. Krankenkassen-Umfrage

Über 80 Prozent befürworten Impfpflicht bei Kindern

Sind die Deutschen wirklich Impfskeptiker oder gar -gegner, wie oft behauptet wird? Nach einer Umfrage der "Schwenninger Krankenkasse" befürwortet eine große Mehrheit der Deutschen jedenfalls eine Impfpflicht bei Kindern, die Krippen, Kindergärten oder Schulen besuchen. Bei Erwachsenen sieht es schon anders aus.
Kind bekommt Spritze in Arm und hält sich die Augen zu

Spaß macht Impfen nicht: Aber es bewahrt Kinder davor, sich in der Kita oder in der Schule Infektionskrankheiten wie Masern einzufangen - oder andere anzustecken.

Erst im Januar hat die Weltgesundheitsorganisation WHO die Verweigerung von Impfungen als eines der zehn größten globalen Gesundheitsrisiken eingestuft. Laut WHO erkrankten beispielsweise an Masern im Jahr 2017 weltweit 30 Prozent mehr Menschen als noch ein Jahr zuvor. Trotz einer groß angelegten WHO-Kampagne zur Ausrottung der Masern kommt es selbst im hochzivilisierten Europa immer wieder zu lokalen Ausbrüchen. Obwohl diese Krankheit in Deutschland mittlerweile ausgerottet sein könnte, ist auch die Zahl der im Inland gemeldeten Masernfälle in den vergangenen Jahren tendenziell wieder leicht gestiegen. Stärkstes Motiv dafür, sich selbst oder seine Kinder nicht impfen zu lassen: die Angst vor Nebenwirkungen.

Viele Erwachsene wollen die Impfpflicht bei Kindern

Trotzdem erscheint es ungerechtfertigt, das Gros der Deutschen als Impfverweigerer hinzustellen. Das zeigt eine aktuelle, bevölkerungsrepräsentative Umfrage der Schwenninger Krankenkasse unter gut 2.000 Bundesbürgern. 87 Prozent der Bundesbürger befürworten eine Impfpflicht für Krippen- und Kindergartenkinder, 81 Prozent auch für Schulkinder. Der großen Mehrheit der Deutschen ist offenbar bewusst, dass man mit Impfungen nicht nur sich selbst, sondern auch andere vor schweren Krankheiten schützen kann. In diesem Fall: Kinder in pädagogischen Einrichtungen, die Tummelplätze für Krankheitserreger sein können.

 

Ein Impfpflicht für Erwachsene will nur eine Minderheit

"Die überwältigende Mehrheit der Bundesbürger erkennt die gesamtgesellschaftliche Verantwortung, die mit dem Piks beim Arzt einhergeht. Sie weiß: Impfen rettet Leben", erklärt Siegfried Gänsler, Vorsitzender des Vorstandes der Schwenninger Krankenkasse. "Das ist eine hervorragende Grundlage, um der Impfmüdigkeit in Deutschland zu begegnen." Während eine Impfpflicht für Kinder der aktuellen Studie zufolge auf breite Zustimmung in der Bevölkerung stößt, wollen Erwachsene an sich selbst offenbar andere Maßstäbe angelegt wissen. Hier befürworten nur knapp 40 Prozent eine Pflicht zum Impfen. Lediglich bei chronisch Kranken und Senioren liegen die Werte etwas höher.

Ostdeutsche stehen Impfpflicht aufgeschlossener gegenüber

In der Studie der „Schwenniger“ werden dabei signifikante Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sichtbar. So sprechen sich im Osten deutlich mehr Menschen für verpflichtende Impfungen aus als Im Westen. Dies wird damit erklärt, dass es in der DDR seit den 1950er Jahren eine gesetzliche Impfpflicht für bestimmte Krankheiten existierte, die im Laufe der Jahre immer mehr ausgeweitet wurde. Das prägt das Bewusstsein der Menschen offenbar noch heute. In der Bundesrepublik galt lediglich eine allgemeine Impfpflicht gegen Pocken. Sie wurde 1976 aufgehoben, weil die Krankheit ausgerottet war.

Nach Einschätzung der Schwenninger Krankenkasse zählen Impfungen zu den wirksamsten Präventionsmaßnahmen, um sich und andere vor schweren Krankheiten zu schützen. Dass viele Bundesbürger trotzdem zurückhaltend sind, führen Experten auf eine Mischung aus unterschiedlichen Faktoren zurück. Ungeimpfte seien keineswegs immer verbohrt, sagt etwa WHO-Berater Claude Muller. Viele hätten nur keine Lust oder diffuse Sorgen wegen der Nebenwirkungen. Tatsächlich fühlen sich laut der aktuellen Studie der Schwenninger Krankenkasse 40 Prozent der Befragten zu Wirkungen wie Nebenwirkungen von Impfungen nicht ausreichend informiert.

Impfpflicht im Rechtsstaat: Selbst der Ethikrat ist sich nicht einig

Dass Impfungen grundsätzlich sinnvoll sind, dafür fehlt es in der Gesellschaft offensichtlich nicht an Akzeptanz. Die Frage aber ist, ob sie in einem Rechtsstaat in Form einer sanktionsbewehrten Impfpflicht durchgesetzt werden können oder sollten. Nicht einmal die Fachwelt ist sich einig darin, ob das ethisch und rechtlich akzeptabel ist - und wann und wie sinnvoll es ist. So sprach sich etwa der Leiter des Berliner Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, gegen eine Impfpflicht bei Masern aus. Auch innerhalb des Deutschen Ethikrats herrscht in Sachen Impfpflicht keine Einigkeit. Erst vor wenigen Tagen befasste sich das Gremium bei einer Anhörung in Berlin mit Sinn und Erfolgschancen offizieller Impfstrategien.

Harte Impfgegner: „Maximal fünf Prozent“

Manche Eltern sehen in offiziell angeordneten obligatorischen Impfungen einen Eingriff in ihr Sorgerecht. Nach Auskunft des Ethikrats gibt es auch Ärzte, die sich im Umgang mit den ihnen anvertrauten Familien bewusst nicht an öffentliche Impfempfehlungen halten - sie empfinden dies als Eingriff in die ärztliche Therapiefreiheit. Ein sehr geringer Anteil der Bevölkerung macht religiöse Gründe geltend. Die Gruppe der „ideologisch verfestigten Impfgegner“ taxieren Experten allerdings auf „maximal fünf Prozent“.

Foto: Fotolia.com/natali_mis

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Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
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