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Warum Lebensmittelallergien zunehmen

Lebensmittelallergien nehmen in den Industrieländern zu. Kinder sind stärker betroffen als Erwachsene. Bei Reaktionen auf Kuhmilch und Hühnerei kann die Allergie aber bis zum Schulalter wieder verschwinden, Allergien gegen Erdnüsse oder Fisch bleiben indes oft bestehen. Zum Tag der Lebensmittelallergien am 21. Juni sprachen wir mit Prof. Regina Treudler, Leiterin des Leipziger Interdisziplinären Centrums für Allergologie (LICA) am Universitätsklinikum Leipzig.
Allergologin Prof. Regine Treudler

Allergologin Prof. Regine Treudler

Frau Prof. Treudler, nehmen Lebensmittelallergien zu?

Prof. Treudler: Die Zahl der Allergiker nimmt generell zu. Und Pollenallergiker leiden oft auch an einer Kreuzallergie und reagieren allergisch auf bestimmte Obst- oder Gemüsesorten.

Wie entstehen Lebensmittelallergien?

Prof. Treudler: Das wissen wir nicht ganz genau. Es gibt verschiedene Thesen. Eine davon lautet: Zu viel Hygiene. Bekannt ist, dass Kinder, die auf dem Land in der Nähe von Viehställen aufwuchsen, seltener an einer Lebensmittelallergie erkranken, ebenso Kinder, die mit älteren Geschwistern großwurden oder Kinder, die früh in eine Krippe oder Kita kamen.

Der frühe Kontakt mit Erregern schützt?

Prof. Treudler: Häufigere Infektionen forden das Immunsystem. Ist es nicht gefordert, beginnt es, sich mit Substanzen zu beschäftigen, die für den Körper an sich ungefährlich sind - wie bestimmte Eiweiße in Nahrungsmitteln - und bekämpft sie in Form der allergischen Reaktion. Auch die höhere Zahl an Kaiserschnittgeburten könnte sich ungünstig auswirken. Bei einer natürlichen Geburt kommt das Kind mit mütterlichen Darm- und Vaginal-Bakterien in Berührung. Die schluckt es, die Keime besiedeln seinen Darm und aktiviren das Immunsystem. Es wird derzeit erprobt, Schwangeren und Neugeborenen vorbeugend Laktobazillen zu geben, um das Immunsystem zu stimulieren.

Gibt es weitere mögliche Ursachen für Lebensmittelallergien?

Prof. Treudler: Die vielen Zusatzstoffe in Lebensmitteln, Farbstoffe, Konservierungsstoffe, könnten das Immunsystem anspringen lassen. In der DDR gab es so gut wie keine Lebensmittelallergien, dort wurden vor allem saisonale, regionale und naturbelassene Lebensmittel verarbeitet. Nach der Wende gingen die Allergiker-Zahlen im Ost-Teil Deutschlands in die Höhe.

 In manchen Berliner Schulklassen gibt mittlerweile fast ein Drittel der Kinder an, Probleme mit bestimmten Lebensmitteln zu haben. Kann das sein?

Prof. Treudler: Die Zahl der Menschen, die bei sich eine Lebensmittelallergie vermuten, hat generell zugenommen. Die Sensibilität dafür ist größer geworden. Auch die Nahrungsmittelindustrie trägt dazu bei, die ihre Produkte mit gesundheitlichen Aspekten bewirbt, etwa mit dem Label „weizenfrei“ oder „laktosefrei“. Lebensmittelunverträglichkeiten etwa gegen Fruktose oder Laktose zählen aber nicht zu den Allergien, auch die Gluten-Unverträglichkeit Zöliakie hat andere Ursachen. In der Klinik stellen wir oft auch fest, dass hinter den Verdauungsbeschwerden eigentlich psychische Störungen stehen. Der Patient fühlt sich nicht wohl und projiziert das auf seine Ernährung.

Wie lässt sich eine Lebensmittelallergie nachweisen?

Prof. Treudler: Mit Blut-Tests lassen sich Antikörper feststellen, auch Haut-Tests können hilfreich sein. Es können aber Antikörper gegen ein Lebensmittel vorhanden sein, ohne dass es bei dem Genuss zu einer allergischen Reaktion kommt. Aussagekräftig ist nur der orale Provokationstest, bei der eine Substanz in immer höheren Dosen geschluckt wird. Der Test solle placebokontrolliert sein und dauert pro Lebensmittel zwei Tage. Besteht die Gefahr eines allergischen Schocks, sollte er in einer Klinik stattfinden.

Können Lebensmittelallergien wieder verschwinden?

Prof. Treudler: Allergien gegen Hühnerei oder Kuhmilch verschwinden bei zwei Dritteln der Kinder bis zum Schulalter, sie entwickeln eine Toleranz. Bei Erdnuss- , Nuss- oder Fisch-Allergien ist das eher nicht der Fall.  Bis zu 50 Prozent der Kinder, die an einer Lebensmittellallergie litten, entwickeln später eine Pollenallergie.

 Kann man sich gegen eine Lebensmittelallergie desensibilisieren lassen wie gegen eine Pollenallergie?

Prof. Treudler: Es gibt Versuche, Lebensmittelextrakte unter die Haut zu spritzen oder durch die orale Gabe allmählich eine Toleranz herbeizuführen. Bislang scheiterten diese Versuche oft, die Patienten erlitten einen allergischen Schock. Und auch wenn Pollenallergiker durch eine Desensibilisierung mit Spritzen von ihrer Pollenallergie befreit wurden, kann es sein, das ihre Kreuzallergie gegen bestimmte Lebensmittel bestehen bleibt.
 
Prof. Regina Treudler ist leitende Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des Universitätsklinikums Leipzig und dort Leiterin des Leipziger Interdisziplinären Centrums für Allergologie (LICA). Zuvor arbeitete sie als Oberärztin an der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Charité Universitätsmedizin Berlin.

Hauptkategorie: Medizin
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