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16.03.2021

Wegen Hirnvenenthrombosen: Deutschland stoppt Impfungen mit AstraZeneca

Wegen schwerwiegender thrombotischer Ereignisse hat Deutschland die Impfung mit AstraZenca ausgesetzt. Der vorläufige Stopp ist ein Rückschlag für die Impfkampagne und offenbart die gravierenden Mängel bei der Impfstoffbeschaffung.
Sinusvenenthrombosen, teils mit tödlichem Ausgang: Am Montag hat auch Deutschland die Impfung mit AstraZeneca vorübergehend ausgesetzt

Sinusvenenthrombosen, teils mit tödlichem Ausgang: Am Montag hat auch Deutschland die Impfung mit AstraZeneca vorübergehend ausgesetzt

Die Bundesregierung ist den Empfehlungen des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) gefolgt und hat am Montag die Impfung mit dem Impfstoff AstraZeneca vorübergehend ausgesetzt. Die Entscheidung betrifft sowohl Erst- als auch die Zweitimpfungen. Grund ist eine auffällige Häufung einer speziellen Form von sehr seltenen Hirnvenenthrombosen (Sinusvenenthrombosen) in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) und Blutungen in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit dem COVID-19-Impfstoff AstraZeneca. Bei bislang mehr als 1,6 Millionen Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin in Deutschland sind dem Institut sieben Fälle von derart schwerwiegenden Thrombosen gemeldet worden, die in zeitlichem Zusammenhang mit einer AstraZeneca-Impfung aufgetreten waren.

Sieben Fälle in Deutschland, drei mit tödlichem Ausgang

Wie PEI-Präsident Klaus Cichutek der WELT in einem Interview erläutert, handelt es sich in sechs Fällen um Sinusvenenthrombosen bei Frauen im Alter von etwa 20 bis 50 Jahren. „Zwei davon tragischerweise mit tödlichem Verlauf“, so Cichutek. Es gebe einen weiteren Fall einer zerebralen Blutung mit Thrombose bei einem Mann. Das Bundesgesundheitsministerium berichtet dagegen von drei Todesfällen.

Noch ist nicht klar, ob es tatsächlich einen kausalen Zusammenhang zwischen der AstraZeneca Impfung und den Sinusvenenthrombosen gibt. Dies wird nun unter anderem von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) geprüft. Doch laut PEI übersteigt die Zahl der beobachteten Fälle das übliche Vorkommen an Hirnvenenthrombosen in der Bevölkerung. Der Schwellenwert sei überschritten worden, sagte Cichutek der WELT. „Das hat uns bewogen, hier zu empfehlen, die Impfung auszusetzen, bis wir dieses Risikosignal, wie wir das nennen, genauer untersucht haben.“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach von einer "reinen Vorsichtsmaßnahme". Man setze aus, um zu überprüfen", sagte der CDU-Politiker. Das Ergebnis der Überprüfung sei offen. "Uns allen ist die Tragweite dieser Entscheidung sehr bewusst."

 

Diese Länder haben bereits AstraZenca gestoppt

Zuvor hatten bereits Dänemark, Norwegen, Österreich, Niederlande und Italien die Impfungen mit AstraZeneca komplett oder nur bestimmte Chargen ausgesetzt. Frankreich stoppte ebenfalls am Montag. Die EMA hält dagegen an dem AstraZeneca- Impfstoff fest und will erst am Donnerstag eine Entscheidung mitteilen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berät bereits heute, wie es mit dem Impfstoff von AstraZeneca weitergehen soll.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte den Impfstopp. Der komplette Ausfall der Impfungen mit AstraZeneca sei eine "Katastrophe", erklärte er im Morgenmagazin von ARD und ZDF. Denn bis zum Sommer sei das Vakzin durch keinen anderen Impfstoff ersetzbar.

Die Aussetzung ist ein Rückschlag für die Impfkampagne und offenbart die gravierenden Mängel bei der Impfstoffbeschaffung durch die EU. Europa hatte nicht nur zu spät Impfstoffe bestellt, sondern auch noch aufs falsche Pferd gesetzt: Die mRNA-Impfstoffe von Biontech (aus Deutschland) und Moderna (USA) wurden viel zu knapp bemessen.

Für die AstraZeneca-Covid-19-Impfung ist die seltene Nebenwirkung einer Sinusvenenthrombose mit teils tödlichem Verlauf bisher nicht in der Patienteninformation aufgeführt, da in der Studie, die ausschlaggebend für die Notfallzulassung war, dieses „unerwünschte Ereignis“ nicht beobachtet worden war.

Das Paul-Ehrlich-Institut weist unterdessen darauf hin, dass Personen, die den COVID-19-Impfstoff AstraZeneca erhalten haben und sich mehr als vier Tage nach der Impfung zunehmend unwohl fühlen – zum Beispielmit starken und anhaltenden Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen – sich unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben sollten.

Foto: © Adobe Stock/Giovanni Cancemi

Hauptkategorien: Corona , Gesundheitspolitik , Medizin
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