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05.09.2021

TK-Studie: „Arzneimittelpreise bis zu 13-mal so hoch, wie sie fairerweise sein sollten”

Die Kosten von patentgeschützten Arzneimitteln liegen in Deutschland offenbar astronomisch weit über den Preisen, die sich durch die Kosten für Forschung und Herstellung plus marktübliche Renditeaufschläge erklären und rechtfertigen lassen. Dies ist der Tenor einer Studie von Techniker Krankenkasse (TK) und Universität Bremen. Sechs Prozent der Medikamente verursachten fast die Hälfte der Arzneimittelausgaben.
Bunte Pillen fallen aus einem Rohr, das aus einem 100-Euro-Schein geformt ist.

Rund 13 Milliarden Euro im Jahr müssen die gesetzlichen Krankenkassen nach eigenen Angaben zu Lasten der Solidargemeinschaft ausgeben, weil Pharmafirmen für patentgeschütze Arzneien unangemessene Preise nehmen.

Ein sehr kleiner, aber dafür sehr teurer Teil der in Deutschland verordneten Arzneimittel verschlingt fast die Hälfte des Budgets, das die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) im Jahr für Medikamente ausgibt. Das zeigt eine aktuelle Fachpublikation der Universität Bremen und der Techniker Krankenkasse (TK).

GKV: Fast 22 Milliarden Euro für Medikamente im Jahr

Die Ausgaben für Arzneimittel bei der GKV steigen seit Jahren. Nur: Nach oben getrieben werden die Preise offenbar vor allem durch wenige, aber dafür besonders teure Medikamente mit Patentschutz. Der Expertise zufolge entsprach die Menge der definierten Tagesdosen dieser Originalpräparate im Jahr 2019 nur 6,4 Prozent des Gesamtverbrauchs. Ihr Umsatz machte jedoch mit einem Anteil von 46,3 Prozent fast die Hälfte der Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Kassen aus, der im selben Jahr bei 21,6 Milliarden Euro lag.

 

Preisrechner für faire und transparente Arzneimittelpreise

Für ihre Analyse nutzten die Experten von Uni Bremen und TK das Preismodell der „Association of Mutual Benefit Societies“ (AIM). Mit seiner Hilfe lassen sich nach einer TK-Mitteilung  „anhand objektiver Kriterien faire und transparente Arzneimittelpreise berechnen, die auf den Herstellerkosten sowie marktüblichen Renditeaufschlägen basieren“.

GKV könnte 13 Milliarden Euro im Jahr einsparen

Für wie unverhältnismäßig die Studienautoren die Preispolitik und Profite der Pharma-Industrie in Deutschland halten, zeigt die Einschätzung des Bremer Gesundheitswissenschaftlers und Pharma-Experten Gerd Glaeske. „Unsere Berechnungen mit dem AIM-Modell zeigen, dass die tatsächlichen Arzneimittelpreise derzeit bis zu 13-mal so hoch sind wie sie fairerweise sein sollten“, sagt Glaeske, der seit Jahren auch Mitautor des pharma-kritischen Bestsellers „Bittere Pillen“ ist. „Auf den Umsatz gerechnet ergibt das überschüssige Kosten in Höhe von etwa 173 Prozent für patentgeschützte Arzneimittel – etwa 13 Milliarden Euro pro Jahr, die die gesetzliche Krankenversicherung, basierend auf dem AIM Fair Pricing Calculator, einsparen könnte."

TK-Vizechef: „Patente einer der größten Kostentreiber“

„Patentgeschützte Arzneimittel sind einer der größten Kostentreiber für die gesetzliche Krankenversicherung", sagte der stellvertretender Vorstandsvorsitzende der TK, Thomas Ballast. „Gerade vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Ausgabenentwicklung in der GKV müssen wir die Preisbildung in diesem Bereich besonders unter die Lupe nehmen."

Kritiker: Gesetz macht „Mondpreise“ legal und möglich

Die Pharma-Industrie begründetet die hohen Preise für neu eingeführte und deshalb für eine bestimmte Zeit patentgeschützte Präparate mit hohen Kosten für Forschung und Entwicklung im Vorfeld einer Zulassung sowie mit dem Marktrisiko. Kritiker geben der Politik dabei eine Mitschuld an „Mondpreisen“ bei der Einführung von Medikamenten. Laut Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG ) können Hersteller beispielsweise im ersten Jahr nach der Marktführung den Preis für ein Medikament völlig frei festlegen.

Foto: AdobeStock/Schlierner

Autor: zdr
Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
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