Vagusnerv-Stimulation: Langfristig wirksam bei therapieresistenten Depressionen

Die Vagusnerv-Stimulation ist eine neue Behandlungsmöglichkeit gegen therapieresistente Depressionen
Die chronische Depression ist eine zermürbende Erkrankung, vor allem wenn gängige Therapien wie Antidepressiva, Psychotherapie und Elektrokrampftherapie nicht greifen. Für Patienten mit einer sogenannten schweren, therapieresistenten Depression steht jetzt ein Verfahren zur Verfügung, das bislang in der Behandlung von Schmerzen und Epilepsien eingesetzt wurde: Die Vagusnerv-Stimulation (VNS-Stimulation).
In Australien wird die Vagusnerv-Stimulation schon seit einigen Jahren gegen behandlungsresistente Depressionen eingesetzt. Denn: Bei der Behandlung von Epilepsien fanden Ärzte dort eher zufällig heraus, dass sich gleichzeitig die Stimmung der Patienten aufhellte. Der deutsche Neurochirug Prof. Walter Stummer, der lange in Melbourne tätig war, hat die neue Therapieoption gegen schwere Depressionen mit ans Universitätsklinikum Münster gebracht und bietet sie nun dort auch Patienten an.
Wirkung tritt oft erst nach Monaten oder Jahren ein
„Die Vagusnerv-Stimulation kann gerade auf lange Sicht helfen, depressive Episoden zu vermeiden“, erklärt Stummer. Er weist aber darauf hin, dass die Wirkung frühestens nach mehreren Monaten eintritt, Patienten also Geduld haben müssten. „Insgesamt bieten wir mit der VNS eine Therapie an, von der längerfristig bis zu 70 Prozent der Patienten stark profitieren“, sagt er laut Studienlage und Erfahrung. „Allerdings muss den Patienten klar sein, dass der beste Erfolg erst durch eine relativ lange Therapiedauer über circa fünf Jahre garantiert werden kann“, so Stummer. "Die Verbesserung der Lebensqualität unserer Patienten rechtfertigt aber die lange Behandlungsdauer in jedem Fall."
So funktioniert die Vagusnerv-Stimulation
Der Patient bekommt unterhalb des linken Schlüsselbeins dauerhaft einen elektrischer Impulsgeber implantiert. Über ein Kabel unter der Haut wird der Vagus-Nerv am Hals mit kleinen Stromimpulsen alle drei bis fünf Minuten für eine Dauer von 30 Sekunden gereizt. Da der Vagusnerv mit dem Gehirn verbunden ist, wird so auch das Gehirn stimuliert. Das Stromniveau ist so niedrig, dass der Patient nichts von den Impulsen wahrnimmt. Außerdem können die Intensität und die Häufigkeit der Impulse je nach Wirkung und Verträglichkeit modifiziert und der Stimulator auf Wunsch auch für einige Zeit abgeschaltet werden.
Stimulierter Nerv ist Teil des vegetativen Nervensystems
Der Vagusnerv ist der zehnte und größte Hirnnerv und übermittelt Informationen von den Körperorganen an das zentrale Nervensystem. Er erstreckt sich vom Hirnstamm durch den Hals über den Brustkorb bis hinein in den Bauchraum. Man bezeichnet diesen Nerven des vegetativen Nervensystems auch als "Erholungsnerv" und als Gegenspieler des Sympathikus (Antriebsnerv).
Warum die Stimulation des Vagusnervs Depressionen lindern kann, ist noch nicht vollständig geklärt. Aktuell gehen Forscher davon aus, dass durch die Stimulation stimmungsaufhellende Botenstoffe (Neurotransmitter wie etwa Serotonin) ausgeschüttet werden und es außerdem zu einer generellen Aktivierung der für die Stimmung wichtigen Hirnareale kommt.
Derzeit läuft eine multizentrische europaweite Studie zum Erfolg der Vagusnerv-Stimulation bei therapieresistenten Depressionen. Das Universitätsklinikum Münster nimmt daran teil.
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