Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
03.08.2020

Wann Kortison bei Rheuma absetzen?

Menschen mit Rheuma nehmen oft langfristig Kortison ein und dafür einige Nebenwirkungen in Kauf. Eine europäische Studie zeigt nun, dass auch das frühzeitige Absetzen gelingen kann. Die Medikamente müssen allerdings langsam ausgeschlichen werden.
Nebenwirkungen und entzündliches Rheuma unter Kontrolle: SEMIRA-Studie zeigt, dass das frühzeitige  Absetzen von Kortison gelingen kann

Nebenwirkungen und entzündliches Rheuma unter Kontrolle: SEMIRA-Studie zeigt, dass das frühzeitige Absetzen von Kortison gelingen kann

Dauerhaft Kortison einnehmen, das ist für Menschen mit entzündlichen Erkrankungen wie Rheuma häufig die Regel. Doch die Nebenwirkungen können beträchtlich sein. Die Kortison-Präparate unterdrücken langfristig die Produktion von körpereigenem Kortison in der Nebenniere, was zu Müdigkeit, Übelkeit bis hin zum Blutdruckabfall führen und lebensbedrohlich werden kann. Zudem kann es zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose und gehäuften Infektionen kommen.

Darum stellt sich in der Rheuma-Therapie immer die Frage, wann das Kortison-Präparat abgesetzt werden kann, ohne dass die Entzündung wiederkehrt. Bekannt ist, dass die Glucocorticoide langsam ausgeschlichen werden müssen, um den Körper langsam an die veränderte Dosierung zu gewöhnen und ein Entzugssyndrom zu verhindern. Doch in der Praxis erweist sich dieses Spagat oft als schwierig. 

Prednison ausgeschlichen und nach vier Monaten ganz abgesetzt

Wie das langsame Absetzen mit dem häufigsten Kortisonpräparat Prednison gelingen kann, das zeigt nun die europäische SEMIRA-Studie unter Federführung der Charité. Verglichen wurde niedrig dosiertes Prednison in einem bestimmten Absetz-Schema mit einer gleichbleibenden Dosis über sechs Monate.

Alle 250 Studienteilnehmer litten an rheumatoider Arthritis (RA) und hatten zunächst mindestens über sechs Monate hinweg Glucocorticoide erhalten und damit ihre Erkrankung weitgehend unter Kontrolle. Anschließend wurde die Therapie mit niedrig dosiertem Prednison schrittweise nach einem bestimmten Absetz-Schema reduziert und schließlich nach vier Monaten ganz abgesetzt. Die Kontrollgruppe wurde dagegen sechs Monate lang mit einer gleichbleibenden Dosis weiterbehandelt. Beide Gruppen erhielten darüber hinaus eine Begleittherapie mit dem Interleukin-6-Rezeptor-Antikörper Tocilizumab.

 

Absetz-Schema bei 65 Prozent der Rheuma-Patienten erfolgreich

Die Fortsetzung der Kortisontherapie zeigte zwar einen etwas besseren Behandlungserfolg, aber auch das Absetzen gelang in den meisten Fällen. So gelang es bei 77 Prozent der Rheuma-Patienten in der Kontrollgruppe, ein Wiederaufflammen der Entzündungen zu verhindern. Ein solcher Behandlungserfolg stellte sich auch bei 65 Prozent der Betroffenen ein, deren Therapie nach einem Absetz-Schema heruntergefahren wurde. Schwerwiegende Probleme wie klinisch relevante Veränderungen der Laborwerte oder Entzugserscheinungen bleiben in beiden Gruppen aus.

Ergebnisse für die klinische Praxis relevant

„Die Behandlungserfolgsrate von 65 Prozent beim Ausschleichen der Kortisonpräparate ist für eine gemeinsame Entscheidungsfindung mit den Betroffenen von großer Bedeutung“, kommentiert Erstautor der Studie Prof. Gerd Rüdiger Burmester von der Charité die Studienergebnisse. Es könne nun im Einzelfall beurteilt werden, ob eine weitere Therapie mit Glucocorticoiden sinnvoll sei oder ein Absetzen versucht werde.

„Unsere Ergebnisse bieten zudem einen Rahmen für Untersuchungen zum Absetzen von Glucocorticoiden auch in anderen Therapiesituationen – etwa in der Allergologie, Neurologie oder Dermatologie –, bei denen diese Präparate ebenfalls verabreicht werden und eine Ungewissheit hinsichtlich der Risiken und Vorteile eines Absetzens besteht.“

Die Ergebnisse der Studie “Continuing versus tapering glucocorticoids after achievement of low disease activity or remission in rheumatoid arthritis (SEMIRA): a double-blind, multicentre, randomised controlled trial” sind soeben im Fachmagazin „The Lancet“ erschienen

Foto: © Adobe Stock/narstudio

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Rheuma , Rheumatoide Arthritis , Kortison
 

Weitere Nachrichten zum Thema Rheuma

Gehört Rheuma zu den kritischen Vorerkrankungen in der Corona-Pandemie? Erste Hinweise ergeben sich nun aus dem COVID-19 Register der Fachgesellschaft für Rheumatologie. Tatsächlich scheinen eine aktive rheumatische Erkrankung und die Einnahme von Kortison das Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf zu erhöhen.

 

Aktuelle Nachrichten

Mehr zum Thema
Rheuma-Patienten bewegen sich zu wenig. Dabei lindert gerade Bewegung die Beschwerden. Viele Rheuma-Patienten wissen das nicht - und bleiben inaktiv.
 
Weitere Nachrichten

Einfach nicht zur Ruhe kommen: Die Ursache dafür liegt oft im Stress und Leistungsdruck des Alltags und der Reizüberflutung durch den digitalen Gerätezauber. Was helfen kann: Handy abschalten, Fernseher gar nicht erst anschalten, in der Natur die Stille suchen, Entspannungsverfahren nutzen oder auf die Heilkraft pflanzlicher Wirkstoffe vertrauen.

 
Kliniken
Interviews
Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.

Logo Gesundheitsstadt Berlin