. Interview

Time is brain

Der Schlaganfallexperte Dr. Ingo Schmehl über die kurze Zeitspanne für die Akuttherapie und warum viele Patienten ihren Schlaganfall verschlafen.
Dr. Ingo Schmehl

Dr. Ingo Schmehl

Beim Schlaganfall kommt es auf schnelles Handeln an. Was heisst das konkret für einen Betroffenen in der Akutsituation?

Schmehl: Die Notrufnummer 112 wählen und das Stichwort "Schlaganfall" sagen. Das ist die einzig richtige Massnahme, um keine wertvolle Zeit zu verlieren. Schliesslich gilt: Time is brain.

Wie viel Zeit bleibt denn?

Schmehl: Bereits nach zwei Minuten sterben Hirnzellen ab, wenn sie nicht mit Sauerstoff versorgt werden. Je länger dieser Sauerstoffmangel dauert, desto grösser das betroffene Hirnareal. Deshalb sollte der Blutpfropf, der das Hirngefäss verstopft, schnellstmöglich aufgelöst werden. Mit einer medikamentösen Therapie, der so genannten Lyse muss das innerhalb von viereinhalb Stunden nach Auftreten der ersten Symptome geschehen.

Viereinhalb Stunden sind nicht gerade viel.

Schmehl: Alternativ haben wir am ukb mit unserem neurovaskulären Zentrum die Möglichkeit, grössere Gefässe mit einem Katheter zu öffnen und dort ein Medikament oder auch Stents zu platzieren. Das ist das gleiche Prinzip wie bei einem Herzinfarkt. Aber auch der Katheter-Eingriff muss innerhalb von sechs Stunden durchgeführt werden. Eine Ausnahme ist die Basilaristhrombose, das ist ein Verschluss im Bereich des unteren Hirngewebes, der zu schwersten lebensbedrohlichen Ausfällen führt. Hier bleibt uns ein Zeitfenster von bis zu zwölf Stunden.

Sie leiten eine von 18 Berliner Stroke Units. Wie gut sind die Menschen denn über den Schlaganfall aufgeklärt und wie schnell sind sie bei Ihnen?

Schmehl: Dank intensiver Aufklärungsarbeit der letzten Jahre wissen mittlerweile sehr viele über den Schlaganfall Bescheid. Die Menschen haben gelernt, dass plötzlich auftretende Sprachstörungen, Halbseitenlähmungen, ein herabhängender Mundwinkel oder auch Sehstörungen und Schwindel Zeichen für einen Schlaganfall sind - und rufen den Notarzt. Ein zunehmend grösserer Anteil an Patienten schafft es, innerhalb von einer Stunde in einer Berliner Stroke Unit zu sein. Aber es gibt natürlich viele Ausnahmen.

Patienten, bei denen die Aufklärung nicht angekommen ist?

Schmehl: Klar gibt es immer noch Patienten, die erst mal abwarten, ob die Symptome vielleicht wieder verschwinden. Ein anderes Problem ist, dass viele Patienten ihren Schlaganfall sprichwörtlich verschlafen, denn ein Grossteil der Schlaganfälle tritt in der zweiten Nachthälfte auf. Wenn die Patienten dann nach zwölf oder 14 Stunden zu uns kommen, ist es für die Lyse-behandlung zu spät. So ist unter anderem auch zu erklären, warum in Deutschland im Schnitt nur etwa 14 bis 16 Prozent aller Patienten eine Auflösungstherapie erhalten.

Wie können Sie in derart kurzen Zeitfenstern entscheiden, ob der Patient tatsächlich eine Auflösungstherapie braucht oder vielleicht eine Hirnblutung hat?

Schmehl: Egal wann ein Patient zu uns kommt: Jeder Patient erhält bei uns ein CT, mit dem wir ganz sicher den Schlaganfall oder eben die Hirnblutung identifizieren können. Die Hirnblutung ist eine zweite Form des Schlaganfalls, die zwar zu den gleichen Symptomen führt, aber völlig anders behandelt werden muss. In 85 bis 90 Prozent der Fälle liegt aber ein ischämischer Hirninfarkt, also eine Mangeldurchblutung vor, wo dann ein Blutpfropf oder Verkalkungen ein Gefäss verstopfen.

