. Infektionskrankheiten

Was sind Zoonosen?

Mit Krankheiten kann man sich auf vielerlei Arten anstecken. Was den meisten nicht bewusst ist: Die häufigsten Infektionskrankheiten beim Menschen sind Zoonosen – also Erkrankungen, deren Erreger von Tieren auf Menschen übertragbar sind und umgekehrt. Die Liste beginnt bei „Affenpocken“ und endet beim „West-Nil-Fieber“. Neu auf der Liste: das Coronavirus SARS-CoV-2.
Katze, Schoßhund mit Schleifchen, Boxer

Zoonosen sind Erkrankungen, die von Tieren auf Menschen übertragbar sind – und umgekehrt.

Grippe, Masern oder jetzt das neuartige Coronavirus: Infektionskrankheiten machen häufig Schlagzeilen. Aber woher die Erreger ursprünglich stammen, ist vielen gar nicht bewusst. Nicht alle, aber viele sind tierischen Ursprungs. „Die häufigsten Infektionskrankheiten des Menschen sind Zoonosen – also Erkrankungen, deren Erreger von Tieren auf Menschen übertragbar sind und umgekehrt“, sagt Lothar Wieler, Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI). Der Fachbegriff setzt sich deshalb zusammen aus den altgriechischen Wörtern für „Zoon" (Tier) und „Nosos" (Krankheit). Zwei Drittel aller bekannten Erreger stammen aus dieser Familie, rund 800 von ihnen hat die Wissenschaft bisher identifiziert. Schätzungen zufolge sterben jährlich mehr als zwei Millionen Menschen weltweit an zoonotischen Erkrankungen. Zuletzt waren sie vor allem ein Problem weniger stark entwickelter Länder. Mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 hat sich das schlagartig geändert.

Rund 50 Zoonosen spielen für den Menschen eine Rolle

Das RKI listet derzeit rund 50 für den Menschen relevante Zoonosen auf. Hier eine Auswahl:

  • Borreliose
  • Brucelliose
  • Chlamydiose
  • Creutzfeldt-Jakob-Krankheit
  • Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME)
  • Hantavirus-Infektionen
  • Influenza (Grippe)
  • MERS-Coronaviren
  • Milzbrand
  • SARS
  • Tollwut
  • Toxoplamose
  • West-Nil-Fieber
 

So werden Zoonosen übertragen

Nach Angaben des World Wide Fund For Nature (WWF) sind 60 Prozent aller Infektionskrankheiten Zoonosen, 72 Prozent davon kommen von Wildtieren. Auch die Coronavirus-Erkrankung COVID-19 hatte ihren Ursprung wahrscheinlich auf einem Wildtiermarkt in der chinesischen Millionenstadt Wuhan. Zoonosen können von Bakterien, Viren, Pilzen, Parasiten und Prionen (Körpereiweißgifte) verursacht werden: durch Stiche oder Bisse von Tieren, durch den Kontakt mit Tieren,  durch den Verzehr tierischer Produkte. Hier ein paar bekannte Zoonosen im Detail:

Ursache Zeckenstich: Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME)

Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) ist eine Virusinfektion von Gehirn und Hirnhäuten infolge eines Zeckenstichs. Etwa jeder dritte Infizierte erkrankt an der Krankheit, einige schwer. Eine ursächliche Behandlungsmöglichkeit ist nicht möglich – Medikamente gegen das Virus gibt es nicht. Medikamentös können nur die Symptome (darunter starke Kopfschmerzen) gelindert werden. Allerdings gibt es gegen FSME eine wirksame Impfung.

Biss von Haustieren: Tollwut

Wenn wir bei einem Erreger sofort an wilde Tiere denken, dann beim Tollwutvirus. Mit ihm können sich alle Warmblüter anstecken. Die Übertragung geschieht häufig über Bissverletzungen, in deren Anschluss virushaltiger Speichel in die Blutbahn gelangt. Haltern von Haustieren wird deshalb geraten, ihre Hunde oder Katzen impfen zu lassen. Auch für den Menschen gibt es eine Schutzimpfung.

