. Planbare Eingriffe

Wegen Covid-19: 1,6 Millionen Patienten auf OP-Warteliste

In Erwartung einer möglichen Covid-19-Patientenwelle wurden in deutschen Krankenhäusern zur Sicherheit Bettenkapazitäten freigehalten. Viele medizinisch nötige, aber nicht akut lebenswichtige Eingriffe wurden verschoben. Jetzt sollen die Krankenhäuser schrittweise zurück in den Regelbetrieb und diese Fälle abarbeiten. Experten der FH Köln sprechen von einer „Bugwelle“ von 1,6 Millionen Patienten.
Augenoperation

Augenoperationen sind ein Beispiel für die sogenannten planbaren, "elektiven" Operationen.die aufgrund der Covid-19-Pandemie seit März verschobenen worden sind.

Eine undichte Herzklappe, Sehprobleme durch den „Grauen Star", verschlissene Kniegelenke, Schrauben-Entfernungen bei ausgeheilten Knochenbrüchen: Viele planbare Operationen und Eingriffe wurden in den vergangenen Wochen nicht vorgenommen, um (Intensiv-)Betten für einen befürchteten Massenanfall von Covid-19-Patienten freizuhalten. Bisher lag die Krisenreserve bei 50 Prozent. Weil sich das Coronavirus langsamer ausbreitet als befürchtet, sollen nach Plänen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nun 25 Prozent reichen und die Krankenhäuser ab kommenden Montag, 4. Mai, vorsichtig in den Normalbetrieb zurückkehren. Zugleich sollen die OP-Kapazitäten in einem ersten Schritt zu 70 Prozent für planbare Operationen geöffnet werden. Damit sind nun auch wieder Eingriffe möglich, die ärztlich angeordnet wurden, aber nicht als akut lebenswichtig gelten. Infolge dieser am 12. März von Bundeskabinett und Ministerpräsidenten beschlossenen Sperre hat sich eine beachtliche Anzahl an unerledigten Behandlungen aufgestaut.

Medizinökonom Riedel: „Wir schieben eine Bugwelle vor uns her“

„Wir schieben eine Bugwelle von planbaren Operationen vor uns her“, sagt Rainer Riedel, Leiter des Instituts für Medizinökonomie und Medizinische Versorgungsforschung an der Rheinischen Fachhochschule Köln. „Selbst bei einer schrittweisen Wiederaufnahme der Krankenhaus-Regelversorgung ab dem 04.05.2020 werden mehr als 1,6 Mio. Patienten mit elektiven Therapie-Maßnahmen über Monate auf OP-Wartelisten unserer Krankenhäuser stehen.“

 

Fast 13.000 freie Intensivbetten

„Nach den aktuellen Zahlen des RKI kann aktuell von einer tendenziell zu bewältigenden Corona-Situation in deutschen Krankenhäusern ausgegangen werden", sagt Riedel weiter. Nach Berechnungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) bewegt sich der Coronavirus-Infektions-Reproduktions-Faktor um einen Wert von 1,0. Die Zahl der freien Intensivbetten in Deutschland wird mit 12.789 angegeben. Rund 150.000 Krankenhausbetten außerhalb der für die Corona-Patienten erforderlichen medizinischen Abteilungen sind Schätzungen zufolge derzeit nicht belegt.

Medizinökonom Riedel sieht deshalb die Rahmenbedingungen dafür gegeben für eine schrittweise Wiederaufnahme der medizinischen Versorgung von Patienten mit planbaren invasiven Therapiemaßnahmen. Auf diese Weise würde man die Krankenhäuser in die Lage versetzen, schrittweise ihren bewährten Versorgungsauftrag in der Patienten-Regelversorgung wieder aufzunehmen – bei einer gleichzeitigen vorgehaltenen Coronapatienten-Bettenreserve.

Spahn: „Warten mit körperlichem und seelischem Leid verbunden"

Bund und Länder hatten die Krankenhäuser Mitte März aufgefordert, alle planbaren OPs und Aufnahmen auszusetzen. Dies sollte vor allem in Intensivstationen vorsorglich freie Betten für eine erwartete große Zahl schwer kranker Corona-Patienten auch mit künstlicher Beatmung schaffen. Der Bundesgesundheitsminister äußerte nun Verständnis für die Patienten, die warten mussten und müssen. Wenn jemandem vor sechs Wochen gesagt worden sei, eine Hüftoperation oder eine Tumoroperation werde verschoben, dann sei das ja auch mit körperlichem und seelischem Leid verbunden, sagte der Spahn. Zugleich hätten Patienten jetzt auch die Chance, das während der letzten Wochen entwickelte Angstgefühl vor möglichen Corona-Infektionen abzubauen und sich den Kliniken für notwendige Operationen anzuvertrauen, sagt Medizinökonom Riedel.

OP-Statistik: 33.865 planbare Operationen am Tag

Nach Angaben der FH Köln wurden 2018 wurden in Deutschland 16.974.415 Operationen durchgeführt. Geschätzt ergeben sich demnach rund 8,5 Millionen durchgeführte planbare („elektive“) Operationen im Jahr 2018. Das entspricht einer durchschnittlichen Zahl von 33.865 elektiven Operation (bei 251 Arbeitstagen) pro Tag. Hierbei handelte es sich beispielsweise um Operationen aus den Bereichen der Kardiologie, der Gallengänge, des Hüft- und des Kniegelenks sowie Versorgungen der Wirbelsäule, Leistenbrüche, Metallentfernungen, Füße, Krampfadern, Gebärmutter, aber auch Kinderwunschbehandlungen und Beckenboden- oder Inkontinenzbehandlungen.

Foto: AdobeStock/Deyan

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Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Corona
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