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Viele Patienten landen in der falschen Klinik

Patienten in Deutschland kommen nach einem Herzinfarkt oder zur Brustkrebsbehandlung oft in die falsche Klinik. Das zeigt der neue Qualitätsmonitor 2017 von Gesundheitsstadt Berlin e.V. und dem wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen (WIdO).
Welches Krankenhaus ist zur Brustkrebs geeignet?

Überlebenswichtig: Mit Herzinfarkt in die richtige Klinik.

Der Qualitätsmonitor 2017 enthält neben zahlreichen Beiträgen von Experten eine eingehende Analyse der stationären Versorgungstrukturen für sechs Krankheitsbilder. Der Gesundheitswissenschaftler und Qualitätsexperte Professor Thomas Mansky von der Technischen Universität Berlin hat dafür die Versorgungsstrukturqualität der Krankenhäuser in Deutschland für sechs verschiedene Indikationen unter die Lupe genommen, darunter Herzinfarkt und Brustkrebs. Er kommt zu dem Ergebnis: „Die Strukturen sind zum Teil nicht geeignet.“

Brustkrebs: Zu wenig Biopsien und Behandlungsroutine

Für die Behandlung von Brustkrebs fordern medizinische Leitlinien eine Biopsie zur Diagnosesicherung, bevor ein Brust-OP erfolgt und  mindestens 50 mammachirurgische Eingriffe pro Jahr. Manche Leitlinien fordern gar 150 Eingriffe pro Jahr. Doch: „Die Hälfte der Kliniken liegt unter dem niedrigsten geforderten Wert“, so Mansky. Ein Viertel der gut 800 untersuchten Kliniken, die 2014 mammachirurgische Eingriffe vorgenommen haben, behandelten demnach sogar weniger als acht Patientinnen im ganzen Jahr. Dabei stellt Mansky fest, dass diese Kliniken bei vier von zehn Frauen die zur Diagnosesicherung nötigen Biopsien nicht vornehmen.

 

Mit Herzinfarkt nur in ein Krankenhaus mit Linksherzkatheterlabor

Auch bei der Versorgung von Herzinfarktpatienten liegt einiges im Argen. Die Leitlinien sehen vor, dass innerhalb einer Stunde nach Einlieferung in ein Krankenhaus eine Linksherzkatheteruntersuchung erfolgt sein soll. Doch rund 22.000 von insgesamt 230.000 Infarktpatienten sind 2014 in einem Krankenhaus ohne Katheterlabor versorgt worden. „Wir haben keinen Mangel an Linksherzkathetern, aber die Patienten landen nicht dort, wo sie hinmüssten“, stellte Mansky klar. Auch die Fallzahlen mancher Krankenhäuser sind mitunter so gering, dass von Routine in der Versorgung von Patienten mit Herzinfarkt nicht die Rede sein kann. Ein Viertel der untersuchten Krankenhäuser, versorgte 2014 weniger als 34 Herzinfarktpatienten.

Der Qualitätsexperte Mansky stellt deshalb fest, dass wir eine erhebliche Diskrepanz zwischen Versorgungswirklichkeit und fachlich konsentierten Anforderungen haben“. Er fordert eine bessere Leistungssteuerung und –konzentration im Rahmen der Krankenhausplanung. „Die Unterschiede zwischen den Bundesländern verdeutlichen, dass die Handlungsspielräume nicht ausgeschöpft sind“, so Mansky. „Man kann die Versorgung optimieren, wenn man dafür sorgt, dass im Rettungsdienst die richtigen Kliniken angesteuert werden“, so Mansky mit Blick auf die Herzinfarktversorgung.

Auch der Vorstandsvorsitzende des AOK Bundesverbands Martin Litsch und der Vorsitzende des Vereins Gesundheitsstadt Berlin Ulf Fink appellierten an die Bundesländer, ihre Handlungsspielräume zu nutzen. „Das Buch soll ganz konkrete Hinweise für die Umsetzung der Qualitätsagenda geben“, so Fink. Litsch forderte zudem einen neuen Anlauf für die Reorganisation der Notfallversorgung.

Foto: Schlegelfotos - Fotolia.com

Autor: Angela Mißlbeck
Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
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