. Kinderlähmung

Trotz Sorge um mutierte Polio-Viren – Impfung bleibt wirksamste Waffe

Wissenschaftler haben eine Mutante des Polio-Virus gefunden, die den Impfschutz gegen Kinderlähmung teilweise unterlaufen konnte. Die Virologen betrachten den neuen Erreger als Warnsignal - und fordern gerade deshalb zum Weiterimpfen auf.
Wenn ein mutiertes Polio-Virus auf eine ungeimpfte Bevölkerung trifft, wird es gefährlich, warnen Virologen

Wenn ein mutiertes Polio-Virus auf eine ungeimpfte Bevölkerung trifft, wird es gefährlich, warnen Virologen

Die Kinderlähmung gilt dank der wirksamen Polio-Impfung weltweit als nahezu ausgerottet. In ärmeren Regionen der Welt kommt es dennoch immer wieder mal zu Polio-Ausbrüchen, so geschehen im afrikanischen Kongo im Jahr 2010. Dort wurden 445 Menschen – meist junge Erwachsene – nachweislich mit Polio infiziert. Bei etwa der Hälfte von ihnen endete die Krankheit tödlich. Nicht nur die hohe Sterblichkeit überraschte Virologen. Auch die Tatsache, dass offenbar die Hälfte der Infizierten geimpft gewesen sein soll.

Mutiertes Polio-Virus könnte auch geimpfte Deutsche infizieren

Wissenschaftler der Universität Bonn haben deshalb nach einer Erklärung gesucht und sind gemeinsam mit französischen Kollegen fündig geworden. In den Proben Verstorbener fanden sie Polio-Viren, die an entscheidender Stelle mutiert waren. Das Resultat fasst Studienleiter Dr. Jan Felix Drexler, der heute in den Niederlanden arbeitet, zusammen: „Die durch die Impfung induzierten Antikörper können das mutierte Virus kaum noch erkennen und es daher auch kaum außer Gefecht setzen.“ Mit anderen Worten: Die mutierten Polio-Viren entgehen dem Immunsystem und können sich so munter im Körper ausbreiten.

Wie erfolgreich den Viren das gelingt, konnten die Virologen anhand von Blutproben deutscher Medizinstudenten zeigen: Alle 34 Probanden waren gegen Polio geimpft. Mit „normalen“ Kinderlähmungs-Viren wurden die Antikörper im Blut der Probanden problemlos fertig. Das mutierte Virus löste hingegen eine wesentlich schwächere Immunreaktion aus. .„Wir schätzen, dass jeder Fünfte unserer Bonner Testpersonen von dem neuen Polio-Virus hätte infiziert werden können, vielleicht sogar jeder Dritte“, sagt Prof. Drosten, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn.

Massives Impfprogramm hat Polio-Epidemie im Kongo gestoppt

In jedem Fall müsse konsequent weiter geimpft werden, betonen die Wissenschaftler - der neuer Erreger sei ein deutliches Warnsignal: „Wenn so ein veränderter Erreger auf eine Bevölkerung trifft, die nicht konsequent genug geimpft wurde, dann wird es gefährlich“, sagt Drosten. "Wir müssen daher die Impfquote weiter erhöhen und neue, potentere Impfstoffe entwickeln. Nur so besteht die Chance, die Kinderlähmung dauerhaft zu besiegen.“ Dass selbst die aktuellen Impfstoffe gut genug wirken, um Polio-Ausbrüche einzudämmen, zeigt das Beispiel Kongo von 2010: Obwohl hier das mutierte Polio-Virus grassierte, konnte der Polio-Ausbruch durch ein massives Impfprogramm und Hygiene-Maßnahmen gestoppt werden.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich vorgenommen, das Polio-Virus auszurotten. Vorbild sind die Pocken – dank einer konsequenten Impfstrategie gilt die Erde seit 1980 als pockenfrei. Ähnliches könnte auch bei der Kinderlähmung klappen.

Foto: © evgenyatamanenko - Fotolia.com

Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Impfen , Kinderlähmung

Weitere Nachrichten zum Thema Polio-Impfung

| Im Jahr 2013 war häufig von zunehmenden Fällen von Masern die Rede, aber auch Mumpserkrankungen treten in Deutschland wieder vermehrt auf. Studien zeigen, dass in Deutschland trotz generell hoher Impfbereitschaft noch viele Impflücken bestehen.

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
. Weitere Nachrichten
Bei Frauen mit genetisch bedingtem Lungenhochdruck kann Östrogen eine Rolle bei der Erkrankung spielen. Experimente zeigen nun, dass Medikamente, die das Östrogen hemmen, der Erkrankung vorbeugen und auch zu ihrer Behandlung dienen können.
Knapp drei Millionen Tiere sterben in Deutschland jedes Jahr für die Forschung – viele davon umsonst, weil sich die Ergebnisse aus Tierversuchen oft nicht auf Menschen übertragen lassen. Nun wurde ein Modellsystem ausgezeichnet, das Tierversuche in der Schlaganfallforschung ersetzen soll.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender

Vivantes Klinikum im Friedrichshain, Raum 12.109/110 im Erdgeschoss, Landsberger Allee 49, 10249 Berlin
. Kliniken
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.
Kinder suchtkranker Eltern sind besonderen Belastungen ausgesetzt und haben ein hohes Risiko, später selbst eine Sucht oder andere psychische Erkrankungen zu entwickeln. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler über die Situation betroffener Kinder und die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten gesprochen.
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.