Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
05.03.2021

Viele Alte müssen ins Krankenhaus – wegen Wechselwirkungen von Medikamenten

Ältere Menschen haben oft mehrere Krankheiten und nehmen deshalb fünf und mehr Medikamente gleichzeitig ein. Oft hat aber keiner den Überblick, ob diese Mittel sich auch vertragen. Die Folge: Bis zu 30 Prozent der Krankenhauseinweisungen bei Senioren sind auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückzuführen. Darauf weist die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) hin.
Fünf Cocktailgläser hintereinander, gefüllt mit mit bunten Arzneimitteln in Tabletten- und Kapselform.

Patienten mit vielen Krankheiten schlucken viele Medikamente. Aber wenn bei diesen Arzneimittel-Cocktails keiner den Überblick hat, kann es gefährlich werden. Ein Geriatriearzt bringt es auf den Punkt: Je mehr Medikamente, desto mehr Krankenhausaufenthalte.

Ein Medikament zur Blutverdünnung nach Herzinfarkt und eins gegen hohen Blutdruck; eins gegen Osteoporose und eins gegen Gewichtszunahme bei Diabetes – und außerdem noch Insulin: Wer viele Krankheiten hat, muss auch viele Medikamente einnehmen. Das klingt plausibel, aber das kann auch gefährlich werden. Denn gerade alte Menschen finden sich plötzlich im Krankenhaus wieder – nicht wegen ihrer Erkrankungen, sondern weil mit ihrem Medikamenten-Cocktail etwas nicht stimmt.

Risiko für arzneimittelbezogene Probleme steigt stark an

„Wenn Patienten dauerhaft viele verschiedene Medikamente einnehmen müssen, steigt ihr Risiko für arzneimittelbezogene Probleme stark an“, warnt jetzt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). „Bei älteren Menschen sind bis zu 30 Prozent der Krankenhauseinweisungen auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückzuführen.“

Polymedikation ist laut ABDA ein häufiges Phänomen: 7,6 Millionen Bundesbürger ab 65 Jahren nehmen täglich fünf oder mehr Arzneimittel ein. In der Altersgruppe zwischen 75 und 80 Jahren braucht jeder Dritte sogar mehr als acht Medikamente.

 

Viele Patienten ohne Medikationsplan

Dass eine Polymedikation zum Problem wird, kann ganz verschiedene Ursachen haben. Nicht alle diese Patienten haben einen Medikationsplan. Haben sie einen, ist der oft weder vollständig noch korrekt. Vielfach stimmt der Plan nicht mit dem überein, was der Patient tatsächlich im Moment einnimmt. Das kann dazu führen, dass verschiedene (Fach-)Ärzte unabhängig voneinander im guten Glauben Medikamente verschreiben, während niemand wacht darüber, ob diese sich auch vertragen.

Medikationsplan entspricht oft nicht der Einnahmepraxis

Bei einer Untersuchung in Münster, die 500 Patienten mit Medikationsplan umfasste, entsprachen laut ABDA nur 6,5 Prozent der allein vom Arzt erstellten Medikationspläne der tatsächlichen Einnahmepraxis. Oder andersherum gesagt: Mehr als 90 Prozent der Medikationspläne sind nach Einschätzung der ABDA fehlerhaft. Gründe für die Diskrepanzen sind unter anderem, dass die Namen verordneter Präparate oft nicht mit den aufgrund der Rabattverträge in der GKV abzugebenden Präparaten übereinstimmen. Teilweise werden Arzneimittel aufgeführt, die der Patient gar nicht mehr nimmt, oder es fehlen verschreibungsfreie Arzneimittel, die der Patient sich unabhängig vom Arzt besorgt.

Ab 2022: Vor-Ort-Apotheken sollen Medikation überwachen

Die Apothekerverbände sprechen von einer regelrechten „Versorgungslücke“ und schlagen Alarm: „Es ist höchste Zeit, dass das Problem angegangen wird", warnt ABDA-Präsidentin Gabriele Overwiening. Die Apotheken seien oft die einzige Instanz, die einen vollständigen Überblick über die aktuelle Selbstmedikation eines Patienten habe. „Aber die vollständige Medikation des Patienten zu erfassen und auf Risiken zu überprüfen, ist aufwändig und geht weit über das 'normale' Beratungsgespräch mit dem Patienten hinaus“, sagt die Apotheker-Präsidentin. Hoffnung verknüpft Overwiening mit dem „Vor-Ort-Apotheken-Stärkungsgesetz“, das im Jahr 2022 in Kraft treten soll: Apotheken sollen diese Kontrollaufgabe dann mit den Kassen abrechnen können und den Versicherten stünde diese Leistung damit auch zur Verfügung.

Foto: AdobeStock/mario beauregard

Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Arzneimittel , Blutgerinnungshemmer , Wechselwirkungen , Behandlungsfehler , Alter
 

Weitere Nachrichten zum Thema Arzneimittel richtig einnehmen

Magensaftresistente Arzneimittel helfen erst, wenn sie den Magen verlassen und den Darm erreicht haben. Kleine Snacks zwischendurch und zu wenig zeitlicher Abstand vor und nach der Einnahme können das jedoch verhindern und damit die Wirkung torpedieren. Die Gefahr: Über den Tag eingenommene Schmerzmittel zum Beispiel helfen zunächst gar nicht – werden dann aber in der Nacht auf einmal ausgeschüttet.

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Viele Eltern meinen es gut, wenn sie vor ihren Kindern über eine Demenz bei deren Großeltern nicht sprechen. Sie wollen sie nicht belasten. So schwer es für Kinder ist, diese Erkrankung zu verstehen – so sehr spüren sie, dass etwas nicht stimmt. Experten raten deshalb zu einer kindgerechten Offenheit.


Bewusst einmal etwas ganz anderes tun als im beruflichen Alltag, Dinge selber machen, mit den Händen arbeiten – selbstbestimmt, kreativ, meditativ: Heimwerken kann sich positiv auf die körperliche und geistige Gesundheit auswirken und sogar eine therapeutische Wirkung entfalten. Gut für Menschen, die sich gesund halten wollen, auf einen Therapieplatz warten – oder eine laufende Therapie unterstützen möchten.
 
Kliniken
Interviews
Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.

Logo Gesundheitsstadt Berlin