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20.01.2020

Tödliche Gefahr im Klettergurt: Was über das Hängetrauma bekannt ist

Das Hängetrauma ist ein gefürchtetes Bergsteiger-Phänomen. Bislang wusste man wenig darüber, warum Bergsteiger im Kletterseil bewusstlos werden oder sogar sterben. Notfallmediziner haben jetzt eine Erklärung gefunden und Empfehlungen veröffentlicht.
Längeres Hängen im Seil kann zu einem Hängetrauma führen. Hierbei kommt es offenbar zu einem neurokardiogenen Reflex

Längeres Hängen im Seil kann zu einem Hängetrauma führen. Hierbei kommt es offenbar zu einem neurokardiogenen Reflex

Es sind dramatische Momente: Ein Bergsteiger stürzt und hängt anschließend eine Zeitlang im Kletterseil. Dann wird er plötzlich bewusstlos und stirbt, obwohl die Verletzungen gar nicht schwerwiegend waren. Solche Fälle sind seit den 1970er Jahren bekannt. Seitdem beschäftigen sich Ärzte mit der Frage, weshalb es zum sogenannten Hängetrauma kommt. Nicht nur Bergsteiger, auch angegurtete Fensterputzern oder Hangarbeiter können davon betroffen sein.

Neurokardiogener Reflex gilt heute als wahrscheinliche Ursache

Bisher wurde das Phänomen mit einem Volumenmangelschock erklärt, bei dem zu wenig Blut zum Herzen gelangt und lebenswichtige Organe nicht mehr ausreichend durchblutet werden können. Neue Erkenntnisse sprechen jedoch gegen diese Theorie.

Experten für alpine Notfallmedizin des Forschungszentrums Eurac Research in Bozen (Italien) gehen jetzt von einem neurokardiogenem Mechanismus aus, der zur Bewusstlosigkeit und Tod führen kann. Grundlage bildet ein Experiment mit 20 Kletterern. Die Studienteilnehmer wurden dabei nach dem Klettern bzw. nach einer Ruhephase bis zu 60 Minuten lang an einem Klettergurt frei ins Seil gehängt.

 

Blut bleibt in den Extremitäten hängen

In jedem dritten Fall kam es während des Hängens zu einer Beinahe-Bewusstlosigkeit. Die Mediziner stellten fest, dass sich die Venen in den Beinen geweitet hatten und sich dort schwerkraftbedingt vermehrt Blut ansammelte. „Anders als bisher angenommen, führt dieser Umstand jedoch nicht zu einem Volumenmangelschock“, erklärt Studienleiter Simon Rauch. "Wir konnten nämlich feststellen, dass das Herz in dieser Situation weiterhin ausreichend mit Blut versorgt wird und sind zum Schluss gekommen, dass der Kreislaufzusammenbruch auf einen sogenannten neurokardiogenen Reflex zurückzuführen ist.“

Blutdruck fällt ab, Gehirn wird mangeldurchblutet

Bei einem neurokardiogenen Reflex kommt es aufgrund einer Fehlregulation des autonomen Nervensystems plötzlich zu einer Verlangsamung der Herzfrequenz und einer Weitstellung der Blutgefäße, was zu einem Abfall des Blutdrucks führt. Laut Rauch kann dasselbe Phänomen beispielsweise bei Personen festgestellt werden, die nach langem Stehen plötzlich bewusstlos werden und zu Boden fallen. „Anders als bei dieser sogenannten orthostatischen Synkope, bei der die Personen das Bewusstsein im Liegen rasch wiedererlangen, bleiben Patienten mit Hängetrauma bewusstlos“, erklärt der Notfallmediziner. „Durch das Hängen im Gurt und die vertikale Lage des Körpers kommt es zu einer unzureichenden Durchblutung des Gehirns.“

Betroffene sofort in die Horizontale bringen

Deshalb empfehlen die Experten nach einem Sturz in das Seil, die betroffene Person unverzüglich davon zu lösen und in die horizontale Lage zu bringen. Eintreffende Rettungskräfte sollten keine Zeit für die Bergung verlieren, auch wenn die Person voll bei Bewusstsein ist. Nach dem Bewusstseinsverlust kann nämlich sehr rasch der Kreislaufstillstand eintreten. Sollte das Abhängen nicht umgehend möglich sein, sei es ratsam, die Beine so weit als möglich zu bewegen und den Betroffenen in eine möglichst horizontale Lage zu bringen, betont der Notfallmediziner

„Der genaue Mechanismus, der den plötzlichen Kreislaufzusammenbruch auslöst, ist uns derzeit nicht bekannt. Indem man aber versucht die Blutansammlung in den herabhängenden Körperteilen zu verringern, kann der Kreislaufzusammenbruch wahrscheinlich hinausgezögert bzw. sogar vermieden werden“, so Rauch.Da der Kreislaufzusammenbruch völlig unerwartet und ohne besondere Warnzeichen erfolge, sei sofortiges Handeln zwingend, um das Leben des Betroffenen zu retten.

Foto: pixabay

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
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