. In Würde sterben

Warum kritische Aufklärung über Organspende wichtig ist

In Deutschland warten rund 10.000 Menschen auf eine Organtransplantation. Doch ist es ethisch vertretbar, andere dafür sterben zu lassen? Der Verein Kritische Aufklärung über Organtransplantation hat gute Argumente dagegen.
Organspende rettet Leben, heißt es. Doch sie kann auch Leben zerstören – nämlich das der Angehörigen

Organspende rettet Leben, heißt es. Doch sie kann auch Leben zerstören – nämlich das der Angehörigen

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hat soeben auf ihrem Jahreskongress in Frankfurt einen „Initiativplan gegen Organmangel“ gefordert. Hintergrund ist, dass die Zahl der Organspenden mittlerweile auf den niedrigsten Stand der letzten 20 Jahre gesunken ist. Im laufenden Jahr erwartet die bundesweite Koordinierungsstelle ein Minus von mehr als 1.500 Organen gegenüber 2010.  „Von Jahr zu Jahr kann weniger Patienten mit einer Transplantation geholfen werden“, erklärte der Medizinische Vorstand, Dr. Axel Rahmel, auf einer Pressekonferenz zum DSO-Jahreskongress am 9. und 10. November. Gleichzeitig warteten derzeit über 10.000 schwerkranke Patienten auf eine lebensrettende Transplantation. „Die Situation ist zutiefst besorgniserregend“, so Rahmel.

Organmangel hat neuen Tiefpunkt erreicht

Seit ihrem Bestehen nimmt die DSO allein die Perspektive der schwerkranken Wartenden ein. Gleiches tut die Politik. Aus Steuergeldern werden Kampagnen finanziert, die für die Organspende werben. Promis wie Till Schweiger und Matthias Schweighöfer erklären zum Beispiel auf Plakaten „Du bekommst alles von mir. Ich auch von Dir?“ Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) betreibt das Informationsportal organspende-info.de, auf der unter anderem Eltern zu Wort kommen, die die Organe ihrer Kinder gespendet haben, um ein anderes zu retten. Sie nennen sich „Botschafter für die Organspende“ und sollen als Vorbild dienen.

Angriff auf die Würde des sterbenden Menschen

Wer dort nicht zu Wort kommt, sind Eltern, die die Organentnahme ihrer Kinder bereuen. Lediglich der Verein Kritische Aufklärung über Organtransplantation (KAO) gibt ihnen eine Stimme. Gegründet von betroffenen Eltern, wehrt sich die private Initiative dagegen, dass Sterbende gegen Schwerkranke ausgespielt werden. Denn für sie ist die Organentnahme, die zwangsläufig jeder Organspende vorausgeht, ein massiver Angriff auf die Würde des sterbenden Menschen. Und zutiefst unethisch.

„Eine Therapie, die für das Überleben des Einen das Sterben und den Tod des Anderen braucht, kann niemals selbstverständlich sein und darf nicht eingefordert werden“, sagt Renate Focke, KAO-Vorstandsmitglied, die 1997 ihren damals 29-Jährigen Sohn Arnd durch einen Unfall verloren und einer Organentnahme zugestimmt hat. Doch ihren Seelenfrieden hat sie seither nicht mehr gefunden. Albträume quälen sie und ihren Mann Gebhard Focke bis heute. Wie andere Mitglieder des Vereins auch ist das Ehepaar Focke in einer Schocksituation von den Ärzten überrumpelt worden, ohne zu wissen wie die Hirntoddiagnostik und eine Organentnahme wirklich ablaufen.

„Die DSO möchte, dass die Sterbenden nicht in Ruhe gehen können – statt dessen sollen sie eine Hirntoddiagnostik über sich ergehen lassen, die ihren an sich schon schlechten Zustand weiter belastet. Dann sollen sie, sofern der „Hirntod“ festgestellt worden ist, in den OP gebracht, aufgesägt und ausgenommen werden. So stellt sich die DSO die „Versorgung am Lebensende“ vor“, kritisiert Gebhard Focke, ebenfalls Vorstandsmitglied von KAO. Mit dem Recht auf ein Sterben in Würde, sei das nicht vereinbar. 

So läuft eine Organentnahme ab

Tatsächlich bekommen die ausgewählten „Organspender“  keine Schmerzmittel mehr, damit die Hirntoddiagnose nicht verfälscht wird, denn dabei werden unter anderem Schmerzreize getestet. Aber kein Arzt kann zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit ein Schmerzempfinden ausschließen. Aus diesem Grund wird bei der Organentnahme auch üblicherweise eine Narkose gegeben, gesetzlich vorgeschrieben ist das in Deutschland jedoch nicht. Der "hirntote" Patient wird weiter beatmet, notfalls wiederbelebt, weil die Organe ja durchblutet bleiben müssen, und schließlich aufgeschnitten. Bei einer Herz- oder Lungenentnahme wird der Brustkorb sogar aufgesägt, meist werden auch die Augen entnommen. Erst Am Ende der mehrstündigen Operation stellen die Ärzte die Geräte ab und der Spender kann sterben. Allerdings sind die Angehörigen niemals dabei. Der Tod tritt noch auf dem OP-Tisch ein.

All das haben Gebhard und Renate Focke nicht gewusst. Wie Tausende andere Menschen auch haben die Eltern von  Arnd an die staatlich geförderte Parole „Organspende rettet Leben“ geglaubt. Dass dies nur ein Teil der Wahrheit ist, haben sie zwar gespürt, aber nicht ausdrücken können „Zu spät habe ich gemerkt, worauf wir verzichten mussten: Er auf ein geschütztes Sterben, liebevolle Begleitung und auf körperliche Unversehrtheit. Und wir, seine Familie? Auf einen ungestörten Abschied, der uns die Trauer leichter gemacht hätte“, sagt die Mutter von Arnd Focke. 

„Organe“ werden künstlich am Leben gehalten

Das Argument, dass andere dadurch gerettet werden, ist für die Fockes kein Trost. Jeder habe sein eigenes Schicksal zu tragen. Alle medizinischen Maßnahmen hätten nach der zweimaligen "Hirntodfeststellung" allein das Ziel gehabt, die Organe zu erhalten. „Es ging nicht mehr um unseren sterbenden Sohn, nur noch um die möglichen Empfänger.“

Heute hätten die beiden anders gehandelt. Darum kämpfen sie zusammen mit anderen Betroffenen für eine kritische Aufklärung zur Organspende und darum, dass auch die andere Seite gehört wird. Denn zu einer Organtransplantation gehören immer zwei – einer der gibt, und vielleicht doch Schmerzen erleidet, und ein anderer, der nimmt. Die Organspender können nicht mehr gefragt werden. Es sind die hinterbliebenen Angehörigen, die mit ihrer unwiderruflichen Entscheidung weiterleben müssen. Nicht selten zerbrechen sie am Schuldgefühl, einen geliebten Menschen in seinen letzten Stunden allein gelassen zu haben. Jeder, der einer Organspende zustimmt, sollte das zumindest wissen.

Foto:  © sudok1 - Fotolia.com

Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik , Medizin
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