rolle bei der Alzheimer-Demenz oder der Multiplen Sklerose spielen.

Die im Frühjahr publizierte Arbeit hat aber letztlich ein ermutigendes Ergebnis zu Tage gebracht: Der Gedächtnisverlust ist umkehrbar. Durch die Behandlung mit Probiotika und einem Training im Laufrad erhöhte sich die die Anzahl der Ly6Chi-Monozyten wieder und die Vergesslichkeit war verschwand.

Foto: © George Dolgikh - Fotolia.com

Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Darm , Antibiotika
 

Weitere Nachrichten zum Thema Darmflora

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten


Mit der Bildung der Ampel-Koalition rückt die „kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken“ in greifbare Nähe. Aber wie soll oder könnte das aussehen? Melanie Dolfen gehörte zu den ersten Apothekern in Deutschland, die eine Ausnahmegenehmigung für die Abgabe von Cannabis als Arzneimittel erhielten. Sie fordert: Abgabe über Apotheken – aber in getrennten „Cannabis-Stores“.
 
Interviews
Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.

Logo Gesundheitsstadt Berlin