Tierische Lebensmittel als Ursache: Salmonellen-Erkrankungen

Lebensmittelinfektionen haben ihren Ursprung überwiegend in der Urproduktion, also in den Tierbeständen. Zu den häufigsten durch Nahrung ausgelösten Infektionskrankheiten gehört die Salmonellose, eine durch die Salmonellen-Bakterien ausgelöste entzündliche Erkrankung des Magen-Darm-Traktes mit Erbrechen und Durchfall. Ursache dafür können mangelnde Hygiene, das Trinken von keimbelastetem Trinkwasser oder der Verzehr verunreinigter Lebensmittel tierischer Herkunft sein (Fleisch, Milch, Eier, Muscheln). Darüber hinaus können Salmonellen auch bei der Tierschlachtung und der Fleischverarbeitung durch mangelhafte Hygiene und durch Salmonellenausscheider im Personal auf Lebensmittel übertragen werden. Seit den 1990er-Jahren ist die Zahl der Salmonellen-Infektionen rückläufig – vor allem weil Legehennen, anders als früher, geimpft werden. Zuletzt (2019) wurden beim Robert-Koch-Institut knapp 14.000 Fälle registriert.

Salmonellen können darüber hinaus Typhus auslösen, eine meldepflichtige Krankheit mit hohem Fieber und Magen-Darm-Blutungen, die unbehandelt gefährlich verlaufen und tödlich sein kann. Während der Typhus um das Jahr 1900 wegen schlechter hygienischer Standards innerhalb Deutschlands noch Epidemien verursachte, tritt die Krankheit heute nur noch selten auf. Häufig sind Heimkehrer von Fernreisen in den südostasiatischen Raum betroffen.

Gefährlich in der Schwangerschaft: Toxoplasmose

Toxoplasmose ist eine weit verbreitete Infektionskrankheit, verursacht von einzelligen Parasiten, die Säugetiere, Vögel und Menschen befällt. Die meisten Infektionen verlaufen ohne jegliche Krankheitszeichen und bleiben deswegen unbemerkt. Vereinzelt treten grippeähnliche Symptome auf, Kopfschmerzen und Lymphknotenschwellungen. Gefährlich kann Toxoplasmose in der Schwangerschaft sein, da der Erreger über die Nabelschnur in den kindlichen Organismus gelangen kann. Ansteckungsmöglichkeiten: rohes Fleisch, ungewaschenes Obst und Gemüse, Katzenkot, (Garten-)Erde.

Anders als Masern: Zoonosen sind nicht ausrottbar

Bestimmte Infektionskrankheiten lassen sich durch konsequente Impfprograme ausrotten: Masern zum Beispiel. Warum? Weil sie zu den „nicht-zoonotischen“, also den nicht Tier-Mensch-übertragbaren Infektionskrankheiten gehören: Sowohl Infektionsquelle als auch Patient ist ausschließlich der Mensch.

Bei Zoonosen dagegen sind Infektionswege und -zyklen derart vielfältig, dass man sich gegen sie pauschal nicht impfen lassen kann. Impfungen gegen einzelne Erregertypen allerdings können die Verbreitung von Erregern verringern und Mensch und Tier vor den jeweiligen Krankheiten schützen. RKI-Präsident Wieler sagt: „Zur Bekämpfung von Zoonosen ist also nicht nur die Aufklärung der natürlichen Infektionsketten von Bedeutung, sondern auch die daraus folgende Entwicklung von Impfstoffen und deren strategischer Einsatz." Neun Monate nach dem erstmaligen Auftreten des neuartigen Coronovirus zählt die Weltgesundheitsorganisation WHO derzeit weltweit 191 Projekte zur Entwicklung von Impfstoffen gegen das SARS-CoV-2 (Stand: 28.09.2020).

Foto: AdobeStock/asdf

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