Was können Sie für die zu spät Gekommenen noch tun?

Schmehl: Schlaganfallbehandlung beinhaltet nicht nur Lysetherapie, sondern auch schnelle Diagnostik und Therapie auf der Stroke Unit. Die Therapie besteht im Wesentlichen aus der Einstellung des Blutdrucks, des Blutzuckers, des Fettstoffwechsels, der Gabe von Antibiotika und der kontinuierlichen Überwachung. In unserer Klinik beginnen wir ausserdem schon in den ersten 24 Stunden mit der Frührehabilitation.

Frührehabilitation auf der Intensivstation?

Schmehl: Das ist genau der Vorteil einer Stroke Unit. Wir haben Logopäden, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Neuropsychologen im Haus, die Leistungsstörungen des Gehirns unmittelbar diagnostizieren und therapieren können. Je früher Sie mit der Rehabilitationstherapie beginnen, desto besser das Outcome.

Wie sieht denn generell die Prognose nach einem Schlaganfall aus?

Schmehl: Die Prognose hängt in erster Linie von der Schwere des Schlaganfalls ab. Das Alter des Patienten und Begleiterkrankungen spielen ebenfalls eine Rolle. Als Faustregel gilt: Ein Drittel der Patienten wird wieder fit, ein Drittel behält leichte bis mittelschwere Defizite und ein Drittel behält schwere Folgeschäden oder verstirbt.

Ein Schlaganfall reisst die Menschen aus ihrem Alltag heraus. Wie gehen die Patienten damit um, dass sie zumindest vorübergehend behindert sind?

Schmehl: Wenn die Patienten nach ein paar Tagen realisieren, dass sie nicht mehr richtig sehen oder sprechen können oder eine Halbseitenlähmung haben, reagieren viele mit einer Depression. Wir wissen heute, dass man mit bestimmten Antidepressiva den Rehaprozess positiv beeinflussen kann. Zum Beispiel lassen sich Sprachstörungen mit einer Kombination aus Sprachtherapie und Antidepressiva besser behandeln, als nur mit der Sprachtherapie alleine. Depressionen sollten deshalb immer parallel behandelt werden.

Kann man sich eigentlich vor einem Schlaganfall schützen?

Schmehl: Die Risikofaktoren sind die gleichen wie bei einem Herzinfarkt: Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhter Blutzucker, Nikotin, Gerinnungsstörungen, unzureichende Bewegung und gestörter Fettstoffwechsel. Wer diese Risikofaktoren vermeidet, der kann sein Schlaganfallrisiko deutlich senken. Deshalb kann ich nur jedem raten, sich einmal im Jahr vom Hausarzt durchchecken zu lassen. Und wenn dann Auffälligkeiten sein sollten, die Therapie auch konsequent durchzuführen. Das gilt insbesondere für Patienten mit Vorhofflimmern, denn diese Patientengruppe hat ein deutlich erhöhtes Schlaganfallrisiko und muss mit entsprechenden Blutverdünnern behandelt werden.

Kommt der Schlaganfall immer unerwartet oder gibt es Vorboten?

Schmehl: Die meisten trifft der Schlaganfall unerwartet. Bei einigen Patienten treten aber sogenannte transiente ischämische Attacken, kurz TIA, auf. Das sind leichte, vorübergehende Schlaganfälle, die sich nach 24 Stunden vollständig zurückbilden. Sie äusseren sich in vorübergehenden Seh- Sprach oder Lähmungserscheinungen. Auch diese Vorboten sollten ernst genommen und sofort behandelt werden - denn häufig folgt auf eine TIA ein Schlaganfall.

Dr. med. Ingo Schmehl ist Direktor der Klinik für Neurologie mit Stroke Unit und Frührehabilitation am Unfallkrankenhaus Berlin. Die Stroke Unit versorgt rund 800 Schlaganfallpatienten im Jahr.

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin

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