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Tod durch Überarbeitung – Japan veröffentlicht Daten

Mittwoch, 12. Oktober 2016 – Autor: Anne Volkmann
Japan ist das einzige Land, in dem es für Tod durch Überarbeitung ein eigenes Wort gibt: „Karoshi“. Nun hat die Regierung erstmals Daten zu den von Arbeitnehmern geleisteten Überstunden zusammengestellt und veröffentlicht.
Karoshi - Tod durch Überarbeitung

In Japan sterben jedes Jahr Tausende in Folge von Überarbeitung und Arbeitsstress – Foto: Creativa Images - Fotolia

In Japan ist der plötzliche Tod durch Überarbeitung („Karoshi“) ein nationales Problem. Meist sterben die Opfer in Folge chronischer Erschöpfung an einem Hirn- oder Herzschlag. Eine Variante des Karoshi ist der Selbstmord aufgrund von Arbeitsstress („Karojisatsu").

Der Grund für diese Erscheinung: Viele Japaner machen extrem viele Überstunden, der Arbeitsdruck ist immens. Begünstigt wird dies durch eine in Japan traditionell hohe Arbeitsdisziplin, aber auch durch den Druck auf Arbeitnehmer, sich ganz den ökonomischen Interessen ihrer Firma zu unterwerfen. In extremen Fällen kann dies zum völligen Verlust der Identität führen. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtet, hat die japanische Regierung nun erstmals ein Weißbuch mit Daten zu Überstunden zusammengestellt.

Mehr als 2000 Selbstmorde jährlich durch Überarbeitung

Für die Untersuchung wurden zwischen Dezember 2015 und Januar 2016 rund 10.000 Unternehmen befragt – 1743 hatten geantwortet. Zudem wurden die Angaben von rund 20.000 Mitarbeitern ausgewertet. Eines der Ergebnisse: 23 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass einige Mitarbeiter mehr als 80 Überstunden im Monat leisteten. Der Analyse zufolge erkannte das Arbeitsministerium zudem im vergangenen Jahr 93 Fälle von Selbstmord oder versuchtem Suizid in Folge von Überarbeitung an.

Die Daten von Polizei und Regierung sind allerdings andere: Demnach wurden im vergangenen Jahr 2159 Selbstmorde registriert, bei denen unter anderem Probleme am Arbeitsplatz eine Rolle gespielt haben sollen. Das zeige, dass die vom Arbeitsministerium anerkannten Fälle wohl lediglich die Spitze des Eisbergs sind, hieß es in dem Bericht. Wird ein Todesfall offiziell als "Karoshi" anerkannt, erhalten die Angehörigen eine Entschädigung.

Bei der Beurteilung, ob dies vorliegt, wird die Belastung am Arbeitsplatz während der vorherigen sechs Monate analysiert. Verschiedene Faktoren werden dabei untersucht, beispielsweise ob mehr als 100 Überstunden in einem Monat oder mehr als 80 monatliche Überstunden über zwei bis sechs Monate vor der Erkrankung abgeleistet wurden oder ob es unregelmäßige Arbeitszeiten und ungünstige Schichtwechsel gab. Auch lange Arbeitszeiten ohne Pause, eine hohe Arbeitsdichte und häufige Dienstreisen werden berücksichtigt.

 

Dunkelziffer ist hoch

Als erster Karoshi-Fall gilt ein 29-jähriger verheirateter Arbeiter, der im Jahr 1969 an seinem Arbeitsplatz in der Versandabteilung einer Zeitung an einem plötzlichen Herzstillstand gestorben war. In den 70er Jahren wurde Karoshi dann als Endpunkt einer Berufskrankheit anerkannt.

Als immer mehr Karoshi-Fälle bekannt wurden, begann das japanische Arbeitsministerium im Jahr 1987, entsprechende Statistiken zu veröffentlichen. Allerdings wird vermutet, dass sie nur einen Bruchteil der tatsächlichen Zahlen wiedergeben. Schätzungen zufolge erleiden in Japan jährlich mehr als 10.000 Menschen aufgrund von Stress am Arbeitsplatz Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Mittlerweile haben sich viele japanische Kliniken auf die Versorgung von Patienten, die Karoshi-gefährdet sind, spezialisiert.

Foto: © Creativa Images – Fotolia.com

Hauptkategorie: Medizin
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