. Entwicklungsstörungen bei Neugeborenen

Valproat: Regierung sieht keinen Handlungsbedarf

Das Antikonvulsivum Valproat kann, wenn es von Schwangeren eingenommen wird, zu Missbildungen und Entwicklungsstörungen des Kindes führen. Die französische Regierung will nun Betroffenen eine Entschädigung zahlen. In Deutschland hingegen scheint man keinen Handlungsbedarf zu sehen.
Valporat gefährlich für Fötus

Das Epilepsiemittel Valproat kann für Ungeborene gefährlich sein

Valproat (Valproinsäure) ist ein Antikonvulsivum, das bei Epilepsie, aber auch bei manisch-depressiven Störungen oder Clusterkopfschmerzen verordnet wird. Wenn Schwangere das Medikament einnehmen, kann es allerdings zu Fehlbildungen, Entwicklungsstörungen und verminderter Intelligenz beim Neugeborenen kommen. Aus diesem Grund erklärte die European Medicines Agency (EMA) im Jahr 2014, dass Valproat nur in absoluten Ausnahmefällen Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter verordnet werden darf. Auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wies im Dezember 2014 in einem Rote-Hand-Brief auf die Gefahren hin, und auf dem Beipackzettel des Medikaments werden ebenfalls mögliche Risiken während einer Schwangerschaft erwähnt.

Dennoch wird das Medikament offenbar weiterhin Schwangeren und jungen Frauen verschrieben. Der französische Staat sieht nun Handlungsbedarf: Nachdem die französische Untersuchungsbehörde IGAS festgestellt hatte, dass auch nach der strengeren Regelung noch um die 450 Kinder durch die Einnahme von Valproat durch die Mutter geschädigt oder sogar tot geboren wurden, will Frankreich nun zehn Millionen Euro Entschädigung für die Betroffenen bereitstellen. Zudem läuft auch gegen den Hersteller Sanofi-Aventis in Frankreich ein Entschädigungsverfahren.

Frankreich: Patientinnen wurden zu spät aufgeklärt

Die Begründung für diese Entscheidung: Die IGAS hatte festgestellt, dass bereits ab dem Jahr 2004 bekannt war, dass Valproat nicht nur zu Fehlbildungen, sondern auch zu Entwicklungsstörungen und Intelligenzminderung bei Kindern führen kann. Schon ab diesem Zeitpunkt hätten Ärzte ihre Patientinnen über die Gefahren aufklären müssen. Tatsächlich erfolgte die Warnung jedoch erst zehn Jahre später. Der französischen Zeitung Le canard enchaîné zufolge hat die französische Regierung damals bewusst eine Studie zurückgehalten, die auf die neuen Gefahren hinwies.

Auch in Deutschland wird Valproat an Frauen im gebärfähigen Alter abgegeben. Nun wollte die Linke in einer kleinen Anfrage wissen, ob die Bundesregierung ebenfalls Nachforschungen anstellen will – beispielsweise zur Frage, ob auch hierzulande Patientinnen nicht genügend über die Risiken des Medikaments aufgeklärt wurden. Die Sprecherin der Linksfraktion Kathrin Vogler erklärte, es sei wichtig zu erfahren, ob und wie viele Kinder in Deutschland geschädigt wurden und ob genug dafür getan wurde, dies zu verhindern.

Valproat wird weiterhin oft verordnet

Die Bundesregierung sieht jedoch bisher keinen Handlungsbedarf. In der Regierungsantwort hieß es, Ärzte dürften seit 2014 Frauen im gebärfähigen Alter Valproat nur noch im Ausnahmefall verschreiben, also dann, wenn andere Medikamente nicht anschlagen oder nicht vertragen werden. Wann dies der Fall sei, müsse der Arzt im Einzelfall entscheiden. Ob Frauen in Deutschland dennoch Anspruch auf Entschädigung haben, müsse von Zivilgerichten geklärt werden, so die Regierung weiter. Zudem werde Valproat in Deutschland seltener verschrieben als in Frankreich. Wie vielen Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter das Mittel in den vergangenen Jahren jedoch tatsächlich verschrieben wurde und wie viele Kinder Schädigungen davongetragen habe, wisse man nicht.

Indes hat das Magazin Der Spiegel Zahlen vorgelegt, die es vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WidO) erhalten hat. Demnach wurde das Medikament in den vergangenen zehn Jahren pro Jahr rund 250.000 Frauen im gebärfähigen Alter verordnet. Und auch nach dem Erscheinen des Rote-Hand-Briefs sei das Mittel nicht wesentlich seltener verschrieben worden, so der Spiegel. So wurde Valproat im Jahr 2015 immer noch in 237.000 Fällen an diese Patientengruppe abgegeben.

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Hauptkategorien: Medizin , Gesundheitspolitik